Theater: Marthalers «Heimweh & Verbrechen» in Hamburg

Hamburg - Schwer hängt eine Atmosphäre von Melancholie und Verlorenheit in der weiten Bahnhofshalle.

Marthalers «Heimweh & Verbrechen» in Hamburg Bild: dpa

Die ist im dunklen Backsteinstil des frühen 20. Jahrhunderts gehalten und birgt allerlei hier surreal anmutende Utensilien - einen Beichtstuhl etwa, Tasteninstrumente, zwei Holzboote, einen klinischen Untersuchungsraum mit Beatmungsgeräten (Bühnenbild: Anna Viebrock). Der optimistische, in altmodischen Buchstaben an die Wand gepinselte Spruch «Mein Feld ist die Welt» steht in Gegensatz zur Gemütsverfassung der auftretenden zehn Personen in 1960er-Jahre-Kleidung.

Denn die hängen in Monologen ihrer entsetzlichen Kindheit nach und haben aus Verzweiflung getötet. «Heimweh & Verbrechen» heißt denn auch die bitter-skurrile Text- und Musikcollage des renommierten Theatermachers Christoph Marthaler, die im Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführt wurde. Das Publikum spendete im Anschluss verhalten-freundlichen Beifall, auch einige Buhrufe waren zu hören. Ausgangspunkt des gut zweistündigen Werks ist die medizinische Doktorarbeit des Psychiaters und Existenzphilosophen Karl Jaspers (1883-1969).

Der hatte sich darin mit Vorfällen befasst, in denen heimatferne Kindermädchen die Villen ihrer Herrschaften in Brand steckten oder - fast immer mit tödlichen Folgen - gegen ihre Zöglinge gewalttätig wurden. Doch besteht der Hamburger Abend nicht nur aus Jaspers-Zitaten. Um dem Phänomen «Heimweh» auf die Spur zu kommen, mixt der studierte Musiker Marthaler (62) darüber hinaus auch Schriften von Alexander Kluge und Originalbeiträge von Olivier Cadiot und Malte Ubenauf mit Gedanken von Elias Canetti, Peter Handke oder auch Sylvia Plath.

Dazu intoniert das Ensemble aus der «Marthaler-Familie» Volkslieder wie «Lustig ist das Zigeunerleben», den Schlager «Heute Nacht oder nie» (1932) des Komponisten Mischa Spoliansky oder Liedgut aus der deutschen Romantik. In der Schweiz, in der Marthaler geboren wurde und Jaspers starb, nennt man das Heimweh übrigens «la maladie suisse» (Schweizer Krankheit). «Das sechste Kind bin ich gewesen. Eigentlich sollte ich gar nicht zur Welt kommen», zeichnet etwa Bühnengröße Irm Hermann im biederen Kostüm in einer Art Zeugenstand den Elendsweg einer von ihren Eltern unterdrückten Dienstmagd nach.

Josef Ostendorf liest aus einer Verhandlungsakte gegen eine 14-jährige Wilhelmine Krebs, die erst Feuer legen wollte, dann aber ein Kind erstickte. «Ich habe mich zu der Tat entschlossen, weil ich Heimweh hatte und zu meiner Mutter wollte», gibt die Angeklagte zu Protokoll. Vokabeln wie «Zucht», «Rache» und «Blausäure» stehen im Raum. Auch auf Französisch, Englisch und Schwyzerdütsch äußern Figuren ihre Seelennot. Marthaler schafft Beklemmung. Einen Spannungsbogen oder gar gedankliche und psychologische Tiefenschärfe gönnt er seinem Publikum allerdings kaum.

Dabei ist die Messlatte hoch, denn der preisgekrönte Theatermann hatte sich für eine förmliche späte Heimkehr entschieden: Während der Intendanz Frank Baumbauers hatte er mit Projekten wie «Goethes Faust, Wurzel aus 1+2» und «Die Stunde Null oder die Kunst des Servierens» aus den 1990er Jahren in Hamburg Riesenerfolge gefeiert, beide Inszenierungen wurden zum Berliner Theatertreffen eingelade

Deutsches Schauspielhaus

news.de/dpa

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