Philosophie: Fälscher Beltracchi philosophiert über Kunst

Köln - Man kann nicht gerade sagen, dass er sich rar gemacht hätte in jüngster Zeit: Bei Markus Lanz war er, in der Talkshow «3nach9» auch. Er gab Zeitungsinterviews, vor kurzem stand er auf dem roten Teppich der Filmpremiere über sein Leben.

Fälscher Beltracchi philosophiert über Kunst Bild: Oliver Berg/dpa

Und jetzt sitzt er in Köln auf dem Podium der «Phil.Cologne» vor mehr als 300 Menschen: Wolfgang Beltracchi (63), verurteilter Kunstfälscher, derzeit im offenen Vollzug. Auf das Philosophiefestival ist er eingeladen um über die «Kraft der Kunst» zu diskutieren. Gerade Beltracchi?

Im Vorfeld hatte es Kritik gegeben. «Die ethische Frage «durfte der das?» ist längst beantwortet. Von Beltracchi mit einem Geständnis, vom Richter mit einer Strafe, die Beltracchi fast abgesessen hat», erklärte Jürgen Wiebicke, Moderator des Abends und Programmmacher der «Phil.Cologne», schon vor der Veranstaltung. «Was sollte uns also daran hindern, von ihm, der ein Leben lang über Kunst nachgedacht hat, Antworten zu hören auf die spannenden ästhetischen Fragen, die ich genannt habe? Der Mann ist ja kein Unhold!»

Für viele Zuschauer liegt der Reiz an diesem Abend wohl weniger am Thema selbst - den «Jahrhundertfälscher», den will man mal sehen: Ist der nun ein ausgebuffter Meisterfälscher oder doch eher ein wenig kreativer Kopist? «Ich bin ziemlich skeptisch», sagt eine ältere Dame, die sich während der Diskussion Vermerke ins Notizbuch macht.

Beltracchi trägt ein blütenweißes Hemd, eine ausgewaschene Jeans, die langen grauen Locken wirbeln um den Kopf. Er nickt seinem Gegenüber, dem Philosophie-Professor Christoph Menke, gern zu. Manchmal aber wirkt Beltracchi erschöpft, abwesend. Aber die Zuschauer mögen ihn.

Zumindest klatschen sie, wenn er Sätze sagt wie: «Es gibt immer einen Idioten, der noch mehr bezahlt. Und es gibt ganz viele Leute, die daran arbeiten, dass es immer wieder einen Idioten gibt, der mehr bezahlt», sagt er etwa zu den hohen Preisen am Kunstmarkt. Oder wenn er erklärt: «Es ist dieses Gefühl des Besitzen-Wollens. Richtige Sammler sind auch ein bisschen verrückt.» Oder wenn er zugibt: «Herzblut» stecke nun wirklich nicht in seinen kopierten Bildern.

Alles in allem bleibt es an diesem Abend auf der «Phil.Cologne» im Gespräch mit Christoph Menke, Professor für praktische Philosophie an der Uni Frankfurt, aber bei den eher abstrakten Themen und den ganz großen Fragen: Wann berührt Kunst? Wie definiert sich Aura? Wer ist ein Künstler? Weder Menke noch Beltracchi wollen weiter auf den Fall des Kunstfälschers eingehen. Nach früheren eigenen Angaben hatte er über Jahrzehnte hinweg etwa 300 Fälschungen auf den Markt gebracht.

Der 63-Jährige erklärt an diesem Abend aber auch noch, dass er 2011 nicht gerade milde bestraft worden sei: «Dass hat es in Europa noch nie gegeben, dass ein Kunstfälscher eine solch hohe Strafe bekommen hat. Immer wieder wird gesagt, der Beltracchi, der ist ja milde bestraft worden.» Aber das stimme absolut überhaupt nicht, meint der Maler. Sondern man habe an ihm ein Exempel statuiert mit den sechs Jahren Haftstrafe. Da geht kurz ein Raunen durchs Publikum.

news.de/dpa

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