Durchgehört Madame Minogue

Musiktipp
«Flower» von Kylie Minogue

Kylie Minogue -- Flower - MyVideo
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Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Ihre größten Hits interpretiert Kylie Minogue auf The Abbey Road Sessions im Orchestergewand neu. Das Ergebnis ist famos und entlockt ihrem Plastikpop ganz neue Facetten. ESC-Siegerin Loreen legt ihr Debütalbum Heal vor.

Seit Where The Wild Roses Grow, ihrem Duett mit Düsterrocker Nick Cave im Jahr 1995, gilt Kylie Minogue als respektierte Künstlerin. Dass die mittlerweile 44-jährige Australierin, zu Beginn ihrer Karriere noch als Soap-Opera- und Teenie-Sternchen belächelt, aber mal ein Album mit Orchester in den ehrwürdigen Abbey Road Studios machen würde, auf dem sie gut (und womöglich im Sitzen) singt und ganz viel Stil, Eleganz und Klasse beweist, hätte wohl trotzdem niemand zu träumen gewagt. Jetzt gibt es dieses Album: The Abbey Road Sessions enthält die beste Musik, die Kylie Minogue jemals gemacht hat.

Hier geht's direkt zu Kylie Minogues neuem Album.

Die Platte versammelt 16 Lieder aus ihrer knapp 25-jährigen Karriere, allesamt radikal neu interpretiert. Viele der neuen Versionen sind eine Offenbarung. Das himmlische All The Lovers zu Beginn klingt jetzt mit Akustikgitarre und reichlich Streichern nicht mehr nach Club, sondern nach Royal Albert Hall. On A Night Like This wird im Motown-Gewand spannend und sexy. Better The Devil You Know aus dem Jahr 1990 nimmt Kylie Minogue all seine Oberflächlichkeit und Banalität und fügt stattdessen eine verführerische Bar-Atmosphäre hinzu. Die 44-Jährige, der man einst so wenig künstlerischen Respekt entgegenbrachte, dass sich hierzulande der Spitzname «Geilie Kylie» etablieren konnte und die auch danach nur selten ihr Anrecht auf einen Nachnamen geltend machen konnte, ist plötzlich zur Lady geworden. Mit solcher Musik wie hier sollten wir sie künftig besser «Madame Minogue» nennen.

Das schon im Original geheimnisvolle Confide In Me wird hier noch ein wenig mysteriöser. Die neue Version von The Loco-Motion klingt mehr nach dem Jahr 1962 als das damals entstandene Original von Little Eva. Das großartige Can't Get You Out Of My Head bekommt kraftvolle Coldplay-Streicher und monströse Rhythmen verpasst. Auch Where The Wild Roses Grow ist wieder dabei. Die neue Version klingt noch ein bisschen verhängnisvoller – vor allem die Trommel, die offenbar den Takt vorgibt für den Weg zum Schafott.

Hier können Sie The Abbey Road Sessions direkt bestellen.

Mit The Abbey Road Sessions zeigt die Australierin, dass sie etwas geschafft hat, was Madonna in ihrem Jugend-, Fitness- und Avantgardewahn wohl nie mehr gelingen wird: Sie ist in Würde gealtert, sie hat einen souveränen Umgang mit ihrer Vergangenheit gewonnen, hat schmerzhaft erfahren, dass das Schicksal im Zweifel stärker ist als die Karriereplanung und kann vielleicht auch deshalb (wieder) über sich selbst lachen. Mit The Abbey Road Sessions beginnt womöglich das Alterswerk von Kylie Minogue.

Künstler: Kylie Minogue
Album: The Abbey Road Sessions
Plattenfirma: Emi
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Eine ganze Menge Zeit hat sich Loreen nach ihrem Triumph beim Eurovision Song Contest im Mai für ihr Debütalbum gelassen. Doch ihre Performance in Baku war eindrucksvoll genug, um nicht allzu schnell wieder in Vergessenheit zu geraten. Nun ist Heal endlich fertig, und es setzt auf die Stärken, mit denen die Schwedin auch beim ESC gepunktet hat: eine starke Stimme und ein Sound irgendwo zwischen Schlager, Club und Melancholie.

Dass die Songs eine stimmige Atmosphäre haben, zählt zu den Pluspunkten von Heal. «Meine Musik ist ein riesiger Teil von mir, von meiner Persönlichkeit. Die Stücke auf meinem Debütalbum stammen direkt aus meiner Seele», betont die 29-Jährige, die an sieben der zwölf Songs mitkomponiert hat. Leider bietet Heal aber nichts, was annähernd so spektakulär wie ihr ESC-Siegersong Euphoria wäre: Die Single My Heart Is Refusing Me (die in Schweden schon 2011 auf den Markt kam, also lange vor dem ESC-Hype), ist solide, In My Head wirkt elegant und Crying Out Your Name macht wirkungsvolle Anleihen bei Massive Attack. Der Rest ist allenfalls Durchschnitt und vor allem im direkten Vergleich zum neuen Album von Lena seltsam gesichtslos.

Hier geht's zum Debütalbum von Loreen.

Künstler: Loreen
Album: Heal
Plattenfirma: Warner
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Wenn es für Alpha-Männchen (Silvio Berlusconi und Felix Magath sind nur zwei aktuelle Beispiele) nicht mehr allzu gut läuft, dann ist es vielleicht Zeit für ein neues Konzept. Zum Beispiel das Omega-Männchen. «Ein Omega-Männchen wird wahrscheinlich nie Pilot werden oder der Boss von einem Pharmaunternehmen. Er wird stattdessen wahrscheinlich Chips essen und die Welt aus einem etwas entrückten Blickwinkel betrachten, so als würde er bloß fernsehen. Und nichts, was dabei passiert, kann ihn in seinem Dasein stören», umschreibt David Best dieses Konzept. Gemeinsam mt Sammy Rubin bildet er das Duo Omega Male, und zusammen machen sie auf ihrem Debütalbum den perfekten Soundtrack zum passiven, verwunderten Staunen.

Die Herren aus Brighton und Brooklyn vereinen digitale Elemente mit echten Instrumenten, vergleichsweise gewagten Texten und viel Liebe zum Detail. Das Fundament wird meist mit den Mitteln der elektronischen Musik gelegt, dazu können Stakkato-Gitarren kommen wie im Titelsong, eine wahnsinnige Orgel wie in Wax & Glue oder ein tonnenschweres Klavier wie in Blue Narcissus. Einiges lässt an Filmmusik denken und jedem Stück hört man an, wie gut es durchdacht ist. Wer die Gorillaz mag oder Hot Chip, der wird von Omega Male sehr angetan sein. Auch ganz ohne Imponiergehabe.

Hier können Sie das Album Omega Male bestellen.

Künstler: Omega Male
Album: Omega Male
Plattenfirma: Full Time Hobby
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

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