Zwischen zwei Welten: Karel Gott: "Unser Beruf geht praktisch zu Ende"

Er ist viel mehr als nur ein "Schlagerfuzzi": Sänger Karel Gott gibt in seiner neuen Biografie "Zwischen zwei Welten" einen Einblick in sein kompliziertes und gleichzeitig schillerndes Leben inmitten zweier Ideologien.

Karel Gotts Autobiografie "Zwischen zwei Welten"

Bild: Riva/spot on news

Er hat Millionen Alben verkauft, tausende Konzerte gespielt und hunderte Frauen beglückt: Kurz vor seinem 75. Geburtstag am 14. Juli lässt Schlagersänger Karel Gott (74) die Welt einen genauen Blick in sein langes, aufregendes Leben als Musikstar werfen. In seiner jüngst erschienenen Autobiografie "Zwischen zwei Welten" (Riva, 256 Seiten, 19,99 Euro) erzählt der tschechische Exportschlager von seiner langen Karriere vor und hinter dem eisernen Vorhang, von Treffen mit berühmten Kollegen und Machthabern sowie von seinem jungen Familienglück. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt der gebürtige Pilsener zudem, warum er Schlagersänger werden wollte, wie schlecht es um das Musikbusiness steht und worauf er bei der Kindererziehung achtet.

Herr Gott, Ihre Autobiografie "Zwischen zwei Welten" ist erschienen. Haben Sie nun alles erreicht, was sie in Ihrer Karriere erreichen wollten?

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Karel Gott: Nicht alles, sonst wäre jetzt Schluss und ich wäre nicht hier. Es gibt immer noch etwas zu tun. Ich lebe mit dem Gefühl: Das Beste kommt erst noch. Ich suche immer neue Herausforderungen, neue Ziele. Ich freue mich stets darauf, wenn ich an einem Tag etwas singe und am nächsten Tag wieder eine andere Produktion ansteht. Das sind das ewige Adrenalin, die Spannung und die Frage: Schaffe ich das? Ich muss!

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Eine späte Herausforderung ist Ihre Familie. Sie haben mit 68 geheiratet und neben Ihren beiden ersten Kindern nun zwei weitere junge Töchter im Alter von acht und fünf Jahren. Spielt die Musik auch in Ihren vier Wänden eine wichtige Rolle?

Gott: Ja, bei uns zu Hause wird sehr viel gesungen. Meine Töchter zeigen ihr Talent schon, seit sie ganz klein sind. Wenn sie meine Konzerte in Prag besucht haben, konnten sie aufgrund der Eindrücke nicht schlafen. Sie sahen, wie die Menschen im Saal tobten. Zu Hause schnappten sie sich ein Mikrofon und spielten eine Vorstellung für mich. Wenn sie so begeistert sind und für die Musik brennen, dann werde ich ihnen das nicht ausreden. Charlotte spielt sogar im Musical "Mata Hari" mit, sie spielt dort Mata Haris Tochter.

Dann haben Sie die musikalischen Gott-Gene auf jeden Fall schon weiter gegeben...

Gott: Meine Töchter zeigen sich gerne, das ist ein gutes Zeichen. Dieses "Ich will auf die Bühne und zeigen, was ich kann" ist der Grundstein. Dann werden wir sehen, wie sich das weiter entwickelt. Die beiden haben Gesangsunterricht, Charlotte auch am Klavier. Sie ist von den Stunden nicht immer so begeistert. Ich versuche aber, meinen Kindern beizubringen, dass sie diesen Unterricht schätzen müssen. Er ist nicht selbstverständlich. Ihr Vater bezahlt Ihnen dieses Privileg.

Anders als bei Ihnen früher...

Gott: Ich habe von meinen Eltern damals nichts bezahlt bekommen. Ich musste als Elektromonteur in der Fabrik hart arbeiten, um meine Gesangsstunden bezahlen zu können. Ich hab mir auch selbst den Englischunterricht bezahlt - indem ich englischsprachige Zeitschriften über Musik von meinem Geld gekauft und darin gelesen habe, was über neue Platten geschrieben wird. Viele Kinder nehmen heute ihren Wohlstand als selbstverständlich hin.

