Ausstellungen: «Hose lüften, Hände hoch»: Kurz ein Kunstwerk sein

Frankfurt/Main - Einen Schuh ausziehen und wie ein Telefon ans Ohr halten. Hose runter, Arme in die Beine stecken und Hände hoch. Einen weiten Pulli überstreifen und dann als hellblaues Kunstwerk auf einem Sockel eine Minute still stehen.

«Hose lüften, Hände hoch»: Kurz ein Kunstwerk sein Bild: Arne Dedert/dpa

Wer für 60 Sekunden ein Kunstwerk sein will, muss eine kleine Hemmschwelle überwinden. Vor allem, wenn man - zum Beispiel einen Abflussreiniger balancierend - neben den größten Meisterwerken aus 700 Jahren Kunstgeschichte liegt.

Das Frankfurter Städel-Museum hat den österreichischen Künstler Erwin Wurm eingeladen, das gesamte Haus plus Garten mit seinen «One Minute Sculptures» zu «wurmisieren», wie Städel-Direktor Max Hollein sagt. Wurms Kunst sei «radikal» und «subversiv», die bisher umfassendste Neudefinition, was eine Skulptur ist.

Sind die Gurken Kunst?, fragten Besucher beim Vorab-Termin am Dienstag. Nein, diesmal waren sie zum Essen und sollten sich nicht in Nase oder Ohren gesteckt werden. Drei Plastikflaschen und einen Schrubber hingegen hat nicht die Putzkolonne zurückgelassen. Die Handlungsanweisung auf dem Sockel besagt, dass ein Mann und eine Frau die Gegenstände zwischen ihren Körpern in der Balance halten sollen. «Organisation von Liebe» heißt das Werk.

Schon Mitte der 1990er Jahre hat Wurm mit seinen «One Minute Sculptures» angefangen. Ein Video der Red Hot Chili Peppers machte 2003 seine Ideen populär. Mittlerweile gibt es mehr Nachahmer, als Wurm recht ist: auf Laufstegen, Werbeplakaten, in Fußgängerzonen und CD-Covers. Der 59-Jährige macht inzwischen lieber andere Sachen, grotesk aufgeblasene Skulpturen und absurde Videos - aber alle wollen nur die Minuten-Kunst und nicht alle fragen um Erlaubnis.

Beim Testlauf für Fotografen gaben sich Statisten die Blöße, den Kopf in einen Abfalleimer zu stecken oder sich Orangen unter den Körper zu schieben. Wie viele reale Museumsbesucher sich bis 13. Juli als Kunstwerk versuchen, bleibt abzuwarten. Es gebe da gewisse kulturelle Unterschiede, sagt Wurm: In den USA und Japan stünden die Menschen Schlange, um die Sachen selbst auszuprobieren, in der Schweiz mache fast nie einer mit und in arabischen Ländern habe er immer das Gefühl, gleich werde er verhaftet.

Dass die Sockel und Handlungsanweisungen zwischen Alten Meistern und Klassikern der Moderne stehen, findet Wurm besonders schön. Er liefert sogar eine «Theorie der Malerei»: Der Besucher fixiert mit Stirn und Händen drei farbige Putzlappen auf einer weißen Leinwand. «Ich bin ein Feind des Heroischen in der Kunst», erklärt Wurm, «weil ich glaube, dass Pathos die Menschen klein macht.»

«Ich bitte Sie, den Aspekt des Humors nicht überzubewerten», warb Wurm. Es gehe ihm um Tieferes: Am Eingang des Städel könnten sich Besucher eine Leine um den Hals legen und sich selbst als Hund abgeben. Das sei nicht nur ein Zitat anderer Kunstaktionen, bei denen Menschen zu Hunden wurden, sondern vor allem eine Übung in Demut, «bis man geläutert genug ist, um das Kunstwerk zu betrachten.»

news.de/dpa

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