Smartphone-Trend Berlin ist ein mörderischer Spielplatz

Spieletrend
Smartphone-Tummelplatz Berlin

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Das Smartphone vibriert. Eine Nachricht: An der U-Bahn-Station in sieben Metern Entfernung liegt eine Leiche. Erlaubt sich da jemand einen schlechten Scherz? Nein. In Berlin passiert das immer wieder. Mittendrin stecken unzählige Smartphone-Besitzer - und spielen fröhlich vor sich hin.

Da liegt sie, die Leiche. Drumherum stehen Menschen mit ihren SmartphonesStreng genommen handelt es sich um Mobiltelefone mit erweiterten Fähigkeiten - zum Beispiel für die Verwaltung von Kontakten, Terminen und Aufgaben (sogenannten PIM-Funktionen) - sowie multimedialen oder internetbasierten Anwendungen. Sie benutzen meist ein spezielles Betriebssystem, welches die Installation weiterer Programme erlaubt (Symbian OS, Windows-Mobile, Android). Der Begriff Smartphone wird oft synonym für Geräte anderer Gattungen verwendet, zum Beispiel Organizer oder PDAs mit Telefonfunktionen. und halten drauf. Widerlich, diese Gaffer! Das sollten Passanten meinen, die vorbeilaufen. Doch die Frage, die sie sich stellt, lautet: Was fotografieren die bloß? Anders nämlich als die Smartphone-Besitzer können die Passanten die Leiche nicht sehen. Die existiert nur virtuell.

Was krude klingt, ist ein Spiel. Ein sogenanntes location-based Game. Dahinter steckt die Idee, Virtualität und Realität zu verknüpfen. Statt vor einem Bildschirm im ungelüfteten Wohnzimmer zu versauern, laufen Spieler durch die Stadt - und spielen. Videospiel und Freiluftaktivitäten finden beim location-based Gaming zusammen.

Mehr als 15 Prozent der Deutschen ab 16 Jahren spielen bereits auf ähnliche Weise - beim Geocaching, einer Schatzjagd in Parks, Städten und Wäldern. Spannender wird location-based Gaming allerdings mit Smartphones und Tablets, denn mithilfe von GPS-Chips, mobilem Internet sowie Features wie Bewegungssensoren und Kameras werden hier nicht Schätze gesucht, sondern ganze Geschichten erlebt. Der Spielverlauf wird gesteuert, in dem der Spieler seinen geografischen Standort verändert.

Bislang verpacken nur wenige Spiele virtuelle Geschichten so konsequent in eine reale Umgebung, dass Spieler zum Spielen die Wohnung verlassen müssen. Einen ersten Ansatz dafür zeigt die Street-Pass-Funktion des vor zwei Jahren veröffentlichten Handhelds Nintendo 3DS, die jeden Spaziergang zur Spielwiese macht. Das in Zürich angesiedelte Mafiaspiel Gbanga Famiglia oder das in den USA erschienene Shadow Cities vom finnischen Entwickler Studia Grey Area machen komplette Städte zum Spielfeld - als Schnitzeljagd oder Eroberung von Stadtteilen.

Spiele-App macht Berlin zu einem riesigen Spielplatz

Hauptstadt des deutschen location-based Gamings ist Berlin. Mission Mauerfall, Inspector Tripton, Secret City und Rocco Ratcha, verfügbar per Tripventure-App, machen die Bundeshauptstadt zum Spielplatz: «Man kann diese Spiele nicht auf der Couch spielen. Man muss sich durch die Stadt bewegen und wird dann mitten hineingezogen in die Story», sagt Anne-Kathrin Ullrich von Sprylab Technologies, die Tripventure entwickelt haben. Alle vier Spiele gehen einen Schritt weiter als die internationalen Vorbilder: Tripventure integriert neben StorytellingDie Zuhörer werden in die erzählte Geschichte eingebunden, damit sie den Gehalt der Geschichte leichter verstehen und eigenständig mitdenken. (Quelle: Wikipedia) auch Augmented Reality. Virtuelle Figuren und Gegenstände werden auf Smartphone- und Tablet-Displays projiziert, die per Kamera gleichzeitig die reale Umgebung des Spielers zeigen.

Navigiert wird statt mit dem Finger auf dem Display durch das Laufen. Sobald bestimmte GPS-Koordinaten erreicht sind, startet die App den nächsten Teil des Spiels. Mal müssen Fragen beantwortet werden, mal sind neue Objekte mit bereits gesammelten zu kombinieren. Oder das Handy vibriert und kündet in einer Nachricht von einem Ereignis, das in wenigen Minuten wenige Meter entfernt passieren wird.

Virtuelle Ereignisse und reale Orte verschmelzen. «Das ist eine Art Dan-Brown-EffektDer Autor Dan Brown («Illuminati», «Sakrileg») verbindet in seinen Büchern reale Fakten mit frei erfundenen Ereignissen, sodass der Eindruck erweckt wird, es handelt sich um ein reales Geschehen. », sagt Benjamin Kolb, Geschäftsführer von Sprylab Technologies. «Man erlebt beim Spielen also einen Wow-Effekt, weil man mit so vielen echten Fakten bombardiert wird, dass man glaubt, dass die Story vielleicht einen reellen Kern hat.»

