Bloc Party Die fantastische Vier

Kaum eine Band wurde im vergangenen Jahrzehnt so sehr gefeiert wie Bloc Party. Trotzdem stand die Gruppe kurz vor der Implosion. Nun gibt es mit Four ein neues Album. Die Engländer freuen sich darauf hörbar, dem Band-Tod von der Schippe gesprungen zu sein.

Musiktipp: «Octopus» von Bloc Party
Video: YouTube

Feingefühl war schon immer eine Stärke von Bloc Party. Das Gespür für den richtigen Moment und die perfekte Balance bewiesen sie ganz oft in ihrer zehnjährigen Karriere. Diesmal haben sich Kele Okereke, Matt Tong, Gordon Moakes und Russell Lissack aber selbst übertroffen. Four beginnt mit etwas, das in jedem Tonstudio der Welt jeden Tag anfällt, aber normalerweise herausgeschnitten wird: ein kurzer Wortwechsel der Band, eine Nachfrage. Auch am Ende von Real Talk und Team A sind ein paar Sekunden solcher Arbeitsgespräche zu hören. Es ist ein herrlich subtiler Hinweis auf das, was viele Musikfans kaum noch für möglich gehalten hatten: Ja, Bloc Party stehen wirklich wieder in einem Tonstudio. Sie arbeiten an neuen Songs. Gemeinsam. Als Band.

Die Zweifel, dass es diesen Moment noch einmal geben würde, waren zuletzt immens. Vier Jahre lang hatten Bloc Party kein Album gemacht, zwei Jahre lang kein Konzert mehr gespielt. Stattdessen starteten fast alle Bandmitglieder während dieser Zeit eigene Projekte. Insbesondere Sänger Kele Okereke wirkte auf seinem Solo-Album The Boxer und der anschließenden Tour wie befreit, die alte Band musste zwangsläufig als Ballast erscheinen, als Auslaufmodell.

Die weltpolitischen Turbulenzen des Jahres 2011 brachten ihn dann dazu, wieder Songtexte zu schreiben, und sorgten schließlich dafür, dass er sich nach den alten Kollegen sehnte. «Obwohl ich die Soloplatte gemacht hatte, vermisste ich die Arbeitsweise meiner Band. Die kleinen Improvisationen und Andeutungen, die dann zu immer neuen Ideen führen», schreibt er in seinem Blog. Den anderen ging es ähnlich, und so zog das Quartett im Winter 2011 gemeinsam mit Produzent Alex Newport in ein Studio in New York.

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Matt Tong: «Wir sind eine Band»

Das erste Zusammentreffen war durchaus heikel. «Wir waren alle aufgeregt und nervös wie vor der ersten Probe», erzählt Bassist Gordon Moakes im Interview mit news.de. Als die Instrumente einmal eingestöpselt waren, setzte aber schnell Erleichterung ein: «Es hat vielleicht eine Viertelstunde gedauert, bis wir gemerkt haben: Das fühlt sich gut an. Die Chemie stimmt noch», erzählt Moakes, den wir beim Melt-Festival getroffen haben. Wahrscheinlich sei es noch nie so angenehm gewesen, eine Platte mit Bloc Party zu machen wie diesmal, fügt er an. Schlagzeuger Matt Tong stimmt zu: «Wir sind eine Band, und das hat man ziemlich schnell wieder gemerkt.» Das wiedergewonnene Zusammengehörigkeitsgefühl wirkt sich auch auf den Sound von Four aus. Bloc Party spielen immer noch genau auf den Punkt, aber sie klingen nicht mehr verkrampft. Ihr viertes Album ist perfektionistisch, aber doch organisch.

Die Halbballade Day Four mit ihren vielen Arpeggios ist ein gutes Beispiel dafür. Das Lied will Hoffnung machen (auch sich selbst), und findet die perfekte Form dafür. Auch Team A, das klassischen Bloc-Party-Sound bietet, und Truth bestechen durch ein Selbstbewusstsein, das keine Effekthascherei nötig hat. 

Ganz am Anfang macht So He Begins To Lie die Wiederauferstehung von Bloc Party geradezu dokumentarisch deutlich. Nach dem erwähnten Studio-Dialog erklingen ein Monster-Beat, ein Monster-Riff und dann die Stimme von Kele Okereke, die längst ein Markenzeichen geworden ist. Gegen Ende gibt es ein Crescendo, in dem sich die vier Musiker anscheinend gegenseitig ihre Virtuosität, Kraft und ihren ganz persönlichen Stellenwert für diese Band unter Beweis stellen wollen. Das Ergebnis klingt wie das gesamte Album: Four ist eine echte Bloc-Party-Platte, aus der Position der Bedrängnis heraus, die diese Band schon immer ausmacht, und trotzdem frisch, überraschend, herausfordernd.

Alles ganz authentisch

Erstmals haben sich Bloc Party im Studio auf ihre Live-Qualitäten verlassen und danach nicht mehr viel an den Aufnahmen herumgedoktert. «Wir haben früher auch oft die Instrumente live eingespielt, aber dann noch eine Menge mit den einzelnen Aufnahmespuren angestellt. Diesmal ging es mehr darum, wirklich die Performance einzufangen», betont Matt Tong. «Früher haben wir oft die Möglichkeit genutzt, an eine bestimmte Stelle zu springen und beispielsweise nur einen bestimmten Refrain noch einmal neu einzuspielen, bis er genau richtig klang. Diesmal sollte man hören können, dass da Leute in einer Band sind, und was sie gerade spielen, ganz authentisch», schildert Gordon Moakes die neue Arbeitsweise.

Der Komplexität der Lieder steht das nicht im Weg: Die Single Octopus setzt auf ein eingängiges Piano-Riff, um das sich die Gitarren wie eine Doppelhelix ranken. Das ist genau die Mischung aus Aggression und der Suche nach Orientierung, die Bloc Party immer ausgemacht hat, und die beinahe der Sprengstoff geworden wäre, der dieser Band ein Ende bereitet hätte. Das zurückgenommene Real Talk scheint der einzige Song zu sein, der die einstigen Konflikte in der Band zumindest andeutet. Mit Shuffle-Beat, Banjo und dem zärtlichen, herrlichen Gesang klingt es wie ein Angebot zur Versöhnung, wissend um all die Vergangenheit, die unzertrennlich verbindet. «I've lived in every town /But here is where I find home / My mind is open / And my body is yours»«Ich habe in jeder Stadt gewohnt / aber hier finde ich mein Zuhause / Mein Geist ist offen / Und mein Körper gehört dir» , lautet der Refrain.

Die Freude, sich wieder gefunden zu haben, durchströmt auch V.A.L.I.S. Der Song ist extrem tanzbar, verspielt und voller Leichtigkeit – und damit wohl die perfekteste Entsprechung dessen, was Kele Okereke als Essenz von Four ansieht: «Die Platte ist die Musik von vier Leuten in einem Raum, die lieben, was sie tun, und die es tun, so gut sie nur können. Es ist ein Sound, den nur wir Vier so hinbekommen können, und ich bin stolzer darauf als auf irgendeine andere Platte, die ich je gemacht habe.»

Hier gibt es das neue Bloc-Party-Album.

Künstler: Bloc Party
Album: Four
Plattenfirma: Frenchkiss Records
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

ham/news.de

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