Kinderbuchtipp Wenn Erwachsene böse Fantasie-Räuber werden

Spannend & nachdenklich
Wunderbare Kinder- und Jugendbücher

Von news.de-Redakteurin Mandy Hannemann
Spaß haben ohne Smartphone oder Konsole? Im Kinderzimmer geht das noch immer. Dank Fantasie - und mit einem abenteuerberauschten Kinderbuch. Im Land der Stundendiebe von Thomas Mendl ist ein wunderbares Plädoyer, Kindern Raum für Fantasie zu geben.

Was machen zwölfjährige Zwillinge, wenn die Eltern aus dem Haus sind? Noch dazu, wenn es ein echtes Anwesen wie Borgland ist? Klar, alles, was sonst nicht erlaubt ist. Fernsehen, Chips futtern, spät ins Bett gehen. Blöd nur, dass ausgerechnet am ersten Abend der Fernseher durchbrennt - und die Stromversorgung im gesamten Haus ausfällt. Es gibt nichts langweiligeres, als nach dem Sicherungskasten zu suchen.

Zumindest meinen das Anna und Ben. Doch die Rückkehr aus dem Keller wird seltsam. Das Haus ist völlig verändert. Und es laufen Menschen durch die Villa, die die beiden noch nie gesehen haben. Der umgelegte Sicherungshebel hat nicht den Strom im Haus wieder eingeschaltet, er hat die beiden Kinder durch die Zeit reisen lassen. Zurück ins Jahr 1919.

Zugegeben, der Einstieg in Thomas Mendls Kinderbuch Im Land der Stundendiebe wirkt vorhersehbar - und irgendwie kitschig. Doch je mehr Ben und Anna bei dieser Zeitreise erleben, desto spannender wird die Geschichte. Die Zwillinge sind nämlich nicht die einzigen Kinder, die auf dem Borgland des Jahres 1919 auftauchen. Und sie sind nicht die einzigen mit ungewöhnlichen Fähigkeiten. Das macht Anna und Ben stutzig - und lässt sie einem fehlgeschlagenen Experiment des Wissenschaftlers Samuel Tegelmans auf die Spur kommen.

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Der Kampf gegen die Zeit

Doch je verworrener das Abenteuer wird, desto mehr wollen die Zwillinge nur eines: wieder nach Hause zurückkehren. Dabei bleibt ihnen nichts anderes übrig, als Tegelmans zu vertrauen. Doch wie sehr kann man einem verrückten Wissenschaftlicher vertrauen, der Kinder für seine Zwecke einspannt? Und obendrein mit der Zeit experimentiert?

Es kommt, wie es kommen muss: Die Heimkehr gelingt - allerdings anders als erwartet. Denn auf ihrem Borgland treffen Ben und Anna auf Abziehbilder ihrer selbst. Wieder passiert eine verrückte Sache nach der anderen. Denn die Scheinmenschen wollen nur eines: die Zeit dehnen. Und sie wissen: Erwachsenen bleibt diese Fähigkeit verwehrt, nur Kinder haben sie. Dank ihrer Fantasie. Diese bietet Sicherheit, doch wer zweifelt oder Angst hat, gerät in Gefahr.

Und so steht Anna plötzlich ganz allein da. Ohne Freunde, ohne ihren Bruder. Kann sie den Kampf gegen den Herren der Schattenmenschen auch ohne sie bestehen? Was ihr hilft, ist der Rat eines kleinen Mannes, den sich so ziemlich jedes Kind zu Herzen nehmen sollte: «Hör auf einen kleinen Tipp von einem kleinen Mann, und verlass dich in Zukunft bei jedem Schritt, den du tust, auf deine Phantasie. Sie wird dir immer helfen, die richtige Lösung zu finden. Aber sei vorsichtig! Es ist allgemein bekannt, dass die meisten Erwachsenen keine Phantasie besitzen, deshalb wollen sie sie den Kindern ausreden oder sogar abnehmen. Du darfst nie zulassen, dass dir deine Phantasie geraubt wird.»

Kindesmund tut Wahrheit kund

Das ist nur eines der wunderbaren Plädoyers, die Thomas Mendl seinen jungen Lesern in Im Land der Stundendiebe mit auf den Weg gibt. Voller Erfindungsreichtum bei Objekten, seltsamen Orten und ungewöhnlichen Menschen gerät er dennoch nicht in Versuchung, infantil zu erzählen. Sein Buch verbindet kindliche Direktheit mit gediegenem Erwachsenensprech. Das ist eine der vielen Reibungslinien, die im Buch für Spannung sorgen.

Was besonders auffällt: Mendl braucht keinen modernen, technischen Schnickschnack, um Abenteuerlust zu wecken. Er spielt mit der Vorstellungskraft und kindlichen Fragen. Was ist Zeit? Kann man sie festhalten? Warum verrinnt sie zwischen den Fingern? Warum werden Sekunden zu Stunden und anders herum? Was würde man alles ändern, wenn man nur könnte - zumindest als Erwachsener? Kinder hingegen suchen die Antworten nicht, sie leben sei einfach - mit ihrer Fantasie.

Mendl verpackt das in Im Land der Stundendiebe in lebendige Bilder und detailreiche Szenen. Selbst Erwachsenen fällt es so nicht schwer, sich die Welt des Buches vorzustellen. Dass Tegelmans Idee, die Zeit zu dehnen, funktioniert, beweist Im Land der Stundendiebe. Während des Lesens scheint die Zeit nicht zu vergehen. Doch sobald man auf die Uhr schaut, sind zwei Stunden vergangen. Die Fantasie lässt die Zeit verrinnen.

Hier und da erinnert Stundendiebe an Harry Potter, oft aber auch an Michael Endes Momo und manchmal sogar an James Bond. Doch Stundendiebe hat seinen ganz eigenen Charakter und ist nicht zuletzt deshalb ein wunderbares Kinderbuch voller Abenteuer. Wer ein Geschenk für lesebegeisterte Kinder sucht, die Abenteuer mögen, liegt damit völlig richtig. Übrigens auch, wenn man mit seinen Kindern gemeinsam liest.

Bestes Zitat: «‹Auch eure Welt wird irgendwann ein Ende nehmen. Und dann? Werdet ihr tatenlos zusehen, oder werdet ihr kämpfen, für euch und für eure Kinder? Nur durch einen Zufall hat es sich so ergeben, dass ihr Zeit habt. Viel Zeit, bis der Tag dieser Entscheidung kommt. Wir hingegen haben kaum noch welche übrig.›»

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Autor: Thomas Mendl
Titel: Im Land der Stundendiebe
Verlag: Oetinger
Umfang: 414 Seiten
Preis: 16,95 Euro
Erscheinungstermin: bereits veröffentlicht

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loc/news.de

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