Wie versuchen Sie, dem bei Ihren Töchtern entgegen zu wirken?

Gott: Meine Kinder haben zum Beispiel fünf Sorten Joghurt zur Auswahl. Aber sie können sich gar nicht vorstellen, wie das in meiner Kindheit in der Nachkriegszeit war. Ich möchte, dass meine Töchter wissen: Es kann in der Zukunft immer etwas passieren, es kann schlimmer werden. Nicht, dass ich ihnen drohe. Aber ich zeige ihnen Bilder von Kindern aus Afrika, die gar nichts zu essen haben. Das sind Kleinigkeiten, die man seinen Kindern bewusst machen muss. Dass nicht nur Gesangsunterricht, sondern auch Joghurt zum Frühstück nicht selbstverständlich ist.

Sie werden im Juli 75 Jahre alt, sind noch topfit. War es stets die Musik, die Energie auf der Bühne, die Sie so jung hält?

Gott: Das ist wie ein Perpetuum mobile. Ich habe über die Jahre gelernt, wie ich vom Publikum Energie auftanke. Erst muss ich ihm allerdings auch welche geben. Die Zuschauer warten und denken: "Junge, zeig uns was!". Dem muss man gerecht werden. Aber wenn man das Publikum aufgewärmt hat, kann man wiederum dessen Energie aufnehmen.

Wie entstand Ihre Liebe zur Musik, der Wunsch, ein Publikum zu begeistern und als "Überbringer guter Nachrichten" positive Energie zu verbreiten?

Gott: Ich wollte schon in meiner Schulzeit immer unterhalten. Wenn wir einen Ausflug gemacht haben, wollte ich etwas erzählen oder singen. Das Wichtigste war aber immer die Kostbarkeit der westlichen Musik. Wenn jemand von uns das Glück hatte, eine aktuelle Pop- oder Rockplatte aus dem Westen zu bekommen, war das ein Fest! Dann haben wir Musiker uns in einer Wohnung versammelt, nur um die Platte zu hören. Dann hieß es "Boah, die machen das gut. Jetzt kommt das Solo, pass mal auf, wow!" Wer hört heute so noch Musik? Weil sie eben nicht mehr kostbar ist; stattdessen wird sie total überproduziert. Plattenläden? Die gibt es fast nicht mehr. Diese Gemeinsamkeit, das gemeinsame Hören, sich zusammen über Musik freuen: Das war der Grund, warum ich so ein einmaliger Sänger sein wollte.

Welche Musik wollten Sie dann machen?

Gott: Das, was man bei uns in den Fünfziger Jahren gehört hatte, diese Musik entsprechend dem System, das war alles nach dem Motto "Falsche Pose"; sozialistische Unterhaltung eben. Dann kam Musik zu uns, die gerade bei den Ideologen nicht so gut ankam. Dieses Rebellische, das war dann für uns der ganze Reiz. Aber dann habe ich Platten gehört, die waren, wie der Osten und der Westen damals, durch eine große Barriere getrennt: Unterhaltungsmusik und Klassik.

Welcher Künstler hat sie besonders beeinflusst?

Gott: 1959 habe ich eine Platte von Mario Lanza bekommen. Der hatte als Tenor eine wahnsinnig gute Stimme. Und ich habe gesagt, so zu singen, das wäre es. Der Mann baute die Barrieren ab zwischen Ernsthaftigkeit und Unterhaltung, das wollte ich auch! Und ich wollte Unterhaltungsmusik mit einer klassisch ausgebildeten Stimme machen.

Hatten auch deutsche Sänger daran ihren Anteil?

Gott: Als ich ein Junge war, hat mir meine Tante aus Limburg in Hessen immer Ausschnitte von Peter Alexander oder Peter Kraus geschickt. Meine erste Platte zu Hause in deutscher Sprache war der Rock'n'Roll von Peter Kraus. Wir sind eine Generation, die die goldene Zeit der Unterhaltungsmusik erlebt hat: die Sechziger, Siebziger, Achtziger. Viele, die den Erfolg damals mitgemacht haben, sind leider nicht mehr unter uns, wie Roy Black, Hanne Haller oder Rex Gildo.

