Interview mit Boy «Mit unseren Fans würden wir gern Kaffee trinken»

Boy haben gerade ihre aktuelle Tour beendet. Im Interview erklären Sonja Glass und Valeska Steiner, warum sie noch keine Zeit für ein zweites Album hatten und mit wem sie gerne einmal auf der Bühne stehen würden. Und sie schwärmen von ihrem eigenen Publikum.

Valeska Steiner (links) und Sonja Glass sehen sich nach der Arbeit im Studio. (Foto)
Valeska Steiner (links) und Sonja Glass sehen sich nach der Arbeit im Studio. Bild: Add On Music/Inga Seevers

Mit einem Konzert in Braunschweig haben Boy am Freitag ihre aktuelle Tour beendet. Ende September geht es für Sonja Glass und Valeska Steiner dann schon wieder los: Das Duo aus Zürich/Hamburg macht sich dann auf Europa-Reise, unter anderem als Vorgruppe von Katie Melua. Im Interview plaudern sie über das nächste Album, ihre Erfahrungen bei Festivals und den Traum, einmal Bass bei Travis zu spielen.

Die Rolling Stones feiern in diesen Tagen ihr 50. Jubiläum als Band. 50 Jahre Boy – wäre das für euch ein Traum oder eine Horrorvision?

Sonja Glass (lacht): Das geht gar nicht. Wie alt wäre ich da? Ich glaube, ich wäre schon tot.

Valeska Steiner: Wenn es immer so viel Spaß macht wie jetzt, dann wäre das keine schlimme Vorstellung.

Glass: Wahrscheinlich würde ich dann mit dem Krückstock auf die Bühne wanken.

Steiner: Vielleicht ist das bei Männern auch anders, vielleicht halten die den Rock'n'Roll auf Dauer besser aus.

Vielleicht ist es für ein Duo auch aus einem anderen Grund schwieriger, so lange zusammen zu bleiben: Wenn es bei Boy mal Konflikte gibt, müsst ihr sie immer eins gegen eins austragen.

Glass: Das stimmt. Aber andererseits kann man dann auch sicher sein, dass man nicht alleine gegen drei andere Leute ankämpfen muss.

Ihr seid eine gefühlte Ewigkeit mit eurem Debütalbum Mutual Friends auf Tour, bald stehen die Konzerte im Vorprogamm von Katie Melua an. Habt ihr nicht langsam Sehnsucht nach der Arbeit im Studio?

Glass: Wir vermissen das sehr. Ich habe total Lust, zu schreiben, aber leider keine Zeit. Man sollte ja normalerweise die Phase, in der man inspiriert ist, auch nutzen. Es ist wirklich schade, dass das zurzeit nicht geht.

Steiner: Es ist aber nicht so, dass ich schon genug davon hätte, live zu spielen. Die Songs hängen mir nicht zum Hals raus oder so. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass es manchen Bands so geht, wenn die ewig unterwegs sind mit einem Album. Aber so weit ist es bei uns zum Glück noch nicht.

Entstehen auch Songs, wenn ihr unterwegs seid? Das einzige neue Lied, das es bisher bei euren Shows zu hören gab, handelt ja bezeichnenderweise vom Leben im Hotelzimmer.

Steiner: Das ist das einzige Lied, das bisher fertig ist. Auf Tour zu schreiben ist wirklich schwierig, vor allem, wenn es um die Texte geht. Wir haben versucht, immer mal ein bisschen zu schreiben, wenn wir mal drei Tage frei hatten. Ich brauche diese Zeit auch, das geht nicht im Bus. Und ich habe auch keine Lust, ein Album zu texten, das nur das Tourleben behandelt. Man kann auch im Bus viele Geschichten beobachten und wir erleben sehr viel, wenn wir unterwegs sind. Aber das sind dann oft keine Geschichten, mit denen sich jeder identifizieren kann.

Es fehlt euch momentan also nicht nur die Zeit zum Schreiben, sondern auch die Zeit zum Leben und Erleben?

Steiner: Ja. Deshalb haben wir uns jetzt zwei freie Monate erkämpft, in denen wir hoffentlich nur schreiben können. Anfang nächsten Jahres.

