Internet-Buch Willkommen in der Wirrnis

Sascha Lobo ist das deutsche Gesicht des Internets. (Foto)
Sascha Lobo ist das deutsche Gesicht des Internets. Bild: Foto: Rowohlt/Reto Klar

Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Internet – Segen oder Fluch? Die Frage stellt sich schon lange und anscheinend immer dringender. Die Web-Experten Sascha Lobo und Kathrin Passig suchen im gleichnamigen Buch nach Antworten.

Hier geht es direkt zum Buch.

Die größte Stärke von Internet – Segen oder Fluch ist eindeutig, wie unmissverständlich das Buch die Neuartigkeit des Netzes betont. Das Internet hat unser aller Leben verändert, in ganz vielen Bereichen – und es wird es weiter tun. Das betrifft auch das Schreiben von Büchern: Lobo und Passig haben an diesem Buch gleichzeitig geschrieben, per Google Doc konnten sie simultan am Text arbeiten, und über Fußnoten machen sie den Entstehungsprozess und Diskussionen beim Verfassen an einigen Stellen transparent.

Noch ein Pluspunkt: Lobo und Passig erklären die technologischen Rahmenbedingungen des Internets, wo das notwendig ist, haben aber kein Buch für Informatiker geschrieben, sondern für Nutzer. Sie fragen nicht so sehr danach, wie das Netz funktioniert, sondern eher danach, wie die Menschen im Umgang mit dem Netz funktionieren. Das hat manchmal spannende Erkenntnisse zur Folge (beispielsweise den Verdacht, dass sich das Volk in sichen digitale Demokratie selbst nicht traut) und immer wieder den Hinweis: Alles ist noch sehr neu, wir wissen noch fast nichts.

Internet - Segen oder Fluch zeigt: Das Netz ist hoch komplex, widersprüchlich, flüchtig, verwirrend, unverbindlich, für viele Menschen bloß eine Bühne zur Selbstdarstellung. Leider gilt all dies auch für das Buch. Letztlich krankt das Werk vor allem daran, dass die Autoren sich davor scheuen, Stellung zu beziehen. Segen oder Fluch? Die Antwort bleiben sie letztlich schuldig.

Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo, der sich in diesem Buch ironisch selbst als «industrienaher Netzkolumnist» und «Möchtegern-Provokateur» bezeichnet und der mit seiner roten Irokesenfrisur für wenig web-affine Menschen wohl so etwas wie die Verkörperung «von diesem Internet» ist, und Journalistin Kathrin Passig, von der Zeit als «die intellektuellste Analytikerin des Medienwandels» gelobt, geben immerhin einen Überblick über die verschiedenen Dimensionen des Problems und den Stand der Debatten von Datenschutz und Urheberrecht über Informationsüberflutung und Beschleunigung bis hin zur Frage, wie wir über das Netz diskutieren sollten und ob uns das Internet vielleicht alle doof macht.

Anhand von Studien und sehr erhellenden Verweisen auf parallele Entwicklungen und Diskussionen in der Geschichte gelingt eine brauchbare Materialsammlung, aber mehr als ein Appell für mehr Transparenz oder die Ermahnung zu mehr Rücksicht auf die Perspektive der Gegenseite bleibt als Ergebnis der einzelnen Kapitel kaum. Das ist seriös vielleicht auch gar nicht möglich. Dann muss man allerdings auch kein Buch mit so einem solchen, ebenso anmaßenden wie nichtssagenden Titel schreiben.

Lästig ist letztlich auch die Unernsthaftigkeit dieses Buches, die von den Autoren wohl als Unterhaltsamkeit gemeint ist. Sie berufen sich zwar regelmäßig auf Geistesgrößen wie Neil Postman, Leibniz, Petrarca oder Euripides, zitieren aber ebenso gerne halbwitzige Tweets und sparen auch selbst nicht mit Kalauern. Die Idee, der Debatte ein bisschen Verbissenheit zu nehmen, mag begrüßenswert sein. Doch die Form dafür ist misslungen. Denn schließlich zeigt das Buch, wie tief der digitale Wandel in unser Leben hineinwirkt. Beziehungen, Arbeitsplätze und politische Entscheidungen hängen längst von ihm ab – und Probleme dieser Dimension lassen sich nun einmal schwer mit Pennäler-Humor diskutieren, zumindest nicht in einem Sachbuch.

Internet – Segen oder Fluch ist im Ergebnis zu platt und schwammig für Kenner des Netzes, aber gleichzeitig zu schwierig und fahrig für Ahnungslose.

Bestes Zitat: «Technisch gesehen ist es durch das Netz viel leichter geworden, sich mit anderen Positionen zu beschäftigen. Das macht es schwieriger zu rechtfertigen, warum wir es nicht tun.»

Der direkte Weg zu diesem Buch.

Autoren: Kathrin Passig und Sascha Lobo
Titel: Internet - Segen oder Fluch
Verlag: Rowohlt
Umfang: 320 Seiten
Preis: 19,99 Euro inklusive E-Book

rut/news.de

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