Über Ihre Erlebnisse mit vielen dieser Künstler sprechen Sie in Ihrer Autobiografie. Vor allem geben Sie darin einen Einblick in Ihr Leben, das sich bis 1989 zwischen den damaligen Systemen von Ost und West abspielte.

Gott: Diese Erlebnisse kann man in einem kurzen Interview nicht beschreiben. Mit "Zwischen zwei Welten" kann ich endlich chronologisch die Einzelheiten erzählen, damit man die Zusammenhänge versteht, warum das damals so war. Die junge Generation heute weiß wenig von dieser teils dramatischen Geschichte bei uns in der Tschechoslowakei. Sie hat zwar gelernt, was da passierte, aber keine Lust, zu analysieren, warum es so kam. Was waren die Hintergründe? Ich möchte zeigen, was ein Pop- oder Schlagersänger alles erzählen kann, was so ein "Schlagerfuzzi" alles erlebt hat. Von welchen Präsidenten er ausgezeichnet wurde, für welche er gesungen hat. Neulich hat mich unser Präsident in Prag zum Abendessen mit Bundespräsident Gauck eingeladen, unter 100 Leuten aus der Politik und Wirtschaft war ich der einzige Künstler.

Ihre Karriere war folglich immer eng mit der Politik verknüpft...

Gott: Uns Schlagersänger kann man nicht so leicht beleidigen. Aber ein bisschen traurig und enttäuscht war ich schon immer, wenn uns abwertende Bemerkungen entgegen schlugen. Wenn ein Schlagersänger etwas über seine politische Meinung sagte, dann wurde er sofort zum Idioten gemacht. Viele stecken Schlagersänger gerne in eine Schublade. Ich selbst bin immer stolz, wenn ich zeigen kann: Es ist nicht so! Ich bin von Prag über Hamburg, nach Berlin, Tokio, Moskau oder Las Vegas gereist und habe mehr wichtige Personen getroffen als viele Politiker und Diplomaten das tun. Und im Gegensatz zu Diplomaten, die etwas erzählen müssen, was schon vorbereitet wurde, konnte ich frei sprechen.

So trafen Sie Größen wie Vaclav Havel oder Michail Gorbatschow. Hätten Sie auch stärkeren Einfluss auf die Politik nehmen können?

Gott: Das wäre möglich gewesen, das wollte ich aber nicht. Es wäre nicht glaubwürdig gewesen, wenn ich in die Politik eingegriffen hätte. Man verliert seine Integrität als Sänger, der auf der Bühne erscheint, singt und verschwindet. Plötzlich redet da einer über Probleme, die Sachen betreffen, die gar nicht romantisch sind. Dann fragen sich die Leute: Warum macht er das? Weder als Politiker noch als Sänger wird er dann ernst genommen.

Sie erzählen in Ihrem Buch von Ihren Erfahrungen in Las Vegas, wo Sie parallel zu Frank Sinatra oder Sammy Davis jr. aufgetreten sind. Sind Sie von dort als ein anderer Mensch zurückgekommen?

Gott: Ich bin viel selbstbewusster zurückgekommen, aber nicht als anderer Mensch. Ich bin immer typisch ich geblieben. Das hab ich in den Jahren gelernt, du musst ein Typ sein! Darauf bin ich stolz, dass ich nach dem ersten Takt im Rundfunk sofort erkannt werde. Das war immer mein Ziel.

Parallel zu Ihnen waren auch Künstler wie Peter Kraus oder Udo Jürgens über Jahrzehnte erfolgreich. Ist solch eine Karriere auch für Musiker von heute noch möglich?

Gott: Ich habe das Gefühl, dass es wenig gibt, was noch wahnsinnig überraschen kann oder was das Publikum noch nie gehört hat. Man hat alle möglichen Facetten der Musik schon gehört, alle möglichen Stimmen. Damals war die Musik noch jung. Darum sage ich: Gottseidank hat unser Jahrgang diese goldene Zeit erlebt. Diesen Beruf gibt es in Zukunft vielleicht nicht mehr, es werden nur noch alte Sachen reproduziert. Unser Beruf geht praktisch zu Ende, wir schließen unseren Markt.

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