Autobiografie Im Kopf von Neil Young

Immer mit Leidenschaft bei der Sache: Neil Young. (Foto)
Immer mit Leidenschaft bei der Sache: Neil Young. Bild: dapd

Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Neil Young hat mit Buffalo Springfield, Crosby, Stills, Nash & Young, Crazy Horse und als Solist knapp 50 Jahre Rockgeschichte geschrieben. Seine Autobiografie Ein Hippie-Traum zeigt, wie der Musiker tickt. Das Buch unterstreicht: Dieser Mann ist ein Unikum.

Eine Warnung: Wer Fakten über Neil Young erfahren will, sollte diese Autobiografie lieber nicht lesen. Ein Hippie-Traum enthält zwar gut 90.000 Wörter. Aber über die wichtigsten Stationen im Leben des Musikers aus Kanada ist man besser im Bilde, wenn man die nur knapp 4000 Wörter seines Wikipedia-Eintrags liest.

Das Ende von Buffalo Springfield? Dazu gibt es ein paar Zeilen, dann später noch einmal eine etwas ausführlichere Betrachtung. Die Entstehung von Harvest, seinem erfolgreichsten Album? Wird in wenigen Absätzen abgehandelt. Seine Wiedergeburt als «Godfather of Grunge» in den 1990er Jahren? Betrachtet Neil Young mit einer handvoll Sätzen. Und seine Eindrücke aus Woodstock? Sind ihm gerade eine halbe Seite wert.

Sehr früh wird in diesem Buch klar: Neil Young achtet nicht darauf, was der Leser vielleicht wissen will, sondern nur darauf, was er selbst erzählen möchte. So enthält Ein Hippie-Traum sehr amüsante Anekdoten, beispielsweise über ein unschuldiges Treffen mit Charles Manson, über die Geburtstagsfeier, bei der Neil Young versehentlich reihenweise Kinder vergiftete, oder sein unfassbares Glück, ohne Führerschein, ohne Aufenthaltsgenehmigung und gerne auch reichlich zugedröhnt Polizeikontrollen zu überstehen.

Zu diesem sehr speziellen Inhalt passt die eigenwillige, sprunghafte Form des Buchs. Alles bleibt schwer zu fassen, spontan, unstrukturiert. Manche Kapitel sind nur eine Seite lang, viele Themen, beispielsweise Neil Youngs Vorliebe für Modelleisenbahnen, das Restaurieren alter Autos oder seine Bemühungen um ein hochwertiges digitales Audioformat, tauchen immer wieder und in großer Ausführlichkeit auf, ohne dass sich eine echte Quintessenz daraus ergibt.

Ein Buch wie ein Testament

Immerhin ist sich der Autor dieser Eigenheit bewusst. «Euch ist vielleicht aufgefallen, dass bei mir viel Zeit dafür draufgeht, lose Fäden zu verweben, Sachen rundzumachen und abzuschließen», schreibt Neil Young an einer Stelle. Er reflektiert im Buch immer wieder über den Vorgang des Schreibens, und er spricht den Leser auch gerne direkt an. Der Titel Ein Hippie-Traum lässt sich also nicht nur auf die Lebensgeschichte des Kanadiers beziehen, sondern auch auf die Form: Hier wird gerne frei assoziiert, und es kommt auch vor, dass sich der Autor dabei einmal verzettelt.

Das entwickelt durchaus seinen Reiz und ermöglicht spannende Einblicke in die Mentalität des 67-Jährigen. Manchmal ist die Form aber auch ärgerlich. Neil Young zeigt sich in seinen Ausführungen sehr offen, ehrlich und durchaus selbstkritisch. Er zeigt in jedem Moment, dass er nicht perfekt ist. Aber gerade, wenn es bei Themen wie Krankheit, Beziehungen, Sex oder Streit mit Bandkollegen brenzlig wird, fehlt aufgrund der losen Form dieses Buches schlicht die nötige Konzentration, um echten Tiefgang zu ermöglichen.

Dazu kommt, dass Ein Hippie-Traum ausnehmend versöhnlich geraten ist. Nirgends wird schmutzige Wäsche gewaschen. Stattdessen zeigt sich Neil Young voller Dankbarkeit, sogar Ehrfurcht für seine Wegbegleiter. Wiederholt thematisiert er in seinem Rückblick auch das Bewusstsein für das eigene Altern und die Notwendigkeit eines passenden Abschieds, sodass sich die Autobiografie manchmal wie ein Testament liest.

Hippie durch und durch

Vor allem aber unterstreicht dieser Wille zur Harmonie, wie sehr Neil Young das Hippie-Weltbild verkörpert. Der Mann, der seine Musik am liebsten bei Vollmond aufnimmt, greift auch zu entsprechend esoterischem Vokabular. Immer wieder tauchen Begriffe wie «Karma» oder «kosmisch» auf, und auch seine größte Leidenschaft umschreibt er entsprechend blumig: «Musik ist ein Sturm auf die Sinne, Wetter für die Seele, sie ist tiefer als tief, weiter als weit. Sie ist mehr als das, was man sehen oder hören kann. Sie ist das, was man fühlt.»

Ein Hippie-Traum macht deutlich, wie obsessiv sich Neil Young in seine Projekte und Vorlieben hineinsteigern kann. Die Musik scheint angesichts all dieser Leidenschaft manchmal fast wie ein Ausgleich, eine Entspannung und Therapie zu wirken und befindet sich zugleich doch ebenso in der heißesten Glut des Feuers, das in diesem Mann brennt. Auch wenn es vergleichsweise wenige Hintergründe zu seinem Schaffen und Werk gibt, so erklärt diese Autobiografie damit doch sehr schlüssig, wie Neil Young tickt. Er porträtiert sich selbst als Hippie, und das bedeutet in seinem Fall: Als ein Mensch, dessen Sehnsucht nach Ursprünglichkeit sich auch in materiellen Dingen wie seiner Vorliebe für Oldtimer und analoge Studiotechnik äußert, als Spinner, Träumer, Chaot, Fantast, Kauz. Und als Egoist.

Bestes Zitat: «Unsere Sprache war die Musik. Wir ließen die Gitarre herumgehen wie die amerikanischen Ureinwohner die Pfeife. Es war wirklich unsere Sprache der Liebe, unser gemeinsames Interesse, unsere Zusammengehörigkeit, ganz und gar wir. Und dieses Gefühl teilten wir damals mit unserem Publikum. Wir fühlten uns zusammengehörig.»

Der direkte Weg zur Autobiografie.

Autor: Neil Young
Titel: Ein Hippie-Traum
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Umfang: 480 Seiten
Preis: 22,99 Euro
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

boi/news.de

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