Andrew Sean Greer: Eine Seuche geht um in New York

Greta Wells verliert erst ihren Lover, dann ihren Bruder. Als sie sich gegen Depressionen behandeln lässt, findet sie sich plötzlich in einer Zeitschlaufe - das ist der neue Roman von Andrew Sean Greer.

«Ein unmögliches Leben» heißt der neue Roman von Erfolgsautor Andrew Sean Greer («Geschichte einer Ehe», «Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli»). Das ist gleich in zweifacher Hinsicht gemogelt. Denn erstens geht es in diesem Buch nicht um ein Leben, sondern um mehrere. Zweitens ist es kein Buch über die Unmöglichkeit, sondern über das genaue Gegenteil.

Gratwanderung durch die Facetten des Ich

Es geht um die riesigen, vielfältigen, unberechenbaren Möglichkeiten, die in jeder Persönlichkeit stecken. Und zugleich um die Chancen, Grenzen und Zufälle einer bestimmten Epoche, die bei der Frage, wie ein Mensch zu dem wird, was er ist, mitunter noch stärkeren Einfluss haben. Das Zusammenspiel von Identität und Umwelt, das Kräftemessen zwischen Innen und Außen, steht im Zentrum von «Ein unmögliches Leben».

Greer zeigt auf, wie schmal der Grat ist zwischen verschiedenen Facetten des Ich, die man mitunter selbst kaum kennt oder wahrnimmt, und Schizophrenie. Er spielt mit Seelenwanderung, Spiegelungen und Identitäten, um schließlich zur Frage zu kommen: «Warum ist es so unmöglich zu glauben: dass wir so vielköpfig sind wie Ungeheuer, so vielarmig wie die Götter, so vielherzig wie Engel?»

Mit Elektroschocks gegen die Depression

Die Handlung beginnt im New York des Jahres 1985. Greta Wells wurde von ihrem Freund Alan, einem Arzt, mit dem sie zehn Jahre lang zusammen war, erst betrogen und dann verlassen. Sie ahnt: Der Grund war vielleicht, dass sie sich zu sehr um ihren kranken Zwillingsbruder Felix gekümmert hat. Der stirbt schließlich, und Greta verliert damit nach ihrem Lover auch noch den Bruder, den wichtigsten Halt in ihrem Leben.

Sie wird wegen Depressionen behandelt, und zwar mit Elektroschocks. Der Arzt warnt sie zwar, dass nach dieser Methode so etwas wie «Desorientierung» eintreten kann. Doch nach der ersten Behandlung ist Greta trotzdem mehr als erstaunt, als sie feststellt: Sie ist eine andere Greta, lebt im selben Haus, aber im Oktober 1918.

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Ein Leben zwischen drei Identitäten

Auch diese Greta des Jahres 1918 bekommt Elektroschocks, was sie wiederum ins Jahr 1942 katapultiert. Die dortige Greta ist nach einem Nervenzusammenbruch ebenfalls in ärztlicher Obhut, wird ihrerseits mit Elektroschocks behandelt - wodurch die Heldin wieder zurück ins Jahr 1985 gebracht wird. Daraus entsteht ein Kreislauf: Insgesamt 25 Anwendungen soll es geben, und so springt Greta vier Monate lang zwischen drei Zeitaltern und drei Identitäten.

Bald erkennt Greta, dass es zwischen ihren Leben 1918, 1942 und 1985 nicht nur Unterschiede gibt, sondern auch viele Gemeinsamkeiten. Dazu gehört zunächst der Ort: «Ein umögliches Leben» ist ein Buch, das verliebt ist in New York. Dazu gehören auch die weiteren Leitmotive in Gretas Zeitreisen: Tod, Betrug, Krieg und Leidenschaft begegnen ihr in allen drei Epochen.

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