Filmbesprechung: Psychothriller: «Die zwei Gesichter des Januars»

Berlin - Täuschungsmanöver, Dummheit und andere menschliche Schwächen gab es natürlich bereits in der Antike. Das lernen auch die Touristen, die im Jahr 1962 unter blauem Himmel die Ruinen auf der Athener Akropolis besichtigen.

Psychothriller: «Die zwei Gesichter des Januars» Bild: Studiocanal/dpa

Zu ihnen gehört das so elegante wie gut gelaunte amerikanische Ehepaar Chester (Viggo Mortensen) und Colette MacFarland (Kirsten Dunst). Eine seltsame Faszination stellt sich dabei zwischen dem Geschäftsmann, seiner jungen Frau und dem etwas zwielichtigen Reiseführer Rydal (Oscar Isaac) ein. Und schon bald geraten die drei Bürgerexistenzen in ein modernes Labyrinth aus tödlichem Lug und Trug, aus dem kein Griechenheld sie rettet.

Nach dem gleichnamigen Roman «Die zwei Gesichter des Januars» (1964) voller mythologischer Anspielungen der amerikanischen Krimimeisterin Patricia Highsmith hat Hossein Amini (48) seinen düsteren psychologischen Thriller geschaffen. Weltpremiere feierte der Film in Anwesenheit von Mortensen im Februar bei der Berlinale.

Es ist zugleich das Regiedebüt des aus dem Iran stammenden Drehbuchautors, der etwa für seine Henry-James-Adaption «Die Flügel der Taube» eine Oscar-Nominierung erhielt. Highsmith (1921-1995) wiederum, die einst auch Griechisch studierte, hatte bereits in ihrem populärsten, gleich zweimal verfilmten Buch «Der talentierte Mr. Ripley» (1955) Motive und Charaktere entwickelt, die ähnlich auch in Aminis Geschichte vorkommen.

Vor kultivierter Mittelmeerkulisse geht es um verborgen gehaltene Beweggründe wie sozialer Ehrgeiz, Eifersucht und Gewinnstreben, die in amoralischem Tun der Personen münden.

«Highsmiths Figuren sind Lügner, Betrüger, Trinker; sie sind haltlos eifersüchtig, paranoid oder dumm. Aber genau ihre Macken machen sie geradezu schmerzhaft menschlich», schreibt der Regisseur dazu, «in der Folge werden auch die drei Hauptfiguren des Films zum Spielball der Götter, aber sie nehmen das nicht widerstandslos hin. Sie wehren sich gegen das Schicksal, das über sie hereinbricht.»

Der Titel des Werks bezieht sich auf Janus, den römischen Gott des Anfangs und des Endes. Denn Chester und Rydal kommen sich so nahe, dass man sie - dem Janus ähnlich - als eine Persönlichkeit mit zwei Gesichtern sehen kann.

In sehr ästhetischen Aufnahmen, die mit gepflegtem 60er-Jahre-Schick genauso spielen wie mit der Harmonie südländischer Bauten und Landschaften, fängt Kameramann Marcel Zyskind («Code 46») den schönen Schein ein, den die Figuren wahren wollen. Doch bald werden Risse und Abgründe sichtbar.

So wie Rydal erfährt, dass er im vorgeblich mondänen Chester einen Aktienbetrüger und mutmaßlichen Mörder bei seiner Flucht unterstützt, so verwandelt sich die Welt der drei sensiblen Amerikaner unaufhaltsam in einen Irrweg aus engen Gassen, chaotischen Märkten und schäbigen Kammern. Er findet seinen Tiefpunkt auf Kreta in einer Höhle des Labyrinths von Knossos.

«Die zwei Gesichter des Januars» ist klassisch opulentes Bilder-Kino - ein Film noir, der an Hitchcock denken lässt. Vorangetrieben wird die Handlung durch die seelischen Prozesse der Figuren, die trotz allem zur Identifikation einladen.

Dabei geben die Hollywood-Stars Dunst («Melancholia») und Mortensen («Der Herr der Ringe») sowie Isaac («Inside Llewyn Davis») fabelhafte Darsteller ab. Dunsts kokette, perfekt gestylte Colette, die eigentlich ganz anders heißt, lässt an ihren unruhigen Augen erkennen, dass sie jeden Moment emotional zusammenbrechen könnte. Und Mortensen hätte all die Zigaretten und Spirituosen, an denen sein Chester sich festhält, nicht nötig, um zu zeigen, dass mit dessen Illusion von gutem Leben und Liebe auch dessen Innenleben zerstört ist.

Zu alledem pocht die dramatische Musik von Alberto Iglesias («Dame, König, As, Spion»). Überraschend klingt in der letzten Szene so etwas wie Erlösung an - doch die scheint weniger mit Göttern zu tun zu haben als mit der menschlichen Fähigkeit zur Einsicht.

Die zwei Gesichter des Januars

news.de/dpa

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