Kunst: «Targets» - Herlinde Koelbl zeigt Feindbilder aus aller Welt

Berlin - Einmal sind es zerbeulte Blechdosen, ein andermal durchlöcherte Plastikpuppen oder gar lebende Soldaten - die Fotografin Herlinde Koelbl hat Truppenübungsplätze in fast 30 Ländern der Welt besucht, um die landestypischen Schießziele zu dokumentieren.

«Targets» - Herlinde Koelbl zeigt Feindbilder aus aller Welt Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

«Mich interessierten die Ziele, an denen Soldaten ihr Handwerk lernen», sagt die 74-jährige Künstlerin. «Wie sieht der Feind aus? Gibt es kulturelle Unterschiede? Hat sich das Feindbild mit der Zeit verändert?»

Im Erinnerungsjahr an den Ersten Weltkrieg sind die Bilder unter dem Titel «Targets» (Ziele) jetzt erstmals im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Hausherr Alexander Koch sprach vor der Eröffnung am Donnerstag von einem beispiellosen Projekt: «Die Ausstellung führt uns die Gegenwärtigkeit von Krieg und Gewalt vor Augen.»

Sechs Jahre lang hat Koelbl an dem Projekt gearbeitet. Für Länder wie China, Russland oder die Vereinigten Arabischen Emirate brauchte es jahrelange, hartnäckige Verhandlungen, um die Fotogenehmigung für militärische Sperrbezirke zu bekommen. Ergänzt werden die Fotos der Schießziele von Porträtbildern der Soldaten sowie von Videos und Interviews, die die alleinreisende Fotografin mit vielen Betroffenen geführt hat.

«Auf welcher Seite ein Soldat auch steht, er glaubt immer, auf der richtigen Seite zu sein», sagte Koelbl bei der Vorstellung der Schau. Aus Deutschland zeigt sie eine fast romantisch anmutende Wiese mit Holzkühen und bunt gemalten Pappsoldaten, die ihre «Schusswunden» immer wieder neu überpinselt bekommen. In Afrika üben die Militärs bis heute mit Schießfiguren, wie sie auch von ihren einstigen britischen Besatzern benutzt werden.

Der vielleicht augenfälligste Wandel des Feindbildes zeigt sich in den USA. In Zeiten des Kalten Kriegs war das Schießziel eine grüne Iwan-Figur mit rotem Stern, die den Feind Sowjetunion symbolisierte. Heute sind es eher Figuren mit orientalisch aussehender Kleidung und dunkler Haut.

Für den Häuserkampf wurde von Hollywood-Designern in Kalifornien ein komplettes arabisches Dorf nachgebaut - inklusive goldschimmernder Moschee und Plastik-Lamm am Metzger-Haken. «Der Krieg hat sich verändert. Der neue, meist asymmetrisch geführte Krieg wird nicht mehr auf Schlachtfeldern, sondern in den Dörfern, den Städten ausgetragen», sagt die Fotografin. «Deshalb entstehen solche Geisterstädte in allen Ländern.»

Vor allem aber interessiert sie sich für die Menschen, die letztlich immer Schütze und Zeilscheibe zugleich sind. «Sobald du nachdenkst: Soll ich schießen, er oder ich, ist es schon zu spät und du bist tot», erzählt ihr ein israelischer Soldat. Und ein ISAF-Vertreter in Afghanistan sagt: «Ich hab mich bereiterklärt, zu töten und getötet zu werden. Das ist Teil des Jobs.»

In der Ausstellung sind diese Texte eindrucksvoll auf Wandtafeln dokumentiert und als Interviews nachzuhören. Dazu gibt es vom Prestel-Verlag einen sorgsam edierten Bildband. Ihr sei es vor allem darum gegangen, dass die Fotos, die Porträts für sich selbst sprechen, sagt Koelbl. «Ich wollte keine Action, keine rennenden Soldaten, keine Show. Es sollte streng, klar und ohne Effekthascherei sein.»

Ausstellungsseite des Museums

Prestel Verlag

news.de/dpa

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