Das scheint eine ziemlich knappe Zeit zu sein, wenn ihr so viel Nachholbedarf habt. Reichen zwei Monate, um genug Erlebnisse und Erfahrungen für ein ganzes Album zu sammeln?

Glass: Natürlich nicht. Aber man kann mal wieder ein bisschen leben und in eine andere Phase des Musikerdaseins eintauchen.

Ihr geht als nicht mit dem Ziel in diese zwei Monate, danach genug Material für das zweite Album zu haben?

Glass: Nein. Am liebsten wollen wir das wieder so machen wie beim ersten Album: Wir nehmen uns einfach die Zeit, die wir brauchen. Und diese Phase wird uns auf jeden Fall helfen, mal wieder richtig ins Schreiben eintauchen zu können.

Steiner: Beim ersten Album haben wir da auch eine Weile gebraucht, bis unsere Arbeitsweise richtig harmoniert hat, bis wir miteinander und mit unserem Produzenten so richtig gut funktioniert haben. Und wir haben wirklich das große Glück, dass wir ein Label haben, das uns nicht jetzt schon im Nacken sitzt und wissen will, wann das zweite Album fertig ist. Die wollen auch, dass das Album gut wird – und wissen, dass das Zeit braucht.

Auch wenn vom Label noch kein Druck kommt: Was denkt ihr, werden die Erwartungen an euer zweites Album sein?

Glass: Ich denke, als Künstler sollte man sich von solchen Gedanken freimachen, auch wenn das sicher sehr schwer ist. Als Künstler möchte ich kreativ sein. Wir haben eine Vision, was wir machen möchten. Darum sollte es gehen – und nicht darum, irgendwelche Erwartungen von außen zu befriedigen. Sonst kann man sich leicht darin verlieren. Natürlich hoffe ich, dass es den Leuten gefällt, dass es unserer Plattenfirma gefällt und Philipp, unserem Produzenten. Aber jetzt sind wir noch an einem Punkt, wo wir uns eher wundern, warum so viele Leute schon nach dem Druck beim zweiten Album fragen.

Steiner: Ich denke, wenn wir die Linie verfolgen wie beim ersten Album, dann können wir nicht falsch liegen. Da haben wir uns nur auf uns selber konzentriert. Darauf muss man sich berufen. Wenn man mit den Gedanken schon bei der Frage ist, was vielleicht gut ankommt, dann macht man ja nicht mehr das, was man selbst gerne mag.

Mutual Friends lebt sehr stark davon, dass es so organisch und unprätentiös klingt. Ich stelle es mir sehr schwierig vor, diese ungezwungene Sound-Atmosphäre noch einmal zu wiederholen.

Glass: Ich fände es gar nicht schlimm, wenn wir den Sound des ersten Albums nicht wiederholen können, sondern uns weiterentwickeln, aufbauend auf das, was wir bisher gemacht haben.

Steiner: Uns ging es ja schon einmal so: Wir hatten die Akustik-EP gemacht, weil wir uns damals einfach noch keine Band leisten konnten – obwohl die Lieder schon mit Band gedacht waren. Und als wir sie dann mit Band eingespielt haben, hielten das manche schon für überproduziert. Da haben wir schon gesehen: Es gibt immer Leute, die einfach an dem hängen, was sie schon kennen. Und es gibt andere, die für Entwicklung offen sind. So wird es beim zweiten Album sicherlich auch sein.

Glass: Genau dasselbe noch einmal zu machen – das geht ja gar nicht. Da muss man sich einfach Fans wünschen, die offen sind und so eine Reise auch mitmachen.

Gibt es schon Punkte, die ihr auf jeden Fall ganz anders machen wollt als beim Debüt? Erfahrungen, die ihr seitdem gemacht habt und die auf jeden Fall euren Sound beeinflussen werden?

Glass: Beim ersten Album haben wir wirklich sehr viel alleine gemacht in unserem Dreiergestirn. Inzwischen hat aber jeder aus unserer Live-Band seinen Teil zu unserer Musik beigetragen. Ich denke trotzdem, dass wir uns wieder zu dritt hinsetzen werden und den Hauptteil machen.

