Literatur Hermann Hesse: «Wanderer» und «Glasperlenspieler»

Hermann Hesse: «Wanderer» und «Glasperlenspieler» (Foto)
Hermann Hesse: «Wanderer» und «Glasperlenspieler» Bild: dpa

Karlsruhe - Wer sich Hesses Werk nähert, muss sich auch intensiv mit seinem Leben beschäftigen. Mehr als bei so manchem anderen deutschen Dichter ist Hesses Werk aufs Engste verwoben mit eigenen Lebenskrisen, die sein literarisches Werk geformt und entscheidend gelenkt haben.

Zwei Biografien sind im Hesse-Jahr 2012 - zum 50. Todestag und 135. Geburtstag des eigensinnigen Dichters - erschienen. Heimo Schwilk beschreibt ihn in seiner Biografie «Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers». Der Autor und Philosoph Gunnar Decker begibt sich in «Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten» auf die Spuren des Schriftstellers.

Die Autoren nähern sich dem am 2. Juli 1877 in Calw geborenen Dichter von verschiedenen Seiten. Decker unterteilt seine aufwendig recherchierte 700-Seiten-Biografie in Kapitel, deren Obertitel Hesse chronologisch folgen. Allerdings scheut Decker keinen Umweg auf der biografischen Reise durch Hesses Leben; er beschreibt den komplizierten Menschen mit Akribie und umfassender Quellenkenntnis als ganz und gar unromantischen «Dichter der Krise», den sein eigenes Leben immer wieder an den Abgrund führt.

Keine «bloße Hommage» wollte er schreiben, sagt Decker gleich im Vorwort. Wie nahe er dem «Wanderer» ist, spürt man aber fast in jeder Zeile. Der Autor beschreibt das Innenleben Hesses, in dem er die Stationen seines Außenlebens als Fixpunkte nutzt, zwischen denen Hesses Werke sich entfalten.

Am Ende des Buches hat Decker mit einigen gängigen Vorurteilen aufgeräumt: Er war eben kein harmloser Sentimentalist, kein humorloser Strohhutträger, keinesfalls ein «reiner Jugendautor für pubertierende Knaben», wie ihn manch ein Kritiker gesehen habe. Sondern: «Hesse lässt man nicht zurück, hat man die Pubertät einmal überstanden, denn sein Thema bleibt der Anfang, vor dem man täglich neu steht.»

Im Grunde, so fasste es Autor Michael Kleeberg jüngst in einem Essay zusammen, brauche Hesse weniger eine Biografie als andere Schriftsteller: «War sein ganzes Werk doch beständige Selbstanalyse, Spiegelung und Prüfung der eigenen Lebenssituation». Versucht haben es dennoch viele. 1927 erschien die erste Hesse-Biografie von seinem Freund Hugo Ball, viele weitere folgten im Laufe der Jahrzehnte.

Im Jubiläumsjahr hat sich auch der Journalist Heimo Schwilk auf Hesses Spuren begeben. Dieser hält sich strenger daran, Hesses Leben klassisch chronologisch zu erzählen. So nahe wie Decker kommt er dem Autor dabei allerdings nicht - obwohl Schwilk sich mehr Freiheiten herausnimmt, Hesses schwieriges Seelenleben zu interpretieren, das auch mehrere Selbstmordversuche zu überstehen hatte. Seine Schlussfolgerungen nimmt er, etwas weniger behutsam als Decker, gleich in die Werkinterpretation mit hinein.

Beiden Autoren merkt man ihre große Sympathie für den Dichter an. Schwilk allerdings neigt mitunter zur Idealisierung, zur schwärmerischen Überhöhung. Viel mehr als für Decker sind für Schwilk die Frauen «die wahren Heldinnen seines (Hesses) Lebens» - das Schwilk als ein «alles in allem wunderbar gelungenes Leben» bezeichnet. Hesses Dämonen und seine Widersprüchlichkeiten geraten dabei ein wenig aus dem Blick - auch wenn Schwilk klar aufzeigt, wie sehr Hesse bürgerliche Bindung und Zugehörigkeit suchte und wie dramatisch er gerade dann immer wieder scheiterte.

«Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!» - unter diesem Motto steht auch eine weitere aktuelle Neuerscheinung: «Hermann Hesse. Die Briefe». Der erste Band widmet sich den Jahren 1881 bis 1904. Briefe, die zunächst die «turbulente Jugend» dokumentieren - «Selbstbehauptungsversuche», nennt sie Herausgeber Volker Michels. Sie erlauben aber bereits einen Blick auf Hesses schwierigen Weg zum Schriftsteller. Die Briefedition ist auf zehn Bände angelegt und soll 2022 vollständig vorliegen. Auch nach dem Hesse-Jahr also wird es noch genug von ihm und über ihn zu lesen geben.

- Heimo Schwilk, «Hermann Hesse. Das Leben des Glasperlenspielers», Piper Verlag, 432 Seiten, 22,99 Euro, ISBN 978-3-492-05302-0

- Gunnar Decker, «Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten», Carl Hanser Verlag, 703 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-446-23879-4

- «"Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!" Hermann Hesse. Die Briefe, Band 1, 1881-1904, Suhrkamp Verlag, 661 Seiten, 39,95 Euro, ISBN 978-3-518-42309-7

Essay von Michael Kleeberg

news.de/dpa

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