Prozesse Ex-Fernsehspielchefin Doris Heinze vor Gericht

Ex-Fernsehspielchefin Doris Heinze vor Gericht (Foto)
Ex-Fernsehspielchefin Doris Heinze vor Gericht Bild: dpa

Hamburg - Schon im vergangenen Jahr hat Doris Heinze nüchtern verkündet, das Ganze sei «absoluter Schwachsinn» gewesen. In gewisser Weise habe sie mit der Sache abgeschlossen, sagte die langjährige Fernsehspielchefin des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in einem Interview.

Doch der Schlussakt in der Drehbuch-Affäre beginnt erst an diesem Donnerstag (5. Juli): Knapp drei Jahre nach Bekanntwerden des Skandals kommt die 63-Jährige vor Gericht. Unter Pseudonym schleuste sie laut Anklage eigene Drehbücher bei ihrem Sender ein - und schusterte ihrem Ehemann verdeckt Aufträge zu.

Es geht um Stoffe wie «Fast ein Volltreffer», «Der zweite Blick» oder «Dienstage mit Antoine», offiziell verfasst von «Niklas Becker» und «Marie Funder». Hinter den beiden fiktiven Drehbuchautoren - für die es eigens erfundene Biografien gab - steckten jedoch die Eheleute Heinze. Kein Wunder, dass «Becker» und «Funder» für Nachfragen nie erreichbar gewesen sein sollen. «Die Pseudonyme dienten dazu, die wahre Identität und die Verwandtschaftsverhältnisse zu verschleiern», sagt der Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, Wilhelm Möllers.

Die Anklagebehörde wirft Heinze vor allem verbotene Absprachen mit der Geschäftsführerin einer TV-Produktionsgesellschaft in München vor: Die Filmproduzentin soll Drehbücher von «Marie Funder» und «Niklas Becker» bei Heinze gekauft oder in Auftrag gegeben haben - obwohl sie wusste, aus welcher Feder sie stammten. Im Gegenzug soll die frühere Fernsehspielchefin versprochen haben, sich dafür einzusetzen, dass der NDR genau diese Produktionsfirma beauftragt. Außerdem soll Heinze ein fast identisches Drehbuch - «Dienstage mit Antoine» und «Dienstage mit Marie» - doppelt verkauft haben.

Heinze durfte Drehbücher schreiben, legal hätte sie einmal pro Jahr einen eigenen Stoff in der ARD verfilmen lassen dürfen. Dafür hätte sie als NDR-Mitarbeiterin nur die halbe Gage erhalten. Mit den Büchern, die sie unter falschem Namen verfasste, soll sie aber das volle Honorar von rund 26 000 Euro kassiert haben. Der NDR zog Lehren aus der Affäre und verschärfte die Regeln bei Pseudonymen.

Die 63-Jährige kommt nun wegen schwerer Bestechlichkeit, schwerer Untreue und Betrugs vor das Landgericht. Sie ist nicht allein auf der Anklagebank: Auch ihr Ehemann und die Filmproduzentin müssen sich vor der Wirtschaftsstrafkammer verantworten. «Für alle Beteiligten hat es sich um risikofreie und einträgliche Geschäfte gehandelt - zulasten der Gebührenzahler», sagt Möllers.

Die Produzentin hat laut Staatsanwaltschaft ein Geständnis abgelegt, die Eheleute schwiegen dagegen bisher zu den Vorwürfen. Vor Gericht werde Heinze «schlichtweg die Wahrheit» sagen, kündigt ihr Verteidiger Gerd Benoit an. «Sie wird den tatsächlichen Sachverhalt schildern.» Die 63-Jährige wolle den Prozess endlich hinter sich bringen: «Sie leidet sehr unter der Länge des Verfahrens.» Am 10. August könnte sie es geschafft haben, bis dahin hat das Gericht insgesamt fünf Verhandlungstage angesetzt.

18 Jahre lang hatte Heinze ihr Amt inne. Sie war unter anderem für die Nord-«Tatorte» aus Hamburg, Hannover und Kiel verantwortlich - und herrschte auch über renommierte Serien wie «Polizeiruf 110» sowie etliche weitere Produktionen. Beim NDR galt sie als mächtige Frau, in der Branche als hochkarätige Expertin.

Im September 2009 endete ihre Karriere jäh, der NDR kündigte ihr nach Bekanntwerden der Vorwürfe fristlos. Dagegen zog Heinze vor das Arbeitsgericht. Schließlich einigte sie sich mit dem Sender auf einen Vergleich - das Arbeitsverhältnis wurde beendet, zu Unrecht erhaltene Honorare zahlte sie zurück. Medienberichten zufolge soll es sich um rund 90 000 Euro handeln. «Sie hat den Schaden beim NDR längst wieder gutgemacht», sagt ihr Verteidiger - ohne eine Summe zu nennen.

Der Verband Deutscher Drehbuchautoren hatte nach Bekanntwerden der Affäre erklärt, es habe Zeichen für eine Vetternwirtschaft gegeben. «Niemand wollte es sich aber mit einer so mächtigen Institution wie Doris Heinze verscherzen.»

news.de/dpa

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig