Literatur «Der Komet» zeigt ein ganz und gar friedliches Europa

Berlin Irgendetwas ist schräg in der Welt von Hannes Steins Roman «Der Komet».

Der literarische Salon des ersten Kapitels erfüllt alle Klischees über das Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Aber dann entpuppt sich ein Gast als ein Philosoph, «den man manchmal spätnachts in einer jener Fernsehsendungen bewundern konnte, wie sie für die Donaumonarchie mittlerweile ziemlich typisch waren».

Bald stellt sich heraus, dass der Roman im Jahr 2000 spielt - und doch vor dem Ersten Weltkrieg. Nach und nach klärt Hannes Stein, bislang vor allem als Kulturjournalist bekannt, das Geheimnis auf: Der österreichische Thronfolger hatte es sich 1914 in Sarajevo anders überlegt. Darum ist das Attentat auf ihn ausgefallen, folglich auch der Erste Weltkrieg und all seine Folgen. Statt dessen sind Politik und Gesellschaft einfach stehen geblieben.

Der größte Teil des Romans spielt in einem Wien, in dem die Intellektuellen zwischen Fernsehstudio und Kaffeehaus pendeln, das Bürgertum sich in literarischen Salons und der Operette vergnügt, und alle Menschen glücklich scheinen, auch wenn sie mitunter beim Psychiater auf der Couch liegen oder ihrem Liebeskummer frönen. Stein verwendet viel Zeit darauf, die verschiedenen Entwicklungen aufzuzeigen, die die Kaiserreiche Österreich-Ungarn, Deutschland und Russland ins 21. Jahrhundert gebracht haben. Der Frieden hat sie so erfolgreich gemacht, dass die Amerikaner nie gebraucht wurden und nie Einfluss auf Gesellschaft und Kultur nehmen konnten.

Die Handlung kommt in Gang, als der kaiserliche Hofastronom zum Weltraumteleskop auf dem Mond reist, der übrigens eine deutsche Kolonie ist. Auf der Erde finden nun doch die tatsächlichen Schrecken des 20. Jahrhunderts ihren Platz, wenn auch nur in unverstandenen Albträumen. Zugleich zeigt sich in den persönlichen Beziehungen der Personen, wie schwach das Fundament dieser Gesellschaft geworden ist. Wahrlich dramatisch wird es, kurz nachdem der österreichische Kaiser «ein Urgenzschreiben vom Mond» erhält, in dem das Ende der Welt angekündigt wird. Aber selbst, als die Welt von diesem Schicksal erfährt, bleiben die Menschen friedlich und warten schon fast gelassen auf ihr Schicksal.

«Der Komet» ist eine merkwürdige Mischung geworden aus nostalgischer Gesellschaftsfantasie, Alternativgeschichte und ein wenig typischer Romanhandlung. Für keines dieser Genres kann sich Stein entscheiden, aber dieser scheinbare Mangel beflügelt auch die Fantasie und macht einen besonderen Reiz des Romans aus.

Hannes Stein: Der Komet. Verlag Galiani Berlin, 271 S., Euro 18,99, ISBN 978-3-86971-067-9

Der Komet beim Verlag Galiani Berlin

news.de/dpa

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