Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft - 06.04.2014, 09.00 Uhr

«Ginster»: Der fassungslose Blick auf den Weltkrieg

Ein Drückeberger wundert sich über den Ersten Weltkrieg: Siegfried Kracauers Debütroman «Ginster» gibt es jetzt in einer neuen Ausgabe. Inklusive der Frage: Könnte man sich Charlie Chaplin auf einem Schlachtfeld vorstellen?

Es ist in diesen Tagen viel von Büchern die Rede, die man gelesen haben muss, um den Ersten Weltkrieg zu verstehen. Meistens sind dann Sachbücher gemeint, doch auch der erste Roman von Siegfried Kracauer gehört in diese Reihe. «Ginster», erschienen 1928 und jetzt in einer Jubiläumsausgabe neu veröffentlicht, macht viel von dem verstehbar, wie das wilhelminische Deutschland auf die Katastrophe reagierte.

Kracauer, damals schon als Kulturjournalist eine etablierte Kraft, erzählt in seinem Roman mit vielen autobiografischen Bezügen die Geschichte des Architekten Ginster. Zu Beginn ist er 25 Jahre alt und wird aus München, wo er studiert hat, von seiner Mutter zurück in die Heimatstadt Frankfurt gerufen – schließlich ist gerade ein Krieg ausgebrochen und es gilt in solch turbulenten Zeiten familiären Zusammenhalt zu beweisen. Mehr aus Herdentrieb denn aus Überzeugung will sich Ginster freiwillig zum Militärdienst melden, doch er wird ausgemustert. Sein Beitrag zum Krieg wird sich fortan darauf beschränken, dass er in einem kleinen Architekturbüro eine Granatenfabrik und einen Ehrenfriedhof entwirft. Als der Bedarf an Kanonenfutter immer größer wird, muss er aber doch beständig fürchten, noch eingezogen zu werden.

Phlegmatisch und zerstreut - der Charakter Ginsters macht den Reiz des Romanes aus

Man kann sich kaum vorstellen, wie sich dieser junge Mann wohl auf dem Schlachtfeld gemacht hätte. Mit Charlie Chaplin und Buster Keaton ist diese Titelfigur oft verglichen worden. Denn Ginster ist ein Träumer, aus der Zeit gefallen und ohne Anknüpfungspunkte zur realen Welt. «Ich habe schon oft darüber gegrübelt, worin sich die anderen von mir unterscheiden. Die Menschen sind an ihrem Leben interessiert, sie haben Ziele für sich, wollen besitzen und etwas erreichen. Jeder Mensch, den ich kenne, ist eine Festung. Ich selbst will nichts. Sie werden mich nicht verstehen, aber am liebsten zerrieselte ich», lautet seine Selbstbeschreibung.

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Es ist dieser Charakter, der den Reiz des Romans ausmacht. Ginster ist phlegmatisch, zerstreut, linkisch und doch auf seltsame Weise über den Dingen schwebend. Sein Kleinmut und sein Insichgekehrtsein kontrastieren mit dem überall propagierten Heroismus und dem ständig eingeforderten Zwang, sich mit einer großen Sache zu identifizieren, und er weiß, dass er nicht der einzige ist, der diesen Widerspruch empfindet. Die Welt erscheint ihm wie eine Skurrilität, und der Weltkrieg erst recht.

Eher ein Feigling, als ein Pazifist

Seine Abneigung gegen den Krieg ist allerdings kein reflektierter Pazifismus. Eher speist sie sich aus Feigheit, aus dem grundsätzlichen Gefühl des Unbeteiligtseins und zu einem guten Stück auch aus einem ästhetischen Befremden angesichts der Barbarei in den Schützengräben und dem Zwang zum Einverstandensein damit in der Heimat. Denn die Form ist das Wichtigste im Leben von Ginster – und sie ist, neben der faszinierenden Titelfigur, die zweite große Stärke dieses Romans.

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Ginster scheint nur aus Sinnen zu bestehen, die ganze Welt ist für ihn Oberfläche. Alles wird für ihn zur Skulptur, zu Ornament und Dekoration: Landschaft, Gebäude, Personen. Selbst bei den bedeutendsten Informationen wandert seine Aufmerksamkeit sogleich wieder zu Nichtigkeiten, weg vom Inhalt und hin zur Form, wie in der Szene, als gegen Ende des Kriegs doch noch sein Einberufungsbefehl kommt: «Das Zettelchen. Plötzlich vorhanden, ein Stückchen Papier. Die Suppe war völlig vergessen, als habe man sich nicht während des Ausflugs auf sie gefreut.»

Mit diesem Blick wandert er durch eine Umgebung, in der alles verschwimmt. Dieser Blick ist eine wunderbare Entsprechung für die Ohnmacht, mit der der Weltkrieg erlebt wird, ohne dass Ginster dies je aussprechen würde. Der Erste Weltkrieg war ein beinahe industrialisiertes Töten und brachte ein Ausmaß an Grausamkeiten und Blutzoll hervor, das für die Zeitgenossen zunächst unvorstellbar war. Kracauer schafft es, in «Ginster» all das Surreale und Groteske einzufangen, das mit der Wahrnehmung dieses Krieges einherging. Ginster begegnet dem Unfassbaren fassungslos. Aber bei ihm bezieht sich das nicht nur auf den Krieg, sondern auf die gesamte Wirklichkeit.

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Bestes Zitat: «Ginster wusste nicht, was ihm vorzuwerfen gewesen wäre. Vielleicht ein Mangel an Gründlichkeit – Kriege waren selten wie Handschriftenfunde, deren Studium man nicht versäumen durfte, wenn sie sich einmal boten. Er erinnerte sich an den Abend, an dem Otto unter die Menschen gedrängt hatte, nach dem Leben – die Leute schwärmten vom Leben, jetzt fanden sie es im Krieg. Sie liefen ihm wie einem Droschkengaul zu, der ausgeglitten war. Das Tier lag am Boden, und sie starrten darauf. Während sie starrten, beschäftigten sie sich damit zu leben, von ihrem Körper getrennt mit verlorenen Augen, man hätte sie stoßen können, ohne dass sie es merkten. Stundenlang sprachen sie von dem Gaul, wie er lag.»

Autor: Siegfried Kracauer
Titel: «Ginster»
Verlag: Suhrkamp
Umfang: 341 Seiten
Preis: 10 Euro

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kls/news.de

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