Durchgehört Zwei glorreiche Halunken

Kid Kopphausen sind Nils Koppruch (ehemals Fink) und Gisbert zu Knyphausen (bester deutscher Songwriter). Ihr erstes gemeinsames Album ist abgeklärt, kantig und hoch romantisch. Auch Maximilian Hecker und die Kilians liefern tolle neue Musik aus deutschen Landen.

Jahrescharts 2011: Die Chartstürmer in Deutschland
zurück Weiter Helene Fischer (Foto) Zur Fotostrecke Foto: Emi/Christian Mai / Sophia Lukasch

«Lass uns mal was zusammen machen.» Dieser Satz fällt oft genug, wenn sich Musiker begegnen. Bei einem Festival, einer Party oder auf dem Männerklo. Denkbar gering ist die Zahl der Fälle, in denen aus diesem schnell dahingesagten Gedanken dann tatsächlich eine Zusammarbeit wird. Noch seltener passiert es, dass am Ende ein so überzeugendes Ergebnis steht wie I, das erste Album von Kid Kopphausen.

Hinter der Band stehen Gisbert zu Knyphausen, der sich seit seinem Debütalbum vor vier Jahren als bester deutscher Songwriter in Szene gesetzt hat, und Nils Koppruch, ehemals bei Fink im Einsatz. Die beiden liefen sich früh über den Weg, waren dann zusammen auf Tour und haben nun tatsächlich gemeinsam musiziert, so richtig. Kid Kopphausen ist eine echte Band, betonen sie, nicht bloß ein Projekt. Man wird es kaum wagen, ihnen zu widersprechen. Denn diese meisterhafte Platte hat nichts von einer Fingerübung. Und dieser Kid ist ein ziemlich gefährlicher Zeitgenosse.

Das erste gemeinsame Album von Koppruch und Knyphausen gibt es hier.

«Immer da, wo ich bin, da brennt es lichterloh», wird schon im ersten Lied Hier bin ich klargestellt, einem Psycho-Blues im Stile von Nick Cave. Später erklingt sogar eine großartige Mörderballade, es gibt Lieder, irgendwo zwischen Existenzialismus und Psychedelik (Wenn der Wind übers Dach geht) und solche, die klingen, als seien sie als Rausschmeißer für Höllenkneipen wie den «Titty Twister» in From Dusk Till Dawn gedacht (Haus voller Lerchen). Natürlich haben diese beiden glorreichen Halunken aber auch eine weiche Seite: Im Walzer Wenn ich dich gefunden hab leben sie die am schönsten aus.

Manches davon lässt an Element Of Crime denken oder an Kettcar (deren Produzent Swen Meyer auch hier verantwortlich war), viel öfter aber klingen US-Vorbilder an. Eine große Weite durchweht diese Platte, eine sehr stilsichere Abgeklärtheit, fast alttestamentarische Sprachgewalt und unerschütterliche Romantik. Wenn Hamburg solche Musik hinbekommt, dann braucht man Amerika fast nicht mehr.

Künstler: Kid Kopphausen
Album: I
Plattenfirma: Trocadero
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Auch die Kilians aus Dinslaken haben schon auf zwei Alben bewiesen, dass sie sich nicht hinter internationalen Vorbildern verstecken müssen. Immerhin wurden sie von Coldplay einst höchstpersönlich darum gebeten, drei ihrer Stadiongigs zu eröffnen.

Drei Jahre sind seit dem letzten Album der Kilians vergangen; anderthalb gingen allein für den wirtschaftlichen und letztlich musikalischen Richtungsstreit mit der früheren Plattenfirma Universal drauf. Am Ende stand der Wechsel vom Major- zum Indie-Label Grand Hotel van Cleef. Was nur logisch erscheint, sind die fünf Ruhrpottler doch bereits seit dem Engagement als Tomte-Support mit dem Grand Hotel und dessen Geschäftsführer Thees Uhlmann verbandelt.

Der ließ dann der Band und Produzent Simon Frontzek für das neue Werk Lines You Should Not Cross auch komplett freie Hand. Gemeinsam spielte man in sechs Wochen und einem kleinen Berliner Zweiraumstudio ein feines Album ein: wunderbar harmonisch, von akustischen Klängen ebenso geprägt wie von Indie-Rock. Eine in sich schlüssige, luftige Sommerplatte zum Durchhören, deren zahlreiche feine Melodien, vereinzelt durchbrochen von sperrigen Stakkato-Rhythmen, aber noch lange in den Gehörgängen nachhallen. The Kooks und die Arctic Monkeys hätten so manchen Song vermutlich gern in ihren Repertoires. Nennen wir es einfach mal: Brit-Pott.

Das Album Lines You Should Not Cross können Sie hier direkt bestellen.

Künstler: Kilians
Album: Lines You Should Not Cross
Plattenfirma: Grand Hotel van Cleef
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Maximilian Hecker könnte man mit einigem Recht ein Glückskind nennen. Vom Krankenpfleger und Straßenmusiker hat er sich zum deutschen Aushängeschild in Sachen melancholischer Pop gemausert. Gerade hat er sein erstes Buch veröffentlicht, zeitgleich mit dem Erscheinen seines siebten Albums Mirage Of Bliss. Und auch dabei meinte es Fortuna gut mit ihm: Seine sehr spartanischen Demos schickte er ohne große Hoffnung auf Rückmeldung an diverse Produzenten. Zu denen, die dann mit ihm arbeiten wollten, gehörten unter anderem namhafte Leute wie Chris Potter (The Verve), Martin Terefe (James Morrison) und Youth (Heather Nova).

Entstanden ist ein Werk mit traumhafter Atmosphäre und einer Eleganz, die ihresgleichen sucht. Dass Hecker neuerdings wieder auf üppige Arrangements setzt statt auf Reduktion, tut seinen Liedern hörbar gut. Nur eines ist das Glückskind Maximilian Hecker, wenn man diese sehnsuchtsvollen Liebeslieder zugrunde legt, noch immer nicht: glücklich.

Hier gibt es Maximilian Heckers neues Album.

Künstler: Maximilian Hecker
Album: Mirage Of Bliss
Plattenfirma: Blue Soldier Records
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

iwi/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig