DVD-Set Ein Tribut an Amy Winehouse

Amy Winehouse war Skandalnudel, Stilikone, am Ende ein Wrack. Vor allem aber war sie eine außergewöhnliche Sängerin. Das Boxset Live At The BBC zollt Amy Winehouse nun Tribut, mit einer CD und drei DVDs.

Musiktipp: Amy Winehouse singt «Back To Black»
Video: YouTube

Jetzt also die Leichenfledderei. Amy Winehouse ist ein gutes Jahr unter der Erde, und seit ihrem Tod sind ein Album, zwei Singles und eine DVD von ihr erschienen - mehr, als sie in den letzten fünf Jahren ihres Lebens nach Back To Black (2006) zustande gebracht hat. Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft kommt nun Amy Winehouse At The BBC, noch eine fragwürdige Sammlung von Archivmaterial, bestehend aus drei DVDs und einer CD.

Hier geht es zur Sammlung.

Könnte man meinen. Aber Live At The BBC ist weit davon entfernt. Das Boxset ist vielmehr eine äußerst respektvolle Würdigung des Talents von Amy Winehouse. Keine Resteverwertung, sondern ein sehr gelungenes, sensibles Porträt einer außergewöhnlichen Künstlerin. Das Set enthält unter anderem ihre ersten Aufnahmen für das BBC-Radio, ihren allerersten Fernsehauftritt und ein paar erhellende Interviewsequenzen. Dazu kommt ein sehr gutes Booklet mit schönen Fotos und Huldigungen von einigen der Wegbegleiter der Sängerin. Nicht zuletzt entkräftet Live At The BBC auch den Vorwurf der Geschäftemacherei: Die Lizenzeinnahmen gehen an die Amy Winehouse Foundation, die sich dafür einsetzt, Jugendliche vor dem Missbrauch von Drogen und Alkohol zu bewahren.

Bereits die CD ist eine Offenbarung für alle, die sich dem Geheimnis und Talent dieser Künstlerin annähern wollen. Die ältesten Tracks wurden 2004 aufgenommen, kurz nach dem Erscheinen von Amys Debütalbum Frank. Manches Lied hat alle Klangzutaten für die Kategorisierung als «Easy Listening», aber niemals könnte man Musik so bezeichnen, in der so viel Schmerz steckt. In anderen Tracks sind die Jazz-Wurzeln von Amy Winehouse sehr präsent wie im untröstlichen I Should Care. Der elegante und virtuose October Song oder Best Friends, Right? enthalten so viel geballte Klasse, dass die sehr komplexen Stücke beinahe leichtfüßig wirken. Kein Wunder, dass man bei solchen Liedern Amy Winehouse schon nach kurzer Zeit nicht mehr als «die mit der Frisur» bezeichnet hat, sondern als «die mit der Stimme».

Musik als Flucht aus der Realität

Erstaunlich ist hingegen, wie sehr die Lieder der CD dem Zeitgeist entrückt sind: Quasi alles könnte genauso gut aus den 1940er Jahren stammen. Das ist natürlich der Vorliebe von Amy Winehouse für die Musik von Mahalia Jackson, Charleen Anderson oder Dinah Washington geschuldet. Man liegt aber wohl nicht ganz falsch, wenn man darin auch eine Flucht aus der Gegenwart sieht, eine Flucht aus der Realität, die sie schließlich auch mit ihrem Drogenkonsum bewerkstelligen wollte.

Das unterstreichen auch die drei DVDs von Live At The BBC. Die erste davon, A Tribute To Amy Winehouse By Jools Holland, versammelt die Auftritte der Sängerin in den Shows des BBC-Moderators. Am Beginn steht Stronger Than Me, die erste TV-Performance überhaupt von Amy Winehouse. Die damals gerade 20-Jährige wirkt unsicher und schaut immer wieder aufs Griffbrett ihrer Gitarre, als könnte sie dort Hilfe finden.

Dieses Unbehagen zieht sich als roter Faden durch die drei DVDs: Wenn sie singt, ist sich Amy Winehouse ihrer Macht und Meisterschaft bewusst, und doch merkt man ihr in jedem Moment an, dass da ein Mensch auf der Bühne steht, der nach Sicherheit und Orientierung sucht, der sein eigenes Talent befremdlich findet, weil ihm die Fähigkeit fehlt, abseits der Bühne ähnlich souverän mit dem Leben, den Menschen und nicht zuletzt dem Schmerz umgehen zu können.

Viel Talent fürs Singen, kein Talent fürs Leben

So kann man auf Live At The BBC auch gut nachzeichnen, wie dieser Konflikt Amy Winehouse immer mehr ins Verderben stürzte. Tears Dry On Their Own aus dem Oktober 2006 ist das erste Lied auf der Jools-Holland-DVD, an dessen Ende sie kein fettes Grinsen im Gesicht hat. In den Interviewsequenzen zwischendurch wirkt sie derangiert. In den beiden Duetten mit Paul Weller (I Heard It Through The Grapevine und Don't Go To Strangers) ist ihr irrer Tanz eindeutig nicht von dieser Welt und ihr Gefrickel an ihrem ultrakurzen kleinen Schwarzen erst noch putzig, dann aber besorgniserregend. 

Die DVDs machen das Spannungsverhältnis zwischen riesigem Talent fürs Singen und ganz wenig Talent fürs Leben sichtbar, aus dem viele der Performances ihre Faszination beziehen. Die zweite DVD, Live At Porchester Hall, führt das eindrucksvoll vor Augen: Wenn sie singt, ist Amy Winehouse in ihrer eigenen Welt, in einem Gedankengebäude, in dem sie sich wenigstens halbwegs wohlfühlt. Aber sie wirkt fast immer, als würde sie trotzig ein unsichtbares Gegenüber ansingen, von dem sie weiß, dass sie es ohnehin nicht zufriedenstellen kann. Sie sieht auf der Bühne nie aus, als würde sie sich amüsieren, und wirkt manchmal sogar so, als wäre sie lieber woanders. Bei Valerie muss sie schließlich weinen, ohne eine Erklärung dafür zu liefern.

Promi-Reaktionen: R.I.P. Amy Winehouse!

Wenn sie zwischen den Liedern zu einem Plastikbecher greift, dessen Inhalt nach Jack-Daniels-Cola aussieht, dann ahnt man, dass die Musik für sie womöglich nur das zweitbeste Mittel ist, sie an diesen anderen, seligen, sorgenfreien Ort zu bringen. «Man schreibt solche Songs in Momenten, in denen es einem wirklich dreckig geht. Und dann steht man auf der Bühne und singt sie alle hintereinander weg. Das ist echt deprimierend», umschreibt Amy Winehouse vielsagend in einem der Interviews, wie sich ein Konzert für sie anfühlt.

Nichtsdestotrotz beeindruckt der musikalische Ehrgeiz, der sich hier vor allem in den fantasievollen Arrangements offenbart. Der beste Beweis dafür ist die dritte DVD, Amy Winehouse - The Day She Came To Dingle. Die Dokumentation blickt auf ein Konzert zurück, das Amy Winehouse im Dezember 2006 vor nur 80 Zuschauern in einer Kirche in Irland gegeben hat, begleitet nur von Gitarre und Bass. Lieder wie Back To Black wirken so wie verwandelt und meist sagenhaft gut. Sehr sehenswert sind auch die Interviews mit der Sängerin auf dieser DVD, die vor allem die Leidenschaft unterstreichen, mit der Amy Winehouse ihr Metier betrieb und mit der sie für ihre Helden schwärmt. Rückblickend und im Wissen um ihr tragisches Ende wird klar, dass sie sich nur mit den Allerbesten messen wollte und sich damit einem ungeheuren kreativen Druck aussetzte.

Der direkte Weg zum Set.

Künstler: Amy Winehouse
Boxset: Live At The BBC
Plattenfirma: Island
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

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zij/news.de

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