Theater: Berliner Ensemble erinnert an George Tabori

Berlin - Er galt als «dienstältester Theatermacher der Welt». Vom Alter gebeugt saß George Tabori bei den Premieren seiner Stücke in der ersten Reihe oder gleich mit auf der Bühne, um direkt am Spiel seiner Darsteller teilzuhaben.

Berliner Ensemble erinnert an George Tabori Bild: epa apa Roland Schlager/dpa

Die Bezeichnung Regisseur mochte er nicht. «Ich bin ein Spielmacher», sagte Tabori stets. Am Samstag (24. Mai) wäre der gebürtige Ungar, der im Laufe seines Lebens in 17 Ländern lebte, 100 Jahre alt geworden.

Das Berliner Ensemble erinnert an diesem Tag mit einem «Fest für George» an den bescheidenen Mann, der nach seinen Theaterpremieren den begeisterten Applaus der Zuschauer stets mit einem freundlichen Lächeln abwehrte. Tabori starb am 23. Juli 2007 im Alter von 93 Jahren in seiner letzten Wahlheimat Berlin.

Zu dem Erinnerungsabend für den Regisseur, Dramatiker und Schriftsteller werden viele Schauspielstars erwartet. Darunter sind Cornelia Froboess, David Bennent, Therese Affolter, Sibylle Canonica, Leslie Malton und Felix von Manteuffel, wie Ensemble-Intendant Claus Peymann mitteilte. Auch die Witwe des Theatermachers, die Schauspielerin Ursula Höpfner-Tabori, sowie Filmregisseur Michael Verhoeven, der Taboris «Mutters Courage» verfilmte, sind dabei.

Es wird gesungen, aus Briefen gelesen und aus Texten zitiert. Es gibt Spielszenen und Filme über das Leben und Werk von Tabori. Vor der Gala ist Taboris Inszenierung von Becketts «Warten auf Godot» mit Axel Werner und Michael Rothmann zu sehen.

Aus dem Nachlass des Künstlers wurde jetzt mit «Exodus» der zweite Teil von Taboris Lebenserinnerungen veröffentlicht - nach dem im Jahr 2002 erschienen ersten Teil «Autodafé». In «Exodus» gehe es um Taboris abenteuerliche Kriegsirrfahrten durch Europa und den Nahen Osten, so der Wagenbach Verlag.

Der Fernsehsender 3sat zeigt am 24. Mai die neue Dokumentation «Der Spielmacher - George Tabori in Amerika» sowie die Groteske «Mein Kampf». In dem Film nach dem gleichnamigen Stück von Tabori sind Tom Schilling als junger Adolf Hitler und Götz George als jüdischer Buchhändler Schlomo Herzl zu sehen, die in einem Wiener Männerheim aufeinandertreffen.

«Ich betrachte die Welt mit den Augen eines Kindes und sehe dabei immer neue Sachen», sagte Tabori einmal. Er schrieb mehr als 50 Theaterstücke, vier Romane sowie unzählige Erzählungen und Hörspiele. Als György Tabori wurde der Theatermacher am 24. Mai 1914 in Budapest geboren. Der Sohn eines Journalisten kam mit 18 Jahren nach Deutschland, um im Berliner Hotel Adlon eine Lehre als Hotelboy zu machen.

1936 emigrierte er nach London, war Auslandskorrespondent auf dem Balkan, arbeitete für die BBC und den Geheimdienst der britischen Armee im Nahen Osten. 1945 wurde Tabori britischer Staatsbürger. 1947 zog es ihn als Drehbuchautor nach Hollywood, wo er für Alfred Hitchcock schrieb und Werke von Brecht ins Englische übersetzte.

Im Jahr 1968 kehrte Tabori nach Berlin zurück. Seither arbeitete er im deutschsprachigen Raum, zuerst von 1975 bis 1979 am «Bremer Theaterlabor», später in München, Köln und Bochum. In Wien gründete er 1987 sein freies Ensemble «Der Kreis». Nach Jahrzehnten in Bremen, München und Wien zog Tabori 1999 wieder nach Berlin, wo er Hausregisseur am Berliner Ensemble wurde.

Den Deutschen half Tabori, dessen Vater in einem Konzentrationslager von den Nazis umgebracht wurde, jahrzehntelang bei der Vergangenheitsbewältigung. Er enttabuisierte das Thema Holocaust auf der Bühne. Lachen und Weinen sind in seinen tragikomischen Geschichten immer nah beieinander. Seine jüdische Abstammung erlaubte es Tabori sogar, Späße mit dem Holocaust zu treiben. Doch hinter jedem Witz steckte die Katastrophe, war die Trauer zu spüren.

Auf den deutschsprachigen Bühnen ist Taboris Werk weiter präsent. In dieser Spielzeit wird nach einer Statistik des Theatermagazins «Die Deutsche Bühne» Taboris «Mein Kampf» in Tübingen, Memmingen und Braunschweig gespielt. Am Berliner Ensemble wird «Die Kannibalen» gezeigt und am Landestheater Linz hatten gerade «Die Goldberg-Variationen» Premiere.

news.de/dpa

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