Literatur «Die heil'ge deutsche Kunst»: Richard Wagner in der DDR

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«Die heil'ge deutsche Kunst»: Richard Wagner in der DDR Bild: dpa

Berlin - «Trotz mancher verabscheuungswürdiger Ansichten Richard Wagners wie zum Beispiel seine Einstellung zum Judentum, trotz des oft bombastischen Pathos' seiner Texte und seiner Tonsprache, trotz seiner pessimistischen Weltanschauung gehört Wagner zu den großen deutschen Künstlern.» So hieß es Anfang der 50er Jahre in einer DDR-Zeitschrift.

Auch die Wiederaufnahme der Festspiele in Bayreuth 1951 wurde als «große, gemeinsame Sache» begrüßt.

Die Aufführungen wurden in den 50er Jahren auch vom DDR-Rundfunk übertragen. Und dies immerhin erst wenige Jahre nach den letzten «Kriegsfestspielen» für Angehörige der Wehrmacht in Bayreuth und der «Festaufführung» der «Meistersinger von Nürnberg» 1938 anlässlich eines Reichsparteitages der NSDAP in Nürnberg. Das war in den Jahren, in denen ein Herr Hitler im Haus Wahnfried ein- und aus gegangen und dort zum Tee immer willkommen war.

Aber schon 1948 stand eine Neuinszenierung der «Meistersinger» auf dem Programm der noch von Kriegsschäden schwer gezeichneten Ost-Berliner Staatsoper Unter den Linden. Auch nach ihrem Wiederaufbau 1955 eröffnete sie feierlich mit diesem Werk Wagners, in dem die «heil'ge deutsche Kunst» beschworen wird. - «Richard Wagner in der DDR» heißt der äußerst informative und spannend zu lesende «Versuch einer Bilanz», die der Sänger und frühere Intendant Werner P. Seiferth als exzellenter Wagner-Kenner in den «Leipziger Beiträgen zur Wagner-Forschung» jetzt veröffentlicht hat.

Dazu gehört auch eine umfangreiche Dokumentation aller Wagner-Inszenierungen, konzertanten Aufführungen und Einspielungen im Osten Deutschlands von 1945 bis 1990, also auch schon zu Zeiten der «Sowjetisch besetzten Zone» vor Gründung der DDR 1949.

Es ist eine wahre Fundgrube für alle Wagner-Fans. Das Buch erscheint passend zum Jubiläumsjahr 2013, dem 200. Geburtstag des Komponisten. Es ist aber nicht nur ein detailreicher Bericht über die Wagner-Rezeption im östlichen Teil Nachkriegsdeutschlands, dessen kulturellem Leben im Westen allzu lange wenig Beachtung geschenkt wurde. Es ist gleichzeitig auch ein ausführlich recherchiertes Kapitel jüngster deutscher Kulturgeschichte, ebenso engagiert wie kenntnisreich geschrieben und daher nicht nur für Wagner-Anhänger eine lesenswerte Lektüre.

Natürlich konnte in den ersten Nachkriegsjahren Wagners Werk auch im Osten Deutschlands nicht losgelöst von der Vereinnahmung Hitlers und dessen Nähe zur Wagner-Familie in Bayreuth gesehen werden. So hieß es 1946 in der «Sächsischen Zeitung», dass sich «nach der Einstufung des Bayreuther Meisters in die Gewaltpolitik des 'Dritten Reiches' die Stimmen mehrten, die seine Schöpfungen als gefährliches Rauschgift aus den deutschen Theatern entfernt haben wollen». Dennoch kam es in Ostdeutschland bald wieder zu einer «Wagner-Hochkonjunktur» an den Opernhäusern.

Aus Moskau hatte es den «obersten Persilschein» gegeben, wonach der «große deutsche Komponist» Wagner «nach Bach und Beethoven den Nationalstolz des deutschen Volkes bildet», was die «faschistische Vereinnahmung» nicht zerstören könne. Mitte der 50er Jahre gab es in der DDR einen wahren Wagner-Boom, nie wieder gab es so viele Neuinszenierungen wie zwischen 1953 und 1958.

Später wurde dann in der DDR wieder vor einer «wahllosen Wagnerei» gewarnt, man sprach von Wagners «problematischen Spätwerken», also dem mythologischen «Ring des Nibelungen» mit seinem «Weltuntergangsszenario», dem religiösen «Parsifal» und dem «Tristan» mit seiner «Nirwana-Erlösung», bei denen Wagner anders als in seinen romantischen Opern einem «allgemeinen Kulturpessimismus» verfalle.

Die Diskussion blieb nicht ohne Folgen. Wagner wurde vorübergehend weniger gespielt. Anfang der 60er Jahre erlebte Wagner in seiner Geburtsstadt Leipzig mit dem neuerbauten Opernhaus dann wieder eine Renaissance, für die vor allem der Regisseur Joachim Herz verantwortlich war. Leipzig wurde in der DDR «das Wagner-Theater schlechthin», wozu vor allem die spektakuläre «Ring»-Inszenierung von Herz beitrug, die er 1973 startete und im April 1976 fertigstellte. Der 2010 gestorbene Regisseur hat nach seiner Leipziger Zeit in der DDR nie wieder Wagner inszeniert.

Ähnliche Aufmerksamkeit fand später nur noch der Chefregisseur der Komischen Oper, Harry Kupfer, mit seinen Wagner-Inszenierungen, die ihm auch einen «Ring»-Ruf nach Bayreuth eintrugen. 1972 verpflichtete Wolfgang Wagner den damaligen Oberspielleiter der Komischen Oper, Götz Friedrich, für einen «Tannhäuser» nach Bayreuth, der auf dem Grünen Hügel einen Skandal auslöste. Friedrich blieb im Westen.

Ein von Regisseurin Ruth Berghaus geplanter «Ring» an der Ost-Berliner Lindenoper kam 1979 über «Rheingold» nicht hinaus, das Projekt wurde nach kontroversen Kritiken gestoppt. Ende der 80er Jahre wurde Alexander Lang mit dem Mammutwerk beauftragt, der sich aber in den Westen absetzte, die DDR näherte sich ihrem Ende. Wie ein Fanal wirkte da der gescheiterte «Ring» in Magdeburg, der 1988 begonnen und nicht vollendet werden konnte - das Opernhaus brannte noch vor der «Götterdämmerung» ab.

Werner P. Seiferth: Richard Wagner in der DDR - Versuch einer Bilanz - Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung 4, Sax Verlag, 416 Seiten, 21,90 Euro, ISBN 978-3-86729-096-8

Sax Verlag

news.de/dpa

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