Literatur Die rebellische Enkelin: Friedelind Wagner

Die rebellische Enkelin: Friedelind Wagner (Foto)
Die rebellische Enkelin: Friedelind Wagner Bild: dpa

Berlin - Der Wagner-Clan ist reich an eigenwilligen und problematischen Gestalten. Man denke nur an die naive Hitler-Bewunderin Winifred Wagner oder an ihren machtbewussten Sohn Wolfgang.

Die Fehden und Machtkämpfe der Bayreuther Dynastie standen in ihrem Unterhaltungswert den Intrigen der Ewings oder des Denver-Clans niemals nach. Eine der interessantesten Personen dieser schillernden Musikerfamilie ist Friedelind Wagner (1918-1991), Enkelin Richard Wagners und älteste Tochter Winifreds.

Sie war die Rebellin der Familie, die Unangepasste, die Fahnenflüchtige. Denn früh wandte sie sich gegen den nazifreundlichen Kurs der Mutter, stellte ihre eigenen Ambitionen zurück und emigrierte nach England. Auch später nahm sie kein Blatt vor den Mund, was sie beim Rest der Familie nicht gerade beliebt machte. Eva Rieger hat dieser «rebellischen Enkelin Richard Wagners» nun eine Biografie gewidmet.

Die studierte Musikwissenschaftlerin beschäftigt sich schon seit langem mit der Rolle der Frau in der Musikgeschichte. Sie veröffentlichte Lebensbilder berühmter Pianistinnen und eine Biografie über Nannerl Mozart. 2003 erschien Eva Riegers Buch «Minna und Richard Wagner», eine Würdigung der fast vergessenen ersten Frau des Komponisten, die stets im Schatten der berühmten Cosima stand.

Immer geht es der engagierten Autorin dabei auch um das Thema Benachteiligung von Frauen. Schon zu Beginn stellt sie fest, was für ein Pech es für Friedelind war, dass sie als Mädchen zur Welt kam: «Vieles wäre anders verlaufen, wäre sie als Junge geboren worden. Mit ihrer dominanten Wesensart, ihrer Impulsivität, der musikalisch-künstlerischen Begabung stach Friedelind schon als Kind die Brüder aus, und als Junge wäre ihr das erst recht gelungen.»

Doch an der männlichen Erbfolge hielt man in der Familie Wagner eisern fest. Dass Winifred ans Ruder kam, war eher eine Art Unfall, da ihr Mann Siegfried so früh starb. Winifred selbst jedenfalls hatte immer nur ihre Söhne Wieland und Wolfgang als Nachfolger im Sinn, niemals ihre beiden Töchter.

Der erste Teil des Buchs, das sich vor allem auf den umfangreichen Nachlass Friedelind Wagners stützt, ist dem Mutter-Tochter-Konflikt gewidmet. Beide waren starke Persönlichkeiten, und so war der Zusammenprall wohl unvermeidlich. Die Mutter suchte die wilde, ungebärdige Tochter zu zähmen, indem sie sie in strenge Internate verbannte. Doch Friedelind kehrte ungebrochen aus diesen Zuchtanstalten zurück. Früh begeisterte sie sich für Musik, besuchte Opern, suchte Kontakt zu Künstlern. Sie hatte starke künstlerische Ambitionen. Doch dann kam die Politik dazwischen.

Auch Friedelind Wagner stand anfangs noch ganz im Banne Hitlers, der bei den Wagners ein- und ausging. Faszinierend, dass sie als Einzige dann eine andere Entwicklung durchmachte. Vermutlich brachte ein Englandaufenthalt sie zum Überdenken ihrer unkritischen Haltung. Am Ende jedenfalls stand eine radikale Abkehr von Hitler und von Nazi-Deutschland. Diese machte sie in britischen Zeitungen sogar öffentlich. Die misstrauischen Engländer mochten anfangs gar nicht glauben, dass ausgerechnet eine Wagner-Enkelin die Seiten gewechselt hatte und internierten sie eine Zeit lang.

Eva Rieger findet Friedelinds Haltung bewundernswert. Sie habe weitaus mehr geleistet als ihre «politisch affirmativen Brüder». Dabei sei es ihr von keiner Seite gedankt worden. Am Ende kostete sie ihr Exil auch eine mögliche Festspielleitung. Obwohl der Bayreuther Oberbürgermeister Friedelind nach dem Krieg als unbescholtene Person gerne dort gesehen hätte, wurde sie von ihren Brüdern und der Mutter trickreich ausgebootet. Sehr kritisch geht Rieger mit Wolfgang Wagner um. Er habe nicht nur Friedelinds ausgeprägt politische Haltung negiert und ihr rein private Gründe für die Emigration unterstellt, sondern auch ihr berechtigtes Erbe totgeschwiegen.

Ob Friedelind eine bessere Festspielleiterin gewesen wäre, sei dahingestellt. Mit Geld konnte sie nicht gut umgehen. An musikalischem Verständnis fehlte es ihr jedenfalls nicht, und sie war eine sehr begabte Netzwerkerin. Vor allem aber war sie ein äußerst großzügiger Mensch und eine Frau mit Haltung. Dies aufgezeigt zu haben, ist ein Verdienst dieser lesenswerten Biografie.

news.de/dpa

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