«Immer ich» Wer du bist - In drei Sätzen

Ein bisschen mehr Ego bitte: Alissa Walser Erzählung Immer ich nimmt das Selbstbild ins Visier. (Foto)
Ein bisschen mehr Ego bitte: Alissa Walser Erzählung Immer ich nimmt das Selbstbild ins Visier. Bild: Piper Verlag

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Die Menschen an unserer Seite, die Gegenstände in unseren Wohnungen - sind das wirklich wir? Schriftstellerin Alissa Walser rauscht in Immer ich durch den Alltag. Die Herausforderung ihre Buches liegt darin, stehen zu bleiben und sich selbst zu betrachten.

Ob Haus, Auto oder Smartphone - wir Menschen definieren uns über viele Dinge. Viel zu selten allerdings über uns selbst. Wer ist eigentlich dieses «ich», das sich von anderen messen lassen muss? Wie war dieses «ich» gestern und wie wird es morgen sein? Ehrliche Antworten darauf finden wir viel zu selten. Oder wollen wir sie nicht finden?

Schriftstellerin Alissa Walser wagt sich an dieses Spannungsfeld. Immer ich heißt das kleine Buch, dessen Erzählung auf den ersten Blick vor allem den Alltag zeigt. Die Begegnung mit Menschen, die Auseinandersetzung mit ihnen und ihrem Umfeld. Mal sind es Kindheitserinnerungen, mal das neue Leben im Schmelztiegel New York, in dem jeder wer, aber niemand etwas ist. Immer sind es Momentaufnahmen, Gedanken, die von einem zum anderen springen.

Hier geht's direkt zu Immer ich.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart versuchen die zumeist namenlosen Protagonisten ihren Halt zu finden. Und trotz der Menschen um sich herum sind sie allein. «Ich sitze vor dem Bildschirm, als sei mein Leben nur noch eine E-Mail und Erfüllung einer Message. Aber eigentlich, sagt er, wünsche ich mir ein Paar Augen, in das ich jeden Tag wenigstens eine lange halbe Stunde lang hineinschauen kann.»

Vieles besitzen die Protagonisten in Immer ich. Aber oft sind es Gegenstände, die nur da sind, um sie zu vergessen und weil der Mensch so oft über seinen Besitz definiert wird. Die Frage, die hinter all dem lauert, bleibt unumwunden: Wer ist man eigentlich? Die Herausforderung, mit der Walser nicht nur ein Kapitel überschreibt, sondern die beim Lesen dieses kleinen Buches immer wieder im Raum steht, ist, die Antwort auf die Frage möglichst in drei Sätzen wiedergeben zu können. Eine Antwort darauf bietet Walser mit der Frage: «Sind wir nicht alle Affen, bevor wir zu uns selbst werden?»

Ist es also das, das «ich»? Die von Selbstzweifeln getriebene Suche nach dem eigenen Ich, das sich von anderen abhebt? Oder sind wir, was andere Menschen in uns sehen? Und das sind nicht die einzigen Fragen, die Immer ich aufwirft. Ein gutes Stück weit ist das Buch Plädoyer dafür, sich nicht immer daran zu messen, was andere Menschen in uns sehen.

All das steckt in leichten Sätzen. Kurz und prägnant formuliert. Ohne Kitsch, aber nicht ohne starke Bilder und Emotionen charakterisiert Alissa Walser die Suche nach dem Ich. Viel lässt sie im Verborgenen, gibt dem Leser damit Raum, Gedanken weiterzuspinnen. Doch sie lässt nie zu, dass der Leser sich - wie ihre Protagonisten - über andere Menschen definiert. Sie lässt aber die Antwort nahe liegen, dass die Frage nach dem eigenen Ich im Laufe des Lebens nicht immer die gleiche Antwort bieten wird. Denn der Zufall spielt uns oft einen Streich.

Bestes Zitat: «War aber auch ein bisschen wie russisches Roulette, mein kleines Arschbüro. Einiges rutschte nach oben. [...] Und fiel raus. Andres aber blieb. So entschied sich mein kleines Schicksal in meiner linken hinteren Hosentasche.»

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Autor: Alissa Walser
Titel: Immer ich
Verlag: Piper
Umfang: 160 Seiten
Preis: 8,99 Euro
Erscheinungstermin: bereits veröffentlicht

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loc/sca/news.de

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