«Winter der Welt» Tiefe Einblicke in die braune Hölle

Leichtfüßig erzählter schwerer Stoff: Ken Follett nimmt seine Leser in Winter der Welt zu persönlichen Kämpfen im Zweiten Weltkrieg mit. (Foto)
Leichtfüßig erzählter schwerer Stoff: Ken Follett nimmt seine Leser in Winter der Welt zu persönlichen Kämpfen im Zweiten Weltkrieg mit. Bild: Bastei Lübbe

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Politik hat Ken Follett schon oft zum spannenden Inhalt seiner Romane gemacht. Den dankbarsten Stoff findet er allerdings im Zweiten Weltkrieg. Daraus macht der Waliser in Winter der Welt eine Familiensaga, die spannender als jedes Geschichtsbuch den Kampf gegen die braune Hölle antritt.

Mit Die Nadel gelang Ken Follett vor mehr als 30 Jahren der Durchbruch als Schriftsteller, die deutsch-kanadische Verfilmung von Die Säulen der Erde wurde vor zwei Jahren zum Quotenknüller im deutschen Privatfernsehen. Und es wird wohl nicht der letzte Follett-Fernseherfolg bleiben: Sturz der Titanen wurde als Familiensaga mit politisch-historischem Kontext zum Kassenschlager. Nun geht die Jahrhundert-Trilogie weiter.

Winter der Welt verknüpft als zweiter Teil der Trilogie die Familiengeschichte von Ethel Williams (später: Leckwith) erneut mit Maud Fitzgerald (später: von Ulrich), Gus Dewar und Grigori Peshkov. Doch diesmal sind es deren Kinder, deren Weg der Leser in den Wirren des Nationalsozialismus verfolgt. Follett springt dafür von Deutschland nach Amerika, zurück nach Großbritannien und Russland. Macht, Politik und Geld stehen im Kontrast zur jungen Liebe der Hauptfiguren Carla von Ulrich, Daisy Peshkov, deren Halbbruder Wolodja, Lloyd Williams und Woody Dewar. Inmitten von Spionage, Gefangenschaft und Flucht, Mord, Krieg und unerfüllten Lebenshoffnungen, Eiseskälte und Menschenverachtung müssen sie um ihre Zukunft kämpfen.

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1933 scheint die Welt für die Familien noch in Ordnung. Doch die Weltwirtschaftskrise fordert nach dem Schwarzen Freitag von 1929 ihren Tribut. Die braune Diktatur fährt ihr tödlichen Krallen aus. Das politisch aktive Ehepaar Maud und Walter von Ulrich versucht, seine Kinder in Berlin zu vernünftigen Menschen zu erziehen. Doch wo Tochter Carla hinterfragt, verfällt ihr älterer Bruder Erik der Ideologie der Nazis. Ein Tauziehen in der Familie beginnt, bei dem Verstand und Menschlichkeit scheinbar nicht gegen braune Propaganda ankommen.

Kampf gegen die hässliche braune Fratze

Den gleichen Kampf ficht Ethel in Großbritannien. Doch nicht etwa in der Familie. Vom Hausmädchen zur Abgeordneten aufgestiegen, versucht sie mit aller Kraft, den braunen Tendenzen vieler Briten entgegenzuwirken. Sie will den gewaltlosen Widerstand: «‹Warum sind die Faschisten so versessen auf Gewalt?›, fragte Ethel. ‹Wahrscheinlich sind die Männer da draußen bloß Rowdys, aber irgendjemand macht sich ihre Aggressionen zunutze, und ihre Taktik folgt einem bestimmten Zweck. Wenn es zu Straßenkämpfen kommt, können sie behaupten, die öffentliche Ordnung wäre zusammengebrochen und dass das Gesetz sich nur mit drastischen Maßnahmen wiederherstellen ließen. Und wie werden diese Maßnahmen aussehen? Man wird die Labour Party und andere demokratische Parteien verbieten, man wird gewerkschaftliche Aktivitäten untersagen, und man wird Menschen ohne Gerichtsbeschluss verhaften - Menschen wie uns, friedfertige Männer und Frauen, deren einziges Vergehen darin besteht, anderer Meinung zu sein als die Regierung.›»

