«Abschied ohne Ende» Brutal emotional

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Jahrelang war er Besuchsvater. Dann, als der Sohn endlich sein Leben teilt, schlägt das Schicksal zu - unvermittelt, grausam. Wie erlebt ein Vater diesen Moment? Wie kann er ihn ertragen? Tiefgreifend emotional fällt die Antwort in Wolfgang Hermanns Abschied ohne Ende aus. Es ist die Geschichte seines Lebens.

Wie es ist, ein Kind zu verlieren, das wissen nur Eltern, die ein Kind verloren haben. Und egal ob es Kleinkinder, Teenager oder erwachsene Kinder sind - der Schmerz sitzt tief. Ist nicht zu beschreiben. Oder es braucht Jahre, um die Emotionen zu sortieren und in Worte zu fassen.

Wolfgang Hermann ging es nicht anders. Vor dreizehn Jahren verlor der Österreicher seinen Sohn. Er ist die Geschichte in Abschied ohne Ende. Er ist die unendlich stille Stille, die Sohn Fabius einem namenlosen Vater in der Erzählung hinterlässt. Es ist ein Tagebuch der Emotionen. Angst, Trauer, die Entrückung aus dem Alltag, aus dem eigenen Körper, Nachdenklichkeit - vieles kommt in der Geschichte zusammen, die zugleich Aufarbeitung der gemachten Fehler auf dem eigenen Lebensweg ist.

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Nie hat sich der namenlose Vater in Abschied ohne Ende Gedanken darüber gemacht, dass sein Kind einmal vor ihm sterben könnte, denn: «Wir wussten nicht, was es bedeutet, wenn ein junger Mensch, eine junge Liebe, eine junge Hoffnung sterben muss. Wir ahnten den Krater nicht, den ein solcher Tod schlägt.» Unbeschwert nimmt er als Geschenk, dass der tief in der Pubertät steckende Sohn zu ihm zieht, dem er lange nur ein Besuchsvater sein konnte. Er schlägt die Sorgen in den Wind, die Warnhinweise, dass sein Sohn gesundheitlich in Gefahr schwebt.

Schmerzhafter Kampf gegen die Hilflosigkeit

Der Moment des Todes reißt den Vater in ein tiefes Loch, trennt den Körper von der Seele: «Es schrie mich weg vom Bett meines toten Fabius und hinauf ins Leere.» Es sind diese und andere kurze Sätze, stakkatoartig, festgehalten wie unfertige Bleistiftskizzen, die berühren und versuchen, die innere Zerrissenheit verstehbar zu machen. Dies sind die Momente, in denen man als Leser sein Mitleid bekunden möchte und es doch nicht kann. Denn es ist nicht das, was Wolfgang Hermann mit seinem Buch erreichen will. Weil es nicht lindert, was geschehen ist. Weil es nicht ungeschehen machen kann.

Und es hilft dem namenlosen Vater nicht, die Lebensunfähigkeit abzuwerfen, die der junge Tod mit sich brachte. Er kann - und will - nicht akzeptieren, dass Fabius nicht mehr da ist. Denn «der Tod war ohne Körper, er war nur eine Form, ein Übergang, ohne Ende. Das brachte mich zum Schreien vor Wut: dass ich hundertmal die Augen schließen und sagen konnte: Sei wieder bei mir, mein lieber Sohn! Und dass es nichts half.»

Ein ganzes Jahr begleitet der Leser den namenlosen Vater in Abschied ohne Ende. Erlebt die Verzweiflung, die Hoffnungslosigkeit, die körperlichen Schmerzen - beinahe bis zur Selbstaufgabe: «Es war schwer ein Stück Fleisch zu sein, da ich spürte, wie wenig es war. Ich war doch einmal mehr gewesen. In welchem Schlund war ich verschwunden?»

Das Begreifen beginnt, wenn sich die Emotionen lichten

Schritt um Schritt arbeitet Wolfang Hermann die Zeit auf, die nach dem Tod von Fabius unbeschreiblich war. Er resümiert über die Fehler, die er gemacht hat - bis knapp vor die Geburt seines Sohnes, als er - der Vater - selbst noch ein Schuljunge war. Und es drängt sich unterschwellig immer wie die Frage auf, ob alles anders gekommen wäre, wenn er sich nicht von Frau und Kind entfremdet hätte, wenn er mehr gewesen wäre als bloß der Besuchsvater, sein Leben in die Hand genommen hätte, statt sich vom Augenblick tragen zu lassen.

Wie ein Puzzle fügt sich die Lebensgeschichte zusammen. Ganz behutsam, Seite um Seite zeichnet Wolfgang Hermann ein Bild von Fabius und was er mit ihm erlebt hat. So gibt er zu verstehen, wie der Sohn den Vater beeindruckt hat, wie bedeutsam er für seine Persönlichkeit war. Und gerade dank der behutsamen Skizzierung ist das Bild des Sohnes kein verklärtes. Und es hilft, den Nebel der Gefühle und Emotionen zu lichten - gemeinsam mit der jungen Frau, die für Fabius die Liebe war, und Fabius' Mutter Anna. Das sind die Momente, in denen Abschied ohne Ende vom Emotionalen zum Analytischen wechselt. Es sind die Momente, in denen der Schmerz Stück um Stück sein Brennen verliert. So wird ein Zitronenbaum im Garten, der nach dem Verdorren wieder Leben austreibt, zum Sinnbild der Rückkehr aus dem Loch, das der Verlust gerissen hat.

Die Phasen der Trauer mitzuerleben, ist auch ein Appell dafür, sich des eigenen Lebens bewusster zu werden. Zu schnell wird man herausgerissen, aus dem, was normal ist: Denn so plötzlich wie aus einem Schüler ein Vater werden kann, so plötzlich kann ein Vater nicht mehr Vater sein.

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Autor: Wolfgang Hermann
Titel: Abschied ohne Ende
Verlag: LangenMüller
Umfang: 104 Seiten
Preis: 12,99 Euro
Erscheinungstermin: bereits veröffentlicht

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Bestes Zitat: ««Das Leben ist eine Flüssigkeit. Wenn man sie nicht zusammenhält, versickert sie.»» («Abschied ohne Ende» von Wolfgang Hermann)

loc/news.de

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