Auf diese Weise jagt der Spieler etwa in Mission Mauerfall dem Tagebuch einer verstorbenen CIA-Agentin nach, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR operiert hat. Gleichzeitig lernt der Spieler Ost-Berlin auf eine andere Art kennen. Denn der Checkpoint Charlie ist in diesem Spiel nicht nur touristische Sehenswürdigkeit.

Von Berlin aus die Welt erobern

Ähnlich, aber mit anderer Geschichte, funktionieren der Krimi Inspector Tripton und das als Fortsetzungsreihe geplante Secret City. Rocco Ratcha ist auf Kinder abgestimmt - eine Jagd auf virtuelle Pizzastücken vorbei am Fernsehturm quer durch die Berliner Stadtgeschichte. Geschicklichkeitsspiele inklusive.

«Inspector Tripton»
Mord in der Berliner U-Bahn
Video: YouTube

Berlin ist nicht die einzige Großstadt, die die Tripventure-Spiele zum riesigen Spielplatz machen. Inspector Tripton ist auch für Hamburg, Köln, München, Stockholm, London, Paris und Barcelona lokalisiert worden. «Rocco Ratcha wird für London adaptiert, verriet Anne-Kathrin Ullrich. Versionen für Paris und Barcelona sind geplant.

Die Spielzeit kalkuliert Sprylab Technologies auf rund zwei Stunden - für jedes der bislang erschienenen Tripventure-Spiele. Was der Spieler also investieren muss, ist vor allem Zeit. Denn die Tripventure-App, die es sowohl für iOS- als auch Android-System gibt, ist kostenlos. Die Spiele, die per App ausgewählt werden können, kosten zwischen 79 Cent und 2,39 Euro.

Mit gutem Storytelling, Augmented Reality und GPS-Daten, wie sie die Tripventure-Spiele vereinen, ist das Potenzial von location-based Gaming noch längst nicht ausgereizt. Foto-, Video- und Tonaufnahmen ließen sich integrieren, Chats und Barcodes oder QR-Codes ebenso einbinden wie Social Networks. Der derzeit an Innovationsmangel kränkelnden Videospielindustrie bietet das Prinzip viele neue Ansatzpunkte - es könnte gar Videospiele revolutionieren. Bislang fehlt allerdings ein Spiel, das auf dem Markt den Durchbruch geschafft hat.

Die Probleme des location-based Gaming

Das mag daran liegen, dass die Entwickler solcher Spiele mit vielen Problemen zu kämpfen haben. Ständig aktiviertes GPS-Tracking gilt derzeit als Killer moderner Smartphone-Akkus. Das Durchhaltevermögen der Geräte ist begrenzt. Zudem arbeiten einige GPS-Chips noch längst nicht metergenau. Und auch der mobile Datenverkehr ist nicht stabil genug. Selbst in Deutschland klaffen diverse Datenfunklücken - trotz LTE-Standard. Hinzu kommt: Städte und Landschaften verändern sich. Der Aufwand, das Spiel auf dem Laufenden zu halten, damit der Spieler nicht plötzlich auf einer Baustelle steht oder gegen eine Wand rennt, ist hoch. Sprylabs Technologies will hier auch auf die Unterstützung der Community setzen.

Eines der größten Probleme ist allerdings, Spieler dazu zu bewegen, das Sofa zu verlassen. Die bloße Existenz eines Spiels ist noch lange kein Grund, den inneren Schweinehund zu überwinden. Multiplayer-ModiPer Internet können mehrere gleichzeitig miteinander spielen. Der Erfolg von Spielen wie «Diablo» basiert auf solchen Multiplayer-Optionen. , wie sie klassische PC-Spiele bieten, könnten dabei helfen. Wichtig ist auch, dass es keines Hochschulabschlusses bedarf, um die Spiele bedienen zu können.

Interessant ist location-based Gaming nicht nur für die Spielebranche. Tourismus und Edutainment-Branche können mit diesem Ansatz völlig neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit für ihre Angebote zu begeistern. Städte erkunden oder Geschichte zu lernen, würde damit eine völlig neue Erfahrung.

Auch im Marketing wird der location-based Ansatz interessant: Per Spiel lassen sich Kunden an Produkte heranführen. Mit Social Check-ins wie sie etwa Facebook und Foursquare können Kunden Rabatte erarbeiten oder Eintrittskarten gewinnen. Hier besteht die Schwierigkeit darin, dass der Spieler ein Werbeelement als Verbesserung der Spielerfahrung wahrnehmen muss, um nicht sofort wieder auszusteigen, meint etwa der IT-Experte Greg Steen. Ein Beispiel sei dafür das Social Game FarmVille, das mit der Werbekampagne des Eiscreme-Herstellers Dreyer's verknüpft wurde. Pflanzten Spieler Feldfrüchte aus der Kampagne, erzielten sie höhere Erträge im Spiel und hatten so die Möglichkeit, als erfolgreicher Pflanzer in der Bestenliste die Aufmerksamkeit der Mitspieler auf sich zu ziehen.

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loc/sca/news.de

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