«Winter der Welt»
Ken Follett im Interview
Video: YouTube

Mehr noch als Ethel hat ihr Sohn Lloyd gute Gründe, dem Nationalsozialismus die Stirn zu bieten. Er hat sie gesehen, die Grausamkeit der Nazis - und ihre Inszenierung. Geschickt verstrickt Ken Follett seine Protagonisten in solchen Momenten ins historisches Geschehen. Lloyd etwa steht beim Reichstagsbrand mitten auf der politischen Weltbühne und erlebt den Inbegriff der braunen Diktatur hautnah: «Das Ganze hatte etwas Künstliches, Gestelltes. Hitlers Hass schien echt zu sein, der Wutausbruch aber war nur Show, um die Umstehenden zu beeindrucken - die Feuerwehrmänner, die Reichstagsangestellten und seine eigenen Leute. Hitler war in der Tat ein Schauspieler. Zwar waren seine Emotionen echt, doch er bauschte sie für sein Publikum auf. Und es funktionierte, wie Lloyd beobachten konnte: Alle in Hörweite starrten Hitler fasziniert an.»

Solche Momente gibt es häufig im Buch, faszinierend und erschütternd zugleich. Eindringlicher aber sind die Szenen des braunen Grauens. So, wie sie der Leser an der Seite Lloyds miterlebt. Er muss mitansehen, wie Jörg, der Lebensgefährte Robert von Ulrichs, aus reinem Schwulenhass brutal den Tod findet - in einem Käfig der Nazitruppen von ausgehungerten Kampfhunden blutig zerfetzt. Lloyd erlebt an diesem Punkt, dass das Gesetz längst nicht mehr auf dem Papier regiert, sondern eine braune Uniform trägt.

Crash-Kurs in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs

Über viele ähnliche Ereignisse - immer geknüpft an die persönlichen Schicksale - erlebt der Leser die Etablierung des Nationalsozialismus in Deutschland, den Angriff auf Polen, die Fliegerangriffe auf London, den japanischen Angriff auf Pearl Harbor, die Landung in der Normandie, die Entwicklung der Atombombe, die Befreiung Berlins und die Vergewaltigungen durch die Rote Armee. Kein wichtiges Ereignis um die Zeit des Zweiten Weltkrieges fehlt in diesem Buch. Einen derart globalen Blickwinkel, wie ihn Winter der Welt auf das Zeitgeschehen bietet, lassen sonst nur Geschichtsbücher - aber weitaus trockener - zu.

Doch obwohl man als Leser hier das Gefühl bekommt, hautnah dabei zu sein, sind es menschlichen Details, die die Figuren zu starken Charakteren reifen lassen: Ob es in den Beziehungen der jungen Generation nun darum geht, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu etablieren, oder darum, die Wahrheit zu ergründen - wie den Tod von Hausmädchen Adas kleinem, behinderten Sohn, der für sein geistiges Defizit von den Nazis hingerichtet wird; oder der Moment, in dem Carla miterleben muss, wie geistig behinderte und alte Menschen von den Nazis abtransportiert werden: «Patienten aus der Psychiatrie, die von der SS abtransportiert wurden. Die Irren brachten die Verrückten weg.»

Hier gibt es Winter der Welt als Hörbuch.

Anders als seine Schwester braucht Erik lange, um sich von seiner Führerverherrlichung zu verabschieden. Nur langsam kommen dem jungen Deutschen Zweifel: «Erik schauderte. In seinen schlimmsten Albträumen hätte er sich nicht vorstellen können, dass es so viel Leid auf so engem Raum geben könnte. Wenn der Führer über den Krieg sprach, kamen Erik solche Bilder nie in den Sinn. [...] Die Wirklichkeit war so ganz anders als seine Vorstellung von Soldatentum und männlicher Bewährung. Anstatt Mut, Heldentum und Opferbereitschaft sah er Schmerz, Blut und Eingeweide, hörte Schreie und Stöhnen, erlebte nacktes Entsetzen, animalische Angst und den völligen Vertrauensverlust in die Wehrmachtsführung.» Doch erst 60 Kilometer vor Moskau erkennt der junge Sanitäter in einem eisigen Winter die Wahrheit.

Ken Follett beherrscht das Prinzip Hoffnung

So grausam, so kalt, so unmenschlich sich die Welt vor allem in Europa in den Kriegswirren zeigt, so sehr ist sie auch eine Zeit des Nicht-Aufgebens und eines langsam stattfindenden Umdenkens. Klassendenken weicht dem Überleben und der Vernunft. Follett aber zeigt auch: Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich manches Denken nicht geändert.

Kaum ein belletristischer Buchtitel trifft seine Geschichte mehr als Winter der Welt. Geschickt verbindet Follett seine Protagonisten in die politischen, gesellschaftlichen und menschlichen Gräuel, macht ihr Erlebnisse emotional fühlbar. Oft sieht sich der Leser deshalb in der Situation, Wut zu empfinden, Mitleid und - ob des Wissens um die Gräueltaten dieser Zeit - das Gefühl der Unfähigkeit, etwas dagegen zu tun, zu empfinden.

Die schriftstellerische Leistung Folletts dürfte mancher seiner Kollegen kaum zu würdigen wissen. Denn die Geschichte liefert Schauplätze, Ereignisse und Emotionen frei Haus. Und die Historie spielt - wie schon in Sturz der Titanen - auch in Winter der Welt eine große Rolle. Damit hat sich Follett ein großes Publikum eröffnet. Was im Geschichtsunterricht behandelt und oft genug wieder vergessen wurde, taucht hier in komprimierter, leicht verdaulicher Form ohne schwer zu behaltende Zahlen und noch schneller wieder vergessene Fachbegriffe erneut auf. Winter der Welt ist Historie in unverstaubter Anmutung.

Dass Follett ausgerechnet aus diesem Stoff Unterhaltung macht, dürfte ihm die Kritik manchen Historikers einbringen. Doch am Ende gelingt ihm, was Geschichtsunterricht oft verfehlt: Mit der Vermenschlichung - (fast) ganz ohne dokumentarische Fotos - weckt er das Gewissen seiner Leser und er zwingt sie, zwischen den kritischen Reflektionen und dem blinden Gehormsam seiner Figuren einen eigenen Standpunkt zu beziehen.

Und obwohl die Ereignisse des Buches Vergangenheit sind, bleiben beim Lesen die Momente nicht aus, in denen man als Leser Parallelen zur Gegenwart zieht. Politische wie persönliche Fehltritte zwischen gestern und heute beweisen dabei vor allem: Geschichte wiederholt sich. Im Großen wie im Kleinen.

Bestes Zitat: «Erik sang das Lied mit feierlichem Ernst. Er unterstützte das Sowjetregime genauso blind, wie er einst die Nazis unterstützt hatte. Carla war anfangs verwirrt und wütend darüber gewesen; inzwischen aber hatte sie erkannt, dass diesem Verhalten eine traurige Logik zugrunde lag: Erik gehört zu den Menschen, die so viel Angst vor dem Leben hatten, dass sie es vorzogen, unter einem autoritären Regime zu leben. Sie brauchten jemanden, der ihnen sagte, was sie tun oder denken sollten. Diese Menschen waren dumm und gefährlich, und es gab schrecklich viele von ihnen.»

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Autor: Ken Follett
Titel: Winter der Welt
Verlag: Bastei Lübbe
Umfang: 1024 Seiten
Preis: 29,99 Euro
Erscheinungstermin: bereits veröffentlicht

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loc/news.de

Leserkommentare (5) Jetzt Artikel kommentieren
  • Erika Sturm
  • Kommentar 5
  • 05.11.2013 09:19

Die Seiten 92 ff. haben mich derartigem Entsetzen erfüllt, dass ich gerne herausfinden möchte, ob sich die dort beschriebene Zerfleischung des schwulen Jörgs durch Hunde auf eine wahre Begebenheit bezieht.

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  • Volksmund
  • Kommentar 4
  • 25.03.2013 08:56

Sehr gut geschriben danke viel Mals herr Folert sie schreiben sehr toole Bücher

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  • Flo
  • Kommentar 3
  • 19.02.2013 14:29

Historisch ist das traumhaft, besser kann man den Zweiten Weltkrieg nicht in einen Roman einpassen. Mich nerven nur die ganzen Liebesgeschichten und Sexszenen. Da setzt die Handlung aus, und bei Ken Follet hat an diesen Stellen wohl auch das Hirn ausgesetzt: Diese Szenen und Beziehungen sind sogar zu schlecht für "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten". Vor allem im Vergleich zu seinen früheren Werken: Die Säulen der Erde enthalten wohl die schönste und am wenigsten kitschige Liebesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Fazit: Geniales Buch mit vorhersehbaren, wiederkehrenden Aussetzern.

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