Im Kinderzimmer von Produzent Philipp Steinke, wie bei Mutual Friends?

Glass (lacht): Das wissen wir noch nicht. Das ist wirklich ein Punkt, bei dem wir uns schon gefragt haben, ob wir das wirklich wieder so machen sollten. Wahrscheinlich nicht. Es hängt auch ein bisschen davon ab, wo unser Produzent sich dann aufhält.

Könntet ihr euch weitere Mitstreiter vorstellen? Wer wäre auf eurer Wunschliste der Künstler, mit denen ihr unbedingt einmal zusammenarbeiten wollt?

Glass: Das ist schwierig. Weil viele Leute, die ich gut finde, sicher eine ganz eigene Arbeitsweise haben, die sich womöglich gar nicht so gut mit dem verträgt, wie ich Musik mache.

Steiner: Das sehe ich auch so. Wir haben bei Boy eine sehr enge, sehr kleine Zusammenarbeit, die alles hat, was man braucht. Da wäre es wirklich schwierig, jemanden von außen dazu zu holen. Aber ich hätte nichts dagegen gehabt, mal mit Jeff Buckley oder Johnny Cash auf der Bühne zu stehen.

Glass: Ich habe gestern gerade wieder Travis gehört. Das ist auf jeden Fall eine Band, mit der ich supergerne einmal spielen würde. Der Bassist von Travis spielt ganz, ganz tolle Basslinien, und das wäre dann ja quasi meine Rolle. Ich könnte ihn für ein paar Lieder zum Kaffeetrinken schicken und dann einspringen. (lacht)

Ihr habt in diesem Sommer ziemlich viele Festivals gespielt. Die sind laut, schmutzig und flüchtig – passt das zu Boy?

Glass: Ich denke schon. Es kommt natürlich immer auch darauf an, was es für ein Festival ist. Aber bis jetzt haben wir gute Erfahrungen gemacht und es macht wahnsinnig viel Spaß. Noch mehr Spaß als ich dachte.

Steiner: Ich muss sagen, dass ich vorher schon ein bisschen Respekt hatte. Ich war früher nicht so oft auf Festivals, und dann hat man so ein Klischee im Kopf, dass die Leute da in erster Linie wegen der Party hingehen und nicht, um die Konzerte zu sehen. Aber ich habe mich schnell eines Besseren belehren lassen, Zum Beispiel unsere Show beim Southside zum Sommeranfang war ganz wundervoll.

Glass: Stimmt. Da dachten wir: Das war jetzt schon der Höhepunkt, besser kann die Festivalsaison nicht mehr werden. Besonders schön für uns ist es, wenn wir im Zelt spielen. Dann ist alles ein bisschen kompakter, man kann ein bisschen mehr Atmosphäre schaffen. Und wenn alle schwitzen und das Wasser von den Decken läuft, wie es beim Southside war, dann ist das herrlich.

Was ist das typische Boy-Publikum?

Glass: Mein Eindruck nach unseren ersten beiden Tourneen: Mehr Mädchen als Jungs und vom Alter her sehr gemischt. Und vor allem: ein sehr nettes Publikum. Wenn ich von der Bühne blicke, sehe ich ganz oft Leute, bei denen ich denke: Wow, die sehen total nett aus. Mit denen könnte man bestimmt gut einen Kaffee trinken. Das ist vor allem deshalb schön für uns, weil man am Anfang ja gar nicht weiß, wer zu den Konzerten kommen wird und wie die Leute drauf sind, bevor man die ersten Konzerte spielt.

Steiner: Sogar wenn wir auf der Straße angesprochen werden, ist das in der Regel sehr angenehm. Das ist nie ein dummer Spruch, sondern die Leute erzählen uns eher, was ihnen die Musik bedeutet. Das ist wunderbar.

iwi/news.de

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Leserkommentare (1) Jetzt Artikel kommentieren
  • Moorfrau
  • Kommentar 1
  • 01.09.2012 17:41

Das ist mir völlig egal. Hauptsache, sie bleiben sich selbst treu. Habe Boy als "Vorspeise" im Frühjahr 2011 v. Michy Reincke in Hoopte erlebt. Ganz tolle Frauen, ein Genuss!

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