Durchgehört Urgewalt und Wir-Gefühl

Musiktipp
«I Will Wait» von Mumford & Sons
Video: YouTube

Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Mit Babel knüpfen Mumford & Sons nahtlos an den Mega-Erfolg von Sigh No More an. Das Quartett liefert nicht nur Wucht, sondern Hoffnung in Zeiten der Krise. Auch Ellie Goulding glänzt auf ihrem zweiten Album - mit Zukunftspop.

Mumford & Sons haben eine erstaunliche Erfolgsgeschichte hingelegt. Die vier Engländer machen Musik wie die von Männern, die dreimal so alt sind wie sie. Wie die von Bob Dylan, Ray Davies oder Bruce Springsteen, mit denen sie schon auf der Bühne standen. Und sie haben fulminanten Erfolg damit. Fulminant bedeutet: Acht Millionen verkaufte Exemplare ihres Debütalbums Sigh No More. Grammmy-Nominierungen. Und die erstaunliche Tatsache, dass junge Männer sich wieder reihenweise einen Bart wachsen lassen und der weltweite Absatz von Banjos sich seit 2009 schätzungsweise vervierfacht hat. Babel, ihr gerade erschienenes zweites Album, ist in England auf Platz 1 und in Deutschland auf Platz 2 der Charts eingestiegen.

Das Erfolgsgeheimnis ist dabei gar nicht so schwer zu erklären. Das Quartett um Frontmann Marcus Mumford bietet genau das, was in diesen Krisenzeiten heiß begehrt ist: Authentizität, Leidenschaft, Identifikation. Auf Babel wird immer wieder ein imaginäres Gegenüber angesprochen, gerne auch angeklagt. Ob das eine Angebetete ist, von der man verschmäht wurde, der Staat oder gar die Welt, ist dabei nicht immer klar. Trotzdem schafft diese Strategie ein Wir-Gefühl und, noch wichtiger, ein Wir-gegen-die-Anderen-Gefühl. In dieser Musik kann man sich aufgehoben fühlen, sie ist einig und einend.

Die zweite Säule des Mumford-Reichs ist die Urgewalt dieser Band, die sich vor allem live beobachten lässt und die auch auf Babel wieder unverkennbar ist. Songs wie die Single I Will Wait brennen vor Innigkeit, setzen auf tolle Arrangements zwischen Folk, Rock und Country und sprechen - trotz des Albumtitels, der etwas anderes behauptet - letztlich eine Sprache, die jeder versteht. Viele der Lieder auf Babel haben Mumford & Sons schon bei ihren Konzerten getestet, und das verleiht dem Album enormen Schwung.

Ein bisschen zu oft setzen die Lieder von Babel auf das Rezept, beschaulich zu beginnen und sich dann zu einem Wirbelsturm zu entwickeln, der alles und jeden mitreißt. Das ist, genau wie der Harmoniegesang des Quartetts, immer wieder eindrucksvoll, ein bisschen mehr Abwechslung hätte hier dennoch gut getan. Aber Mumford & Sons können ja noch dazu lernen. Schließlich sind sie noch längst nicht so alt wie die Männer, nach denen sie klingen.

Künstler: Mumford & Sons
Album: Babel
Plattenfirma: Gentlemen Of The Road/Cooperative Music
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Von den britischen Ausnahmesängerinnen, die uns in den vergangenen Jahren beglückt haben, war Ellie Goulding eine der vielversprechendsten. Unter den vielen Fans, die sich für ihr Nummer-1-Debüt Lights begeistern konnten, waren auch einige sehr prominente Namen. Ellie Goulding hat auf der Hochzeit von William und Kate gesungen und für Barack Obama ein Konzert zu Weihnachten gegeben.

Nun erscheint Halcyon, ihr zweites Album, und es muss als weiterer Beweis ihres Talents gelten. Die Stimme der 25-Jährigen klingt nach wie vor unnachahmlich wandlungsfähig. In Liedern wie My Blood könnte man meinen, drei verschiedene Sängerinnen seien da am Werk, mal rauchig, mal zerbrechlich, mal selbstbewusst.

Noch faszinierender sind diesmal aber die Songs. Die Single Anything Could Happen ist ein gutes Beispiel dafür, wie Ellie Goulding es schafft, Hitpotenzial zu generieren, ohne sich an etablierte Formeln zu halten. Alles auf Halcyon ist ambitioniert, ungewöhnlich, komplex - und trotzdem Popmusik. Erstaunlich.

Künstler: Ellie Goulding
Album: Halcyon
Plattenfirma: Polydor
Erscheinungsdatum: 5. Oktober 2012

Manchmal hat der Klimawandel auch seine guten Seiten. Als eine Flut im Jahr 2009 Portland überschwemmte, stand auch das Tonstudio von The Helio Sequence unter Wasser. Das Duo war zwar gerade auf Tour und hatte die wichtigsten Teile seiner Ausrüstung bei sich. Für die Aufnahmen des fünften Albums Negotiations brauchte man trotzdem einen neuen Ort. Im Old Jantzen Building ihrer Heimatstadt, einer ehemaligen Cafeteria, wurde die Band fündig. Die neue Umgebung hat den Sound der Platte deutlich geprägt. Selten klangen The Helio Sequence so entspannt und unverkopft wie hier.

Weil für das neue Studio auch reichlich neues Equipment angeschafft wurde (genauer gesagt: alte, analoge Geräte), klingt Negotiations sagenhaft warm, groß und tief. In den Texten geht es um Verlust, Angst, Hoffnung. Das klingt manchmal wie die Beta Band, die in einen Gitarrenladen eingebrochen ist (The Measure) oder wie The Shins, wenn sie eine ziemlich bedrohliche Regenfront aufziehen sehen (October). Der Herbst kann kommen.

Künstler: The Helio Sequence
Album: Negotiations
Plattenfirma: Sub Pop
Erscheinungsdatum: bereits erscheinen

sca/news.de

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