Filmbesprechung: «Enemy»: Verwirrendes Doppelgängerspiel

Hamburg - Wenn ein Kinofilm voller Symbole, Andeutungen und Mehrdeutigkeiten steckt, die der Zuschauer kaum zu entschlüsseln weiß, ist das Werk entweder komplett missglückt oder derartig intensiv, dass es den Zuschauer nicht mehr los lässt.

«Enemy»: Verwirrendes Doppelgängerspiel Bild: capelight pictures/dpa

Denis Villeneuves «Enemy» gehört definitiv zu der zweiten Kategorie, die des betörenden Kino-Rätsels, das seine Faszination aus der beklemmend-ästhetischen Inszenierung, dem großartigen Hauptdarsteller Jake Gyllenhaal und einer ebenso großartigen Romanvorlage - José Saramagos «Der Doppelgänger» - verdankt.

Adam (Gyllenhaal) bewegt sich durch sein Leben wie in einem lethargischen Traum. Er scheint durch seine Studenten durchzuschauen, seine Vorlesungen abzuspulen, seine triste, schlichte Wohnung ebenso wenig wahrzunehmen wie seine Freundin Mary (Mélanie Laurent), mit der er ab und zu aggressiven Sex hat, sonst aber keine empathische Beziehung. Zu letzterer scheint er gar nicht in der Lage. Wie in einem diffusen Traum erscheint auch das Toronto, in dem der seltsam unbeholfene, aus dem Hier und Jetzt entrückte Adam lebt - immer von einem flimmernden Dunst überzogen. Ist dieses Leben, die Stadt Realität oder Imagination?

Auf die Empfehlung eines Uni-Kollegen in einem der wenigen Gespräche, die Adam führt, leiht sich der Geschichtsprofessor eines Abends einen alten Film aus. Darin entdeckt er in einer Nebenrolle sein absolutes Ebenbild. Adam macht sich auf die Suche nach diesem Schauspieler, der sich Daniel Saint Claire nennt, eigentlich aber Anthony Claire heißt.

Völlig verstört und teils mit bemitleidenswerter Hilflosigkeit versucht Adam Kontakt zu dem selbstverliebten und selbstgefälligen Anthony (natürlich ebenfalls von Gyllenhaal gespielt) aufzunehmen, dem Mann mit gleichem Aussehen, gleicher Stimme und wie sich später herausstellt gleicher Narbe auf der Brust. Adams Mutter (irritierend kühl und ebenfalls rätselhaft gespielt von Isabella Rossellini) schließt jegliche Zwillingsüberlegungen aus, was zu einer weiteren verstörenden Ambivalenz führt. Nach langem Zögern lassen sich die beiden Männer auf ein gefährliches Spiel um Identität, Sex und Macht ein.

Wer ist echt, wer ist die Kopie? Was spielt sich in wessen Kopf ab, was in der Realität? Wer war der Mann in der düsteren Eingangssequenz in einer Edel-Sexshow und was hat es mit den übergroßen Spinnentieren auf sich? Der kanadische Regisseur Villeneuve gibt in seiner zweiten Zusammenarbeit nach «Prisoners» mit Gyllenhaal viele Rätsel auf, taucht die ohnehin schon enigmatische Geschichte in eine hochartifizielle Atmosphäre, die vom ersten Augenblick an Beklemmung auslöst und die er ästhetisch brillant inszeniert.

Die Figuren bleiben ebenso undurchschaubar wie die Handlung in all ihren Facetten, und das bis zum schockierenden Schlussbild. Hier scheint sich Villeneuve ordentlich von Franz Kafka, David Lynch und Alfred Hitchcock inspiriert haben zu lassen. «Enemy» ist betörend wie beklemmend und damit absolut fantastisch.

Enemy

news.de/dpa

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