Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft - 02.03.2014, 09.00 Uhr

Sozialexperte warnt: Keiner sorgt sich um die Pflege

Immer mehr Pflegebedürftige bringt der demografische Wandel mit sich. Experte Thomas Klie warnt in seinem neuen Buch: Familien, Gesellschaft und Sozialsysteme sind darauf nicht vorbereitet.

Klies Buch ist eine spannende Vision für die Zukunft einer Pflege, die menschenwürdig und bezahlbar ist. Bild: dpa/Oliver Berg

Who cares? Die englische Floskel stellt Thomas Klie in den Mittelpunkt seines Buchs «Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft». Das ist gleich in mehrfacher Hinsicht typisch für den Ansatz des Sozialexperten.

Erstens weist Klie mit der etwas flapsigen Formulierung, die man auch mit «Wen juckt das schon?» übersetzen kann, darauf hin, dass das Problem des Pflegenotstands nach wie vor nicht ausreichend im Fokus der politischen Debatten steht. Zweitens offenbart der Autor, der als Professor für öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaft an der Evangelischen Hochschule Freiburg tätig ist, damit bereits sein besonderes Augenmerk für die Bedeutung von Sprache und Bildern für unser Verständnis vom Alter. Und drittens spricht er damit direkt den Leser an und deutet bereits an, dass eine bessere Pflege nur gelingen kann, wenn sich alle Generationen dafür einsetzen.

Dramatische Lage: 2030 wird es vier Millionen Pflegebedürftige geben

Sein Buch ist ein sehr fachkundiger Beitrag zur Pflegedebatte. Der Status Quo ist dabei – vor allem im internationalen Vergleich – noch nicht allzu dramatisch. Umso beunruhigender ist der Blick in die Zukunft. Angesichts der demografischen Entwicklung, die bis zum Jahr 2030 für vier Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, Österreich und der Schweiz sorgen wird, sieht Klie nur eine Möglichkeit: einen neuen, ganzheitlichen Ansatz beim Umgang mit der Pflege. «Es ist eine Innovationskultur gefragt, wenn wir eine Gesellschaft des langen Lebens menschenfreundlich gestalten wollen, jenseits von traditioneller Familienpflege und Heimen», meint er.

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Es gehört zu den Stärken von «Wen kümmern die Alten?», dass er dabei sehr eindrucksvoll den Zusammenhang zwischen demografischem Wandel, Debatten um Gender- und Generationengerechtigkeit und dem Trend zur Ökonomisierung der sozialen Sicherungssysteme aufzeigt. Sein Buch zieht daraus den Schluss, dass der Staat allein nicht für eine bessere Pflege sorgen wird, eine Versicherung erst recht nicht. Wir müssen selber etwas tun, für uns selbst und für andere, und das bedeutet zuerst: Wir müssen umdenken.

Fatal: Wer alt ist, wird ausgegrenzt

Klie verweist wiederholt auf die humanen Aspekte des Pflegebereichs und appelliert an die Menschlichkeit. Dem stehen aber auch ganz konkrete Vorschläge gegenüber, sowohl für politische Reformen als auch für die Ausgestaltung der Pflege im Alltag. Neben der Bedeutung, die den «kleinen Lebenskreisen», also der Familie, den Nachbarn und den Kommunen dabei zukommen wird, legt er auch auf den sprachlichen und medialen Umgang mit den Themen Alter und Pflege großen Wert. Er fordert differenzierte Altersbilder, die längst existieren, aber noch nicht allgemein (an-)erkannt sind.

Klie stellt die Aktivität der Alten ebenso heraus wie ihre Schutzbedürftigkeit, ihre soziale Präsenz und ihre Ausgrenzung in unserer Gesellschaft und er bringt an mehreren Stellen auch seine persönlichen Erfahrungen ein. Er brandmarkt die Ökonomisierung der Pflege insgesamt, die Gewinnmargen in den Heimen oder Private-Equity-Investitionen in Pflegeeinrichtungen. Private (und oft illegale) 24-Stunden-Pflege durch Osteuropäerinnen sieht er als «Renaissance der Dienstboten im 21. Jahrhundert».

FOTOS: Von wegen altes Eisen Coole Alte

In solchen Passagen merkt man, wie viel Frust sich beim Blick auf die Pflegesituation angestaut hat, nicht nur bei ihm, sondern bei fast allen Beteiligten, also Pflegepersonal, Ärzten und Angehörigen. Sein Buch legt sehr eindrucksvoll den Finger in diese Wunde und ist eine höchst spannende Vision für die Zukunft einer Pflege, die menschenwürdig und bezahlbar ist. Und es macht deutlich: Eine nachhaltig ausgerichtete Pflege ist nicht in erster Linie ein medizinisches, politisches oder finanzielles Problem, sondern zunächst ein kulturelles.

Bestes Zitat: «Selbst bei optimistischer Annahme, dass die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege besser gelingt, dass eine entlastende Infrastruktur mit teilstationären Angeboten verfügbar ist, dass Arbeitgeber die Arbeit flexibilisieren, bleibt es eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte, wie und welche Antworten auf die Frage ‹Who cares?› gefunden werden. Es ist schon schwierig, genügend Fachkräfte zu finden, um die sach- und fachgerechte Pflege zu gewährleisten. Es wird noch schwieriger, die abnehmenden Familienpflegeressourcen zu ersetzen.»

Autor: Thomas Klie
Titel: «Wen kümmern die Alten? Auf dem Weg in eine sorgende Gesellschaft»
Verlag: Pattloch
Umfang: 256 Seiten
Preis: 18 Euro

kls/news.de

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