Filmbesprechung: Wenders, Redford & Co erforschen «Kathedralen der Kultur»

Berlin - Wenn Gebäude sprechen könnten, was würden sie uns erzählen? Dieser Frage geht Wim Wenders («Der Himmel über Berlin», «Pina») in einem ungewöhnlichen Gemeinschaftsprojekt mit fünf namhaften Kollegen nach - auch Hollywood-Star Robert Redford ließ sich für das Experiment begeistern.In der Dokumentation «Kathedralen der Kultur» erforschen sie mit den Mitteln der 3D-Technik die Seele besonderer Bauwerke - von der Berliner Philharmonie über das Centre Pompidou in Paris bis zum Halden Gefängnis in Norwegen.

Wenders, Redford & Co erforschen «Kathedralen der Kultur» Bild: George Frey/dpa

Immer wieder vermittelt der Film faszinierende Einblicke in die Geschichte von Gebäuden, allerdings verlangt die gut zweieinhalbstündige Langfassung auch Geduld und Sitzfleisch.

Vor allem Wenders, der seit seinem oscar-nominierten Tanzfilm «Pina» auch international als Vorreiter des dreidimensionalen Kunstkinos gilt, nutzt die Technik virtuos. In seinem Porträt von Hans Scharouns legendärer Philharmonie in Berlin gibt er dem Zuschauer tatsächlich das Gefühl, direkt mit Sir Simon Rattle im Konzertsaal zu stehen. «3D ist eine Revolution der Filmsprache, nicht mehr und nicht weniger», sagt Wenders.

Er beobachtet das Orchester bei Proben, besucht Rattle in dessen Büro, befragt langjährige Mitarbeiter - und lässt mit der Stimme von Meret Becker vor allem das Gebäude selbst zu Wort kommen. Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Eröffnung sei Scharouns bahnbrechendes Konzept, die Bühne mitten im Publikum zu platzieren, immer noch visionär, so sein Fazit.

Regiekollege Robert Redford («Eine ganz normale Familie») nähert sich dem von ihm vorgestellten Salk Institut stärker mit den klassischen Mitteln des Dokumentarfilms. Das Besondere des einsam über der kalifornischen Küste gelegenen Forschungsinstituts wird vor allem aus den Erzählungen und Erinnerungen von Menschen lebendig. «Mein Ansatz und meine Erwartung an 3D war, dass es mir helfen würde, die außergewöhnliche Architektur, die spitzen Winkel, intensiv erlebbar zu machen», erklärt der zweifache Oscar-Preisträger. «Das war eine Herausforderung und ich liebe Herausforderungen.»

Zu einer Art Vermächtnis wird der Beitrag des österreichischen Regisseurs Michael Glawogger über die Russische Nationalbibliothek. Der gebürtige Grazer starb im April, zwei Monate nach der Premiere von «Kathedralen der Kultur» bei der Berlinale, mit 54 Jahren bei neuen Dreharbeiten in Afrika an Malaria. Seine Liebeserklärung an die altehrwürdige Welt der Bücher im Regal-Labyrinth von St. Petersburg ist eins seiner letzten Filmprojekte.

Die vielleicht bewegendste Episode kommt von dem dänischen Konzeptkünstler Michael Madsen («Into Eternity»), weil in seiner Beschreibung des modernen norwegischen Hochsicherheitsgefängnisses Halden letztlich doch die Menschen dort die Hauptrolle spielen. Der aus Brasilien stammende Filmemacher Karim Ainouz («Praia Do Futuro») lässt das Pariser Centre Pompidou in Ich-Form von einem Tag in seinem Leben als demokratisch-offener Kulturtempel erzählen.

Und die norwegische Regisseurin Margreth Olin macht aus ihrer Ode an das neue Osloer Opernhaus fast ein poetisches Gedicht. Während etwa Redford zugibt, der 3D-Technik «mit gemischten Gefühlen» zu begegnen, ist ihre Bilanz rundum positiv. «3D hat mir neue Werkzeuge an die Hand gegeben, um auszudrücken, was ich sehe», sagt die 44-Jährige. «Es ist magisch.»

In den deutschen Kinos läuft der Film in 3D oder in 2D. Außerdem gibt es eine Langfassung (156 Minuten) und eine zweiteilige Version (je 78 Minuten).

Kathedralen der Kultur - Film in 3D

news.de/dpa

Empfehlungen für den news.de-Leser