Melt-Festival Herzblut, Hits und Damenbinden

Kele Okereke von Bloc Party hatte bei seinem dritten Melt-Gastspiel endlich auch selbst Spaß. (Foto)
Kele Okereke von Bloc Party hatte bei seinem dritten Melt-Gastspiel endlich auch selbst Spaß. Bild: dapd

Von den news.de-Mitarbeitern Sven Wiebeck und Michael Kraft, Ferropolis
Justice räumen ab, Bloc Party entdecken den Spaß am Konzert und Lana Del Rey verschönert den Nachmittag: Die 15. Auflage des Melt-Festivals bot viele Höhepunkte in einzigartiger Atmosphäre.

Wenn die Sonne hinter dem Gremminer See versinkt, beginnen die eigentlichen Lichtspiele. Laserstrahlen werden da vom Regen gebrochen, riesige Schaufelradbagger leuchten in dezentem Violett, das die Stahlgiganten fast kuschelig aussehen lässt, eine Discokugel von der Größe eines Kleinwagens sorgt für irritierendes Flickern. Die Industriekulturstätte Ferropolis ist auch für Stammgäste beim Melt-Festival immer wieder eine außergewöhnliche Kulisse. Und passend zum einzigartigen Ambiente gab es auf dem ehemaligen Bergbaugelände bei Dessau in Sachsen-Anhalt auch diesmal wieder Elektro- und Indiemusik vom Feinsten.

20.000 musikalische Feinschmecker

In seiner 15. Auflage hat sich das Melt! längst als Institution für musikalische Feinschmecker etabliert. Zum vierten Mal in Folge waren die 20.000 Tickets vorab ausverkauft. Nach den Auftritten von insgesamt 131 Acts fällt die Bilanz erneut höchst erfreulich aus. Das Festival bot viele musikalische Höhepunkte und eine tolle Atmosphäre. Die Besucher aus ganz Europa sangen im Bus zwischen Campingplatz und Einlass, tanzten auf den Treppenstufen vor der Hauptbühne, verschönerten die Welt mit Seifenblasen, glitzernden Wangen oder irrwitzigen Kostümen. «Es gab keine Zwischenfälle. Wir haben ein wunderschönes Festival erlebt», fasste Stefan Lehmkuhl, musikalischer Leiter des Melt, die viertägige Dauerparty zusammen.

Festival
Die besten Fotos vom Melt 2012

Seine Auswahl der auftretenden Künstler hatte diesmal im Vorfeld für leichte Kritik gesorgt. Beim Melt ist es Ehrensache, vielversprechenden Newcomern ein Forum zu geben, immer so nah wie möglich am Puls der Zeit zu sein und die künstlerische Klasse im Zweifel über den kommerziellen Erfolg zu stellen. Dass diesmal Chartstürmer wie Lana Del Rey, Plan B oder Gossip auftraten, war manchem Fan ein Dorn im Auge.

Lana Del Rey wird gefeiert

Doch über die Blog-Diskussionen zu diesem Thema im Vorfeld konnte man sich vor Ort nur wundern. Der ebenso glamouröse wie melancholische Pop von Lana Del Rey passte wunderbar in den Sonntagnachmittag und wurde frenetisch gefeiert. Plan B sorgte am Freitag mit seinen Soul-Klängen für viel gute Laune und Gossip wurden am Samstag ihrem Ruf als unberechenbare Urgewalt gerecht: Die Hits wie Heavy Cross oder Standing In The Way Of Control kamen bestens an, zudem sorgte Sängerin Beth Ditto für reichlich Gesprächsstoff, als sie einen Fan auf die Bühne holte, der sich als Damenbinde verkleidet hatte, sich dann breitbeinig auf ihn setzte und mit ihm tanzte und sang.

Gossip sind zudem ein gutes Beispiel dafür, dass das Programm beim Melt schon immer eher auf Vielfalt denn auf Scheuklappen setzte. Im Jahr 2009 hatten sie schon einmal hier gespielt, kurz danach startete ihre Karriere richtig durch. Auch diesmal gab es einige Bands zu sehen, denen noch viel zuzutrauen ist: Two Door Cinema Club aus Nordirland haben mit ihrer famosen Show sicher viele neue Fans gewonnen. Das deutsch-schweizerische Frauenduo Boy bezauberte mit herrlich elegantem Pop.

Justice liefern die beste Show

Auch die etablierten Acts überzeugten: The Rapture aus New York bewiesen, dass sie ganz genau wissen, wie man aus Rock-Klängen und Disco-Beats eine unwiderstehliche Mischung macht – sie sind damit so etwas wie die Urväter des Melt-Sounds. Thees Uhlmann vergoss noch mehr Herzblut als Schweiß, Modeselektor verwandelten den Samstagabend in einen Monster-Rave und das Elektronik-Duo Justice aus Frankreich lieferte am Sonntag das beste Konzert des gesamten Festivals, eine atemberaubende Performance voller Wucht und Kreativität.

Schon zum dritten Mal waren die Engländer von Bloc Party in Ferropolis dabei. «Das Melt ist unverwechselbar», schwärmte Bassist Gordon Moakes im Interview mit news.de. «Dieser Anblick mit all den Kränen und Baggern - so etwas gibt es bei keinem anderen Festival.» Bloc Party spielten fünf Stücke ihres neuen Albums, das im August erscheint, und wirkten nach dreijähriger Pause wie befreit: Endlich hat diese Band auf der Bühne so viel Spaß wie ihre Fans im Publikum.

Wenn die Lichter auf der Hauptbühne erlischen, wird beim Melt noch weitergetanzt, auf dem neu gestalteten Big Wheel Floor oder auf dem Sleepless Floor vor dem Haupteingang. Festivalsprecher Stephan Velten sieht in diesen beiden Schauplätzen die wichtigsten Bühnen in Ferropolis, denn hier wird das Melt-Prinzip am konsequentesten umgesetzt: tanzen, feiern, sich auch einmal von der Musik überraschen lassen. Als Erfolgsrezept wird das sicher auch im nächsten Jahr funktionieren, für das bereits der Vorverkauf begonnen hat, obwohl noch kein einziger der auftretenden Künstler feststeht. Velten macht sich deshalb keine Sorgen: «Das Festival ist der Star.»

news.de

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