Durchgehört Zeit für Hoffnung

Von der Originalbesetzung der Smashing Pumpkins ist nur noch Billy Corgan übrig. Gut 20 Jahre nach dem ersten Album zeigt sich die Band mit Oceania trotzdem gut in Form - und erstaunlich heiter. Auch Friends und All The Young liefern Grund für gute Laune.

Musiktipp: «I'm His Girl» von Friends
Video: YouTube

Billy Corgan, der uneingeschränkte Boss bei den Smashing Pumpkins, bringt alles mit, was ein Rockgott braucht. Ein unverwechselbares Äußeres, eine Stimme, die man aus Tausenden heraushört und ein gutes Gespür für markante Riffs und tolle Melodien. Vor allem aber hat er die wichtigste Zutat, sogar im Übermaß: einen rastlosen, kaputten Geist. Der Mann hat 30 Millionen Platten verkauft, den Tod von Bandmitgliedern und eine Affäre mit Courtney Love überstanden. Er hätte wirklich gute Argumente, sich zur Ruhe zu setzen. Stattdessen wirkt er wie ein Getriebener, der es immer noch allen beweisen muss.

Nach dem offiziellen Ende der Smashing Pumpkins im Jahr 2000 hat er die Band vor sieben Jahren reaktiviert, mittlerweile ist er das einzig verbliebene Gründungsmitglied. Das macht Oceania, das siebte Studioalbum der Band aus Chicago, zu einem schwierigen Unterfangen. Die Frage nach der Notwendigkeit dieser Musik steht ebenso im Raum wie das Manko, man habe es hier bloß mit einem minderwertigen Ersatz zu tun. Corgan betont gerne, die neue Band sei weit mehr als bloß ein Vehikel für sein riesiges Ego, die anderen drei Musiker hätten großen Anteil am Entstehen der neuen Songs. Doch das glaubt ihm kein Mensch.

Es ist auch vergleichsweise egal, denn der 45-Jährige hat ein Album hingelegt, das nur so strotzt vor Ambitionen und Komplexität, Taten- und Vorwärtsdrang. Tatsächlich klingt Oceania wie eine Platte, die die Welt erobern möchte. Wohl kaum jemand hätte Billy Corgan auf dem Höhepunkt seines Erfolgs zugetraut, dass er knapp 20 Jahre später noch ein so kreatives, vielseitiges und stimmiges Album machen könnte.

«Was die Produktion betrifft, war es mir sehr wichtig, dass jeder einzelne Song qualitativ gleichwertig ist. Ich habe mich kein bisschen um diesen üblichen Quatsch gekümmert, dass man eine Singleauskopplung braucht und so», erzählt Corgan über seinen Ansatz und die Freiheit, das Album aufnehmen zu können, ohne eine Plattenfirma zu haben. In der Tat beeindruckt die Geschlossenheit dieses Werks. Es gibt Thin-Lizzy-Intros wie bei Panopticon, Beinahe-Klassik wie den Rausschmeißer Wildflower, Synthie-und-Flöten-Wände wie in One Diamond, One Heart. Aber alles ist kraftvoll, gelungen und wie aus einem Guss.

In den Texten regieren gern Imperative, die Mut zusprechen wollen, und immer wieder auch eine diffuse Esoterik wie im beschaulichen Pinwheels. Erfreulich oft mischt sich aber auch Zuversicht in die Lyrik des Mannes, der mit hübsch plakativen Zeilen wie «the world is a vampire» oder «the killer in me is the killer in you» einst als Hohepriester der Apokalypse galt. Ein kleines bisschen scheint Billy Corgan mittlerweile sein Glück gefunden zu haben - zumindest, soweit das für einen rastlosen Geist wie ihn möglich ist.

Künstler: Smashing Pumpkins
Album: Oceania
Plattenfirma: Emi
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Der große Vorteil von Friends ist: Sie wissen, dass man nicht allzu viel braucht, um einen tollen Pop-Moment zu kreieren. Und sie haben keine Lust, sich von irgendjemandem Vorschriften machen zu lassen. Entsprechend spontan und turbulent geht es auf ihrem Debütalbum Manifest! zu. Die Bandbreite des Quintetts aus Brooklyn reicht von Funk und Latin-Sounds über HipHop bis hin zu düsteren Electro-Elementen, die Grundstimmung ist aber sommerlich, sexy, gut gelaunt und reduziert.

Home wird eine höchst effektive Kombination aus markantem Bass, unwiderstehlichem Tamburin und wildgewordenen Bongos. Nelly Furtado wäre stolz auf so einen Track. I'm His Girl erinnert ein bisschen an Gwen Stefanis Hollaback Girl, und kurz vor Schluss lässt Va Fan Gör Du an die Ausgelassenheit von CSS denken. Die aktuelle Single Mind Control klingt ganz zum Schluss schließlich wie Space-Funk, wenn sich Kylie Minogue jemals an diesem Genre versuchen sollte. Das kommt wohl dabei heraus, wenn man den unbeschwerten Spaß ebenso feiert wie anarchische Furchtlosigkeit.

Künstler: Friends
Album: Manifest!
Plattenfirma: Lucky Number
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

All The Young hätten sicherlich nichts dagegen, wenn ihnen irgendjemand das Label «die neuen Oasis» verpasste. Die Band hat immerhin ein Brüderpaar zu bieten, hat schon recht früh in ihrer Karriere einen Schlagzeuger verschlissen und versucht ganz eindeutig, mit britischer Gitarrenmusik und selbstbewussten Statements ganz groß rauszukommen. Der Rausschmeißer Welcome Home, zugleich der Titelsong dieses Debütalbums, bringt die Ambitionen der Band auf den Punkt: «A chance is all I ask for / to change the world»,Eine Möglichkeit ist das Einzige, worum ich bitte / um die Welt zu verändern singt Frontmann Ryan Dooley da.

Ein paar wichtige Werkzeuge dafür bringen All The Young mit: ehrlichen, handgemachten Rock, ein Gespür für den Geschmack des Mainstream-Radios und eine Atmosphäre, die immer unbedingt angenehm und aufmunternd klingen will. Mit Arcane oder dem Vollgas-Auftakt Another Miracle haben sie auch ein paar gute Rocksongs im Gepäck. Insgesamt klingt Welcome Home aber ein bisschen zu kalkuliert, deutlich überambitioniert und vor allem so, wie es Oasis niemals waren: konventionell.

Künstler: All The Young
Album: Welcome Home
Plattenfirma: 14th Floor
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

jag/news.de

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig