«Jenseits des Protokolls» Die Abrechnung der Bettina Wulff

Es hat etwas Exhibitionistisches, was Bettina Wulff mit ihrer Biografie Jenseits des Protokolls tut: Sie rechnet ab - mit der Zeit in Berlin, mit den Medien, mit ihrem Mann. Um die eigene Selbstbestimmung zurückzugewinnen, sagt sie. Und für ihren Mann und ihre Söhne. Doch die dürften am meisten darunter leiden.

Christian und Bettina: Die Rückkehr der Wulffs

2006 wurde Bettina Wulff zu einer Person des öffentlichen Lebens - ungewollt, wie sie in ihrer Biografie Jenseits des Protokolls schreibt. Schließlich hatte nicht sie, sondern ihr Lebenspartner und späterer Mann Christian sich eine Karriere in der Politik ausgesucht. Wollte sie mit ihm zusammen sein, musste sie wohl oder übel mitziehen. So auch als Christian Wulff 2010 zum neuen Bundespräsidenten gewählt wurde. Dauerüberwachung, Leben nach Protokoll, kaum Privatsphäre.

Jetzt, sechs Monate nach dem Rücktritt, macht sich Bettina Wulff selbst zur öffentlichen Person. Und das, obwohl es ruhig um die Wulffs geworden war, sie sich bewusst in ihr Haus in Großburgwedel und aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatten, um alles sacken zu lassen, und die Privatsphäre, die die ehemalige First Lady gerade in Berlin so vermisste, langsam zurückzukehren schien. Mit ihrer Buchveröffentlichung dürfte das vorerst wieder vorbei sein. Bettina Wulff muss erneut mit einem gigantischen Medienecho leben - positiv wie negativ.

Sie hatte damit rechnen müssen, dass Journalisten sich auf sie stürzen, dass nicht jeder ihr Buch mögen würde, dass ihr manche Menschen - wie derzeit im Internet - sogar Geltungssucht und Schamlosigkeit unterstellen. Denn mit welcher Offenheit und Vehemenz Wulff in Jenseits des Protokolls mit ihrem Leben als First Lady, mit so manchem Reporter und auch mit ihrem Mann abrechnet, ist überraschend, wenn nicht gar befremdlich. Kannte man die 38-Jährige doch vor allem als lächelnde, sich engagierende Frau des Bundespräsidenten, immer freundlich und ihrer Funktion entsprechend zurückhaltend.

Bettina Wulff war alles leid

Umso verwunderlicher ist, wie ungestüm und deutlich Bettina Wulff in ihrem Buch zu Werke geht - und wie viel sie von sich preisgibt. Sie schreibt - in der Manier eines Schulaufsatzes - über ihre Jugendliebe auf Sylt, dass sie kein bestimmtes Beuteschema habe und schon gar nicht nach dem Prinzip «reich und berühmt» verfahre. Sie schreibt auch, dass sie Christian Wulff anfangs für einen Spießer hielt, er sie aber schnell vom Gegenteil überzeugte und dann alles Knall auf Fall ging: Trennung von der Frau, öffentliches Outing der Beziehung, Wohnungssuche, Hauskauf. Fast minutiös breitet Wulff ihr Privatleben vor der Leserschaft aus, gibt auch Einblicke in ihr Gefühlsleben.

So stand sie der Kandidatur ihres Mannes für das Amt des Bundespräsidenten ambivalent gegenüber, wollte nicht nur «die Frau von ...» sein, ihre Unabhängigkeit nicht einbüßen. Doch das Protokoll habe es nicht anders zugelassen. Es folgten Monate, in denen sie sich oft «wie eine Statistin bei dem Dreh für einen großen Kinofilm» fühlte und vor allem das «Funktionieren-Müssen» lernte, aber auch Gutes tun konnte - etwa als Schirmherrin verschiedener Wohltätigkeitesprojekte. Dennoch habe sie sich in dieser Zeit fast selbst verloren. Das Gefühl, zu Hause zu sein, sei dem der permanenten Überwachung gewichen. Der Fulltime-Job als First Lady und die Mutterrolle überforderten sie.

Politikerfrauen: Die schönsten First Ladys

Wie unwohl sich Wulff in «diesem fremdbestimmten und zweigeteilten Leben» fühlte, verschwieg sie ihrem Mann. Das Beziehungsleben hatte sich längst den Spielregeln des Business untergeordnet. Zwischen den Zeilen lässt sich Verbitterung und Enttäuschung erahnen, wenn die Ex-Präsidentengattin vom Pflichtbewusstsein ihres Mannes bis zur Selbstaufgabe schreibt. Welche Belastung sein Amt für sie und die Kinder gewesen sei, damit habe er sich vor lauter Arbeit nicht auseinandersetzen können. «Das bereut er heute», sagt sie. Vorwürfe wolle sie ihm deshalb nicht machen.

Von der «stummen Statistin» zum Seelenstriptease

Sie tut es aber dennoch, etwa wenn sie schreibt, dass Christian Wulff sie «ein großes Stück in diese Rolle hineingedrängt» habe, die ihr so zuwider war. Oder wenn sie sich gleich mehrfach darüber ärgert, dass «wir als Ehepaar Wulff, ... gerne, als es um die lange Liste der möglichen Vergehen ging, von den Medien über einen Kamm geschoren» wurden. Als ob sie noch einmal deutlich machen wollen würde, dass es nicht ihre, sondern seine Fehler waren. Beispiel Bild: Über den Anruf bei Chefredakteur Kai Diekmann hätten sie und ihr Mann zwar im Nachinein viel geredet, doch da war das Kind schon in den Brunnen gefallen.

«Ich hätte mir gewünscht, dass Christian mit mir redet. Dass er die aufgestaute Wut mir gegenüber ablässt», gibt sie zu. Zwar bezeichnet sie den Ausraster als menschlich, aber in seiner Position auch als riesengroßen Fehler. Diese habe es zudem im Umgang mit den Vorwürfen der Vorteilsnahme gegeben. Es wäre klüger gewesen, sich einmal offensiv statt häppchenweisen zu erklären, sagt Bettina Wulff. Aber sie habe ohnehin kaum mitreden können, keinen Zugang zum Beraterteam gefunden und auch beim Rücktritt die Rolle der «stummen Statistin» übernehmen müssen.

Dabei hätte sie so viel zu sagen gehabt. Das holt sie nun nach. Es wirkt wie eine verspätete Rebellion, die Wulff in Jenseits des Protokolls verschriftlicht hat. Und auch wenn man Verständnis dafür aufbringen kann, dass eine Frau mit bösen Gerüchten über ihre eigene Vergangenheit aufräumen will, dass sie für ihr Recht klagt - über weite Strecken des Buches dominiert doch das Gefühl des peinlichen Berührtseins. Weil sich unwillkürlich die Frage stellt, was eine Frau, auch die Frau des Ex-Bundespräsidenten, dazu bewegt, so viel von sich preiszugeben. Erst recht, wenn sie im selben Buch schreibt, keinesfalls noch einmal zum Medienereignis werden zu wollen.

Bei vielen Dingen, die über sie geschrieben worden sind, habe sie sich gefragt, «ob es wirklich nichts Wichtigeres gab, worüber man berichten sollte». Viele Leser werden sich diese Frage bei so manchem Kapitel ihres Buches ebenso stellen. Bettina Wulff selbst dürfte die ganze Aufregung aus Marketingsicht sehr gelegen kommen. Schließlich weiß sie als PR-Frau: Schlechte Publicity ist besser als keine Publicity. Einen Bewerber für die Verfilmung ihres Buches hat sich auch schon angeboten. Regisseur Nico Hofmann wolle dafür eng mit der Autorin zusammenarbeiten, und natürlich solle es ein seriöser Film und keine Komödie werden, sagt er.

Lustig ist Bettina Wulffs Seelenstriptease tatsächlich nicht, vor allem nicht für ihre Familie. Musste die ehemalige First Lady noch vor wenigen Monaten mit den Schlagzeilen über ihren Mann leben, dreht sie den Spieß nun um. Ihre Biografie genau diesem und ihren Kindern zu widmen, klingt da schon fast wie Hohn.

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kls/news.de

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Leserkommentare (6) Jetzt Artikel kommentieren
  • Beyer
  • Kommentar 6
  • 07.10.2012 11:03

Wieso muß sie überhaupt ein buch schreiben, das geld reicht allemal sie hat kein Pfettnäfpgen ausgelassen , hinein zu treten und dann noch mit dem Buch versuchen die sache herum zu drehen, ist schalos ich werde bestimmt das Buch nicht lesen

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  • Sven Forbis
  • Kommentar 5
  • 14.09.2012 18:09

Frau Bettina Wulff hat doch einen Schatten. Natürlich werde ich das Buch NICHT lesen. Es gibt wichtigeres auf Erden. Ich empfehle Frau Wulff auszuwandern.

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  • G.H.
  • Kommentar 4
  • 14.09.2012 17:26

auf keinen Fall werde ich dieses Buch lesen und kann nur jeden davon abraten, warum auf einmal muß sie ein Buch schreiben,ich ihr das Geld ausgegangen (die Arme Frau). Sicherlich wird sie jemanden finden der ihr weiterhilft, so wie damals den Privatkredit für das Haus. Wenn sie Glück hat giebt ihr Mann etwas von dem "Ehrensold" ab (es ist genug vorhanden)

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