Literatur Jorge Amado in neuer Übersetzung

Jorge Amado in neuer Übersetzung (Foto)
Jorge Amado in neuer Übersetzung Bild: dpa

Berlin - Salvador da Bahia ist die wohl faszinierendste aller brasilianischen Städte. Die feuchtheiße Metropole im Nordosten des Landes, Wiege des Samba und Bühne eines legendären Karnevals, glänzt mit ihren bunten Kolonialbauten und prunkvollen Barockkirchen, die sich hoch über der Allerheiligenbucht erheben.Mit dem Dichter Jorge Amado (1912-2001) hatte sie auch einen einzigartigen Chronisten.

Kein anderer konnte so schön wie er die Welt der Capoeira-Tänzer und des Candomblé-Kultes, der Schwarzen und Mulatten, der Straßenmädchen, Fischer und Marktfrauen beschreiben. Am 10. August würde Amado hundert Jahre alt, und rechtzeitig zum runden Geburtstag ist einer seiner besten Romane in einer neuen deutschen Übersetzung erschienen. «Die Werkstatt der Wunder» ist eine Hymne auf die Stadt Bahia und ihre ethnische Vielfalt. Hauptfigur ist der Lebenskünstler Pedro Archanjo, der 25 Jahre nach seinem Tod zu unverhofften Ehre kommt: Ein aus den USA angereister prominenter Forscher versichert, dass dieser ein einzigartiges wissenschaftliches Werk über Volksbräuche und Rassenmischung in Bahia hinterlassen habe.

Bahias Honoratioren gründen ein Festkomitee, die Universität plant ein Studienseminar zu Archanjos Werk, eine Straße soll nach ihm benannt werden. Doch bald stellt sich heraus, dass der Verstorbene keineswegs so vorbildhaft war, wie man ihn sich nachträglich ausmalt: Er war ein Schwerenöter und Frauenheld, der sich auf Festen und Gelagen herumtrieb, am liebsten aber in der «Werkstatt der Wunder» saß, der Druckerei eines Freundes im Herzen der Altstadt, wo er mit seinen Kumpanen zechte. Mit den Volksbräuchen kannte er sich tatsächlich aus, doch mit der verstockten Professorenschaft Bahias lag er ständig im Streit. Er starb in der Gosse und wurde von den Damen eines Freudenhauses zu Grabe getragen.

Der 1969 veröffentliche Roman ist also zugleich eine Satire auf den Wissenschafts- und Medienbetrieb. Auf unterhaltsame Weise demaskiert Amado darin das hohle Pathos des Politikerjargons und plädiert für die Vermischung der Rassen. «Es ist gewissermaßen ein Roman über die Wege und Irrwege und die Arroganz der sogenannten Eliten und auch der Wissenschaft, das heißt vor allem der Anthropologie, gegenüber den eigenen Unterschichten», sagt der Berliner Literaturwissenschaftler Berthold Zilly. Amado selbst bezeichnete den Roman immer wieder als seinen wichtigsten.

Bis jetzt gab es nur eine deutsche Übersetzung, die 1972 als «Werkstatt der Wunder» im Verlag Volk und Welt in Ostberlin erschien und 1978 unter dem Titel «Die Geheimnisse des Mulatten Pedro» bei Piper in München nachgedruckt wurde. In der DDR war der Kommunist und Stalin-Friedenspreis-Träger Amado wohlgelitten, auch andere seiner Werke wurden im Arbeiter- und Bauernstaat verlegt. Im Nachwort zur Neuausgabe im Fischer Verlag verweist der Literaturwissenschaftler Henry Thorau auf die unterschiedliche Rezeptionsgeschichte in Ost und West. «In den 1960er und 1970er Jahren hatte sich mit Jorge Amado im deutschen Sprachraum das Gleiche abgespielt wie in Brasilien mit Pedro Archanjo: Er wurde so zurechtgebogen, dass er in den Diskurs beider deutscher Staaten passte», schreibt Thorau.

Die DDR-Übersetzung ist reich an Fehlern, was wohl auch daran liegt, dass die Übersetzerin mangels Reisemöglichkeiten Brasilien gar nicht kannte. Die Neuübersetzung von Karin von Schweder-Schreiner ist der einzige Roman Amados, der jetzt zum 100. Geburtstag in Deutschland neu erscheint. «Amado muss gänzlich neu entdeckt werden, frei von DDR-ideologischen Scheuklappen oder den BRD-Klischees», sagt Michi Strausfeld, die die Lateinamerikareihe des Fischer-Verlags betreut. Bei einem neuen Amado soll es nicht bleiben. Weitere Neuübersetzungen seien in Planung, versichert Strausfeld.

(Jorge Amado: Die Werkstatt der Wunder, aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 432 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-10-001544-0)

Verlagsseite

Jorge-Amado-Stiftung in Bahia, mehrsprachig

news.de/dpa

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