Durch(ge)hört: Feinsinn aus Hamburg

Mit ihrem Debüt haben Hundreds aus Hamburg auch international für Aufsehen gesorgt. Das neue Album «Aftermath» ist ein mehr als würdiger Nachfolger.

Hundreds: «Aftermath»

Kein Ton ist zu viel, nichts wird verschwendet, jeder Klang wirkt auf exklusivste Weise gewählt und so, als trage er ein heiliges Geheimnis in sich. Das gilt auch auf «Aftermath», dem zweiten Album von Hundreds. Die Hamburger Geschwister Eva und Philipp Milner haben sich mit diesem Sound zu einem veritablen Phänomen entwickelt, auch international.

Man müsste Poet sein, um diese Musik zu beschreiben

Auch auf ihrem zweiten Album ist die Musik von Hundreds wieder so exquisit, spannungsvoll und schön, dass man eigentlich ein Dichter (nicht bloß ein Journalist) sein müsste, um sie beschreiben zu können. Die Platte bietet viele kleine, faszinierende Ideen. Der Sound ist gewohnt reduziert; beispielsweise im Titelsong meint man manchmal, nur den Gesang von Eva Milner zu hören und ein paar scheinbar zufällig hereingewehte Geräusche. Insgesamt ist«Aftermath» im Vergleich zum Debüt aber heller, heiterer, gelöster.

«Circus» zum Beispiel zeichnet eine große Leichtigkeit aus, der Song wird, passend zur Zeile «I want to dance to my bones» sogar tanzbar - auch wenn es ein Engtanz wäre. Auch bei «Our Past» oder «The Headed Beast» erkennt man: Das ist Pop, wenn auch eine sehr zurückhaltende, subtile Variante davon.

Künstler: Hundreds
Album: «Aftermath»
Plattenfirma: Sinnbus Records

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Hurray For The Riff Raff: «Small Town Heroes»

Wenn man «The New SF Bay Blues» hört, das fünfte Stück auf dieser Platte, dann kann man sich kaum vorstellen, dass Alynda Lee Segarra, die 26-jährige Frontfrau von Hurray For The Riff Raff, einmal eine große Vorliebe für Bikini Kill hatte. Sie war als Teenager ein echter Hardcore-Punk. Jetzt macht sie Lieder wie dieses, die kaum zerbrechlicher sein könnten.

New Orleans spielt zentrale Rolle auf dem Album

Eine einleuchtende Verbindung für ihre Vergangenheit als Punk-Girlie und ihre Gegenwart als traurige Countrysängerin kann Segarra dann aber doch nachweisen: In beiden Verkörperungen findet sie einen Weg, auch als rastlose Außenseiterin akzeptiert zu werden. Mit 17 verließ sie ihre Heimatstadt New York, zog quer durch die USA und landete schließlich in New Orleans. Die Stadt spielt eine zentrale Rolle auf «Small Town Heroes», dem sechsten Album von Hurray For The Riff Raff. Es gibt Hymnen an den Kiez, an das Miteinander oder die Tatsache, dass eine Heimat immer auch ein wenig den Ansporn bereithalten kann, wieder aufzubrechen.

Der St. Roch Blues behandelt in einem fast klassischen Soul-Gewand die Kriminalität in diesem Stadtteil. Es romantisiert sie nicht, es findet sich nicht mit ihr ab, es erkennt die Wurzeln von Verbrechen und die Schmerzen, die es anrichtet. Es ist diese Fähigkeit, Geschichte und Aktualität zu verbinden - im Sound, aber auch in den Themen -, die Hurray For The Riff Raff hier so glänzen lassen.

Künstler: Hurray For The Riff Raff
Album: «Small Town Heroes»
Plattenfirma: ATO Records

Arthur Beatrice: «Working Out»

Inkongruenz ist das wichtigste Prinzip in der Musik von Arthur Beatrice. Das fängt beim Bandnamen an: Niemand aus dem Quartett aus London heißt Arthur Beatrice, oder bloß Arthur, oder bloß Beatrice. Aber mit einem Männer- und einem Frauennamen wird zumindest verdeutlicht, dass es hier Stimmen verschiedenen Geschlechts gibt: Neben Orlando Leopard, der die Band mit seinem Schulfreund Elliot Barnes (Schlagzeug) gegründet hat, ist nämlich auch Ella Girardot am Mikrofon zu erleben.

In der Arbeitsweise von Arthur Beatrice geht es um das Vereinen von Dingen, die zunächst nicht zusammen passen. Jeder der vier Musiker bringt seine Ideen ein, dann diskutieren alle darüber, basteln, erweitern, verwandeln. «Wenn es den einen in die eine, und den anderen in eine völlig entgegengesetzte Richtung zieht, dann kann es passieren, dass man, ohne dafür Kompromisse eingehen zu müssen, genau dazwischen etwas viel Interessanteres entdeckt», schildert Orlando Leopard die Vorteile dieser Herangehensweise.

Erstlingswerk bietet tiefgängigen Pop

Das Debütalbum«Working Out» ist schlau und schick, modern und mysteriös. Manchmal muss man an Sophie Ellis Bextor denken wie beim eleganten «Late»; die Single «Grand Union» ist dezent, bietet aber dennoch eine brodelnde Intensität wie «Hercules & Love Affair», das Widersprüchliche wird geradezu zum Leitmotiv. Auch «Charity» geht in diese Richtung und zeigt, wie Arthur Beatrice ihre Musik am liebsten verstehen: Als Pop, aber ohne Unbeschwertheit.

Künstler: Arthur Beatrice
Album: «Working Out»
Plattenfirma: Vertigo

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