Fernsehen: ARD-Film «Nackt unter Wölfen» - Autor hofft auf neue Debatte

Weimar - Das Lagertor von Buchenwald trägt die zynische Schrift «Jedem das Seine». Hektisch springen mit Gewehren bewaffnete SS-Leute von den Lastwagen. Auf letzten Befehl ihrer Offiziere hin sichern sie die Stromversorgung im Lagerzaun, damit keine Häftlinge ausbrechen können.

ARD-Film «Nackt unter Wölfen» - Autor hofft auf neue Debatte Bild: Candy Welz/dpa

In wenigen Minuten werden sie vor der heranrückenden US-Armee fliehen. Es ist der 11. April 1945. Die Amerikaner werden in Kürze das Konzentrationslager oberhalb von Weimar erreichen und 21 000 Überlebende befreien.

Es ist eine der letzten Szenen, die am Montag für die Neuverfilmung des Romans «Nackt unter Wölfen» des ostdeutschen Autors und ehemaligen Buchenwald-Häftlings Bruno Apitz (1900-1979) vor der KZ-Gedenkstätte gedreht werden. Der Film soll neue historische Erkenntnisse miteinbeziehen und 2015 zum 70. Jahrestag der Lagerbefreiung in der ARD ausgestrahlt werden. Er hätte sich bei diesem wichtigen Geschichtsstoff ein größeres Budget gewünscht, sagt der Drehbuchautor der KZ-Roman-Verfilmung, Stefan Kolditz. «Fünf Millionen sind für 30 Drehtage nicht so viel.»

Kolditz hofft auch auf eine neue Debatte über Verbrechen von NS-Tätern in Konzentrationslagern. «Ich hoffe darauf, dass der Film Diskussionen auslöst, wie in den 50er und 60er Jahren mit der Aufarbeitung des Faschismus umgegangen wurde», sagte er zum Abschluss der Dreharbeiten in Weimar auch mit Blick auf die heutige Jugend. Nur wenige Verantwortliche von Buchenwald seien damals in Westdeutschland zur Rechenschaft gezogen worden. Kolditz hat auch das Skript des ZDF-Dreiteilers «Unsere Mütter, unsere Väter» geschrieben. Dessen Regisseur Philipp Kadelbach ist ebenfalls bei «Nackt unter Wölfen» dabei.

«Wir wollen weg von den Heldengeschichten, hin zur Geschichte einer Handvoll Häftlinge, die wenige Tage vor der Lagerbefreiung einen kleinen Jungen retten - auch um ihre eigene Würde und ihr Selbstverständnis zu bewahren», sagte Kolditz. Die Rettung eines dreijährigen, jüdischen Jungen, der in einem Koffer in das Lager geschmuggelt wurde, wurde zur Metapher für Menschlichkeit unter barbarischen Lebensbedingungen. Die Schilderung der Rettung des Kindes bei Apitz durch das von Kommunisten geführte internationale Lagerkomitee bestimmte nicht nur in der DDR maßgeblich das Bild des KZ oberhalb der Klassikerstadt Weimar.

Das Buch berühre zufiefst, aber es sei keine Dokumentation, sagte Kolditz. Die Neuverfilmung wolle im Vergleich zur Romanvorlage und auch zur DDR-Verfilmung in den 60er Jahren durch Frank Beyer ein neues, differenzierteres Bild vom Innenleben des Lagers geben. In beiden würden beispielsweise das Leiden und Sterben der Juden im Kleinen Lager kaum vorkommen. Und auch die Schlussszene, die Befreiung des Lagers unter Mitwirken der organisierten Häftlinge werde eine andere sein. In der DDR stand die Selbstbefreiung der Häftlinge im Mittelpunkt.

Als die US-Armee Buchenwald befreite, waren unter den Überlebenden auch rund 900 Kinder und Jugendliche vor allem aus Osteuropa. Sie überlebten nur durch die Solidarität der Lagerinsassen. In Buchenwald selbst starben 1600 Kinder und Jugendliche. Für Hunderte junge Juden, Sinti und Roma begann am Bahnhof Buchenwald die Fahrt nach Auschwitz in den Tod.

news.de/dpa

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