Musik: Natalie Merchant übertrifft sich selbst

Berlin - Joni Mitchell (70) ist seit Jahren verstummt - da trifft es sich gut, dass mit Natalie Merchant (50) eine ihrer Erbinnen nun ein formidables Singer/Songwriter-Album vorlegt, das in vieler Hinsicht an die große Kanadierin erinnert.

Natalie Merchant übertrifft sich selbst Bild: Dan Winters/dpa

Die selbstbetitelte, beim Warner-Qualitätslabel Nonesuch veröffentlichte sechste Solo-Platte der US-Amerikanerin stellt ihre reife, warme, immer etwas kehlig klingende Altstimme so markant ins Zentrum wie nie zuvor. Merchants wunderbare Vocals lassen sofort an Mitchells Spätwerk denken, als deren einst heller Gesang schon merklich nachgedunkelt war und dadurch aufs Neue faszinierte.

Aber auch in punkto Songqualität muss sich Merchant nicht vor dem berühmteren Vorbild verstecken. Selbstbewusst und zugleich leichtfüßig bewegt sich die einstige Frontfrau der Alternative-Rockband 10.000 Maniacs auf ihrem angestammten Solo-Terrain: Folk, Rock, Blues - diesmal angereichert mit Jazz («Black Sheep»), Gospel («Go Down, Moses»), Soul («Ladybird») und Funk («It's A-Coming»). Dass die schwarzen Background-Vocals von Simi Stone, Elizabeth Mitchell und Corliss Stafford diese Lieder noch zusätzlich veredeln, mindert Merchants Leistung nicht.

Die Sängerin hatte zuletzt 2001 ein Album mit komplett eigenem Material herausgebracht («Motherland»), dann nahm sie sich Zeit für Kinder und Familie. «The House Carpenter's Daughter» (2003), eine Sammlung überwiegend traditioneller Folksongs aus fremder Feder, und «Leave Your Sleep» (2010), die ambitionierte Vertonung von Gedichten des 19./20. Jahrhunderts, verkürzten lediglich die Wartezeit auf ein «echtes» Merchant-Album.

Damit hat sich die kulturell vielseitig interessierte, sozial und ökologisch stark engagierte Künstlerin nun selbst übertroffen. Atemberaubende Melodien treffen auf anspruchsvolle Arrangements - die orchestralen Balladen «Lulu» und «The End» am Schluss beispielsweise sind riesengroße, dramatische Liedkunst. Mag es für eine solche Prognose im Mai vielleicht auch noch etwas zu früh sein: Ein schöneres, besser produziertes Songwriter-Album wird es dieses Jahr wohl kaum geben.

Website Natalie Merchant

news.de/dpa

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