Durchgehört Zurück zur alten Liebe

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Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Mit seiner Ex-Frau Joy Denalane ist Max Herre wieder zusammen. Auf seinem dritten Soloalbum Hallo Welt kehrt er zu einer weiteren alten Liebe zurück: dem Rap. Teeniestar Conor Maynard tobt sich derweil im Pop-Wunderland aus und ein Altmeister kehrt in Hochform zurück.

«Rap ist mein Talent und meine Identität.» Es ist eine an Klarheit kaum zu überbietende Aussage, die Max Herre da in Rap ist trifft, dem letzten Track seines gerade erschienenen Soloalbums Hallo Welt. Und es ist ein Satz, der eigentlich ein bisschen zu selbstverständlich sein sollte für jemanden, der einst mit Freundeskreis ganz oben auf der Erfolgswelle des deutschen Sprechgesangs surfte und der HipHop immer als Lebensentwurf verstanden hat.

Trotzdem ist diese Zeile eine Überraschung. Denn zuletzt hatte sich der mittlerweile fast 40-Jährige eher in Richtung Folk bewegt und nur noch gesungen. Rap schien ihm zum Korsett, zur Belastung geworden zu sein und wurde kurzerhand auf den Index gesetzt. Auf Hallo Welt ist der Sprechgesang wieder willkommen und durchmischt sich gekonnt mit Soul, Reggae, Jazz, Funk und Rock. Das passt zur Botschaft des Albums: Es geht um die Kraft der Musik, die Max Herre schon mit Freundeskreis gepriesen hat, es geht um Zusammenhalt und Freiheit – politisch und kreativ.

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Die Musik bleibt fast durchweg im Reich der Gefälligkeit, ist schick und stilsicher, aber wenig aufregend. Die Lyrik ist meistens eher plump als geistreich, aber immerhin ist der gebürtige Stuttgarter einer der wenigen, die sich in diesen Tagen nicht in Ironie oder Oberfläche flüchten, sondern eindeutig Stellung beziehen und keine Scheu vor klaren Botschaften haben. Mit reichlich namhaften Gästen (die Liste umfasst etwa Philipp Poisel, Cro, Patrice, Clueso und Samy Deluxe) wird der Arabische Frühling thematisiert (Aufruhr), die wenig erfüllende Tretmühle eines ganz normalen Jobs (Jeder Tag zuviel) oder die Occupy-Bewegung (Einstürzen Neubauen). Es gebe «zu viele Gutmenschen und zu wenig Wutbürger», stellt Max Herre darin fest – womöglich nicht einmal ahnend, dass er auf Hallo Welt eindeutig beides ist.

Am besten ist Max Herre, wenn er über die Liebe singt. Das zuckersüße Dududu ist so ein Fall. So wundervoll (das You Are So Beautiful von Billy Preston aufgreift) verbreitet ganz viel Hoffnung. Das beste Lied des Albums ist Vida, eine Hymne an seine Tochter. Gemeinsam mit Aloe Blacc nutzt Max Herre hier nicht nur wunderhübsche Soul-Versatzstücke, sondern klingt tatsächlich beseelt.

Künstler: Max Herre
Album: Hallo Welt
Plattenfirma: Nesola
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Er mag es nicht, aber es muss gesagt werden: Conor Maynard ist der britische Justin Bieber. Ebenso wie der kanadische Teenie-Gott hat auch der junge Mann aus Brighton mit Coverversionen bei YouTube angefangen, wurde dann von einer R&B-Größe unter die Fittiche genommen (Ne-Yo) und räumte im Anschluss unglaublich ab. Sein Debütalbum Contrast ist in England gerade auf Platz 1 der Charts eingestiegen, der 21-Jährige stand mit seinen Helden Ludacris, Pharrell oder Ne-Yo im Studio, durfte schon in der Royal Albert Hall und im Wembley-Stadion singen und hat im Rennen um den MTV-Brand-New-For-2012-Award sogar Lana del Rey und Lianne Le Havas ausgestochen.

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Kein Wunder, dass sein Debüt nun klingt wie das Werk eines jungen Mannes, der sein Glück kaum fassen kann, und sich tüchtig austobt im Wunderland des modernen Pop. Bei der Auswahl der Tracks, Mitstreiter und Produzenten muss sich Conor Maynard vorgekommen sein wie ein Achtjähriger mit einem 1-Million-Dollar-Gutschein bei Toys'R'Us. Und so hat er den Einkaufswagen bis oben hin vollgepackt: Sage und schreibe 13 Produzenten oder Produzententeams waren an Contrast beteiligt, darunter reichlich namhafte Leute, die schon mit 50 Cent, DJ Fresh oder Kid Kudi gearbeitet haben. Die Liste der Komponisten ist noch länger und umfasst für 12 Lieder stattliche 31 Namen. Immerhin acht Mal wird auch Conor Maynard selbst als Co-Komponist genannt, der ansonsten kein Problem damit hat, fremdes Material zu nutzen: «Ich lerne immer noch, also wäre ich schön blöd, einen Song eines anderen abzulehnen, den ich bewundere», sagt er.

Die Armada an Zu- und Mitarbeitern tut seinem Sound trotzdem nicht gut. Contrast liefert die Hits Can't Say No und Vegas Girl und ansonsten ganz viel modernen, abwechslungsreichen Urban Pop ohne großes Qualitätsgefälle. Aber vom jugendlichen, unschuldigen Charme der YouTube-Videos ist dank reichlich Effekten auf der Stimme kaum noch etwas geblieben.

Künstler: Conor Maynard
Album: Contrast
Plattenfirma: Capitol
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Kann man das noch eine Pause nennen? Die Zeit, die seit dem letzten Album von Bill Fay vergangen ist, ist doppelt so lange wie das gesamte Leben von Conor Maynard: 41 Jahre. Der Londoner wurde 1971 für sein zweites Album Time Of The Last Persecution gefeiert, doch weil die Verkaufszahlen überschaubar waren, verlängerte die Plattenfirma den Vertrag nicht. Seitdem hat Bill Fay nur noch zuhause musiziert, nicht ahnend, dass es draußen in der Welt nach wie vor einige Bewunderer seines frühen Werks gab.

Bill Fays neues Album Life Is People finden Sie hier.

Wilco-Boss Jeff Tweedy gehört dazu, Produzent Joshua Henry war es dann, der den mittlerweile fast 70-jährigen Altmeister bewegen konnte, wieder in ein Studio zu gehen. Gemeinsam mit einer Riege erlesener Gastmusiker nahm Bill Fay dort Life Is People auf, eine Sammlung von Liedern, die er während seiner unfassbar langen Auszeit geschrieben hat. Manche Kompositionen waren so alt, dass er selbst erst wieder lernen musste, wie man die Klavierpassagen spielt.

Das Ergebnis ist ein Fest für alle Freunde meisterhaften Songwritings: Die Lieder auf Life Is People klingen wie letzte Worte, ewige Wahrheiten, Naturgesetze. Wer den späten Johnny Cash schätzt und vor allem Bob Dylans Time Out Of Mind, der sollte möglichst nicht 41 Jahre warten, um diese Platte zu entdecken.

Künstler: Bill Fay
Album: Life Is People
Plattenfirma: Dead Oceans
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

boi/news.de

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