Literatur Die Tagebücher des DDR-Schriftstellers Strittmatter

Berlin - Erwin Strittmatter zittert innerlich über «diese verlorenen und vernichtet geglaubten» Kriegstagebücher. Als ein «Paket aus dem Jenseits» (Eva Strittmatter) wurden sie ihm 1971 in sein brandenburgisches Refugium Schulzenhof bei Rheinsberg zugeschickt.Aber «wozu die schlafende Vergangenheit wecken, mit der nichts mehr anzufangen ist?» notiert der 1994 gestorbene DDR-Bestsellerautor («Der Laden», «Der Wundertäter») in seinen Tagebüchern, die jetzt kurz vor seinem 100.

Die Tagebücher des DDR-Schriftstellers Strittmatter (Foto)
Die Tagebücher des DDR-Schriftstellers Strittmatter Bild: dpa

Geburtstag (14. August) veröffentlicht wurden. Der erste von Almut Giesecke im Aufbau Verlag herausgegebene und mit einem Nachwort versehene Band mit dem Titel «Nachrichten aus meinem Leben» umfasst die Jahre 1954 bis 1973, ein zweiter Band soll vermutlich 2014 folgen. Wichtig sind auch die umfangreichen Anmerkungen zum besseren Verständnis der nun schon länger zurückliegenden Zusammenhänge.

Nach dem Ende der DDR war bekannt geworden, dass Strittmatter nicht nur mit der Stasi zusammenarbeitete (als Sekretär des DDR-Schriftstellerverbandes), sondern im Zweiten Weltkrieg auch einem Polizeibataillon angehörte, das als Gebirgsjäger-Regiment 18 im Jahr 1943 einen SS-Titel erhielt und als Teil der gefürchteten «Ordnungspolizei» auch bei der Partisanenbekämpfung eingesetzt wurde. In den Tagebüchern (wie sie bisher bekannt sind) geht Strittmatter auf diese Zeit kaum ein, manchmal indirekt, wenn er etwa versichert, dass «den ganzen Krieg über keine Kugel meinen Gewehrlauf verließ».

Bei der Präsentation des Tagebuch-Bandes in Berlin meinte der Chefredakteur der Zeitschrift «Sinn und Form» der Akademie der Künste, Sebastian Kleinschmidt, Strittmatter habe «nicht nur Schuld auf sich geladen, wie alle deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg», er habe «diese Schuld auch vielfach reflektiert». Die Scham darüber sei so groß gewesen, «daß er verschiedene heikle Punkte seines Lebens nach 1945 auch vor engsten Familienangehörigen und Freunden verschwieg, so zum Beispiel die Tatsache, daß er im März 1940 einen Antrag auf Aufnahme in die kurz zuvor gegründete Waffen-SS gestellt hatte», wozu es dann aber nicht gekommen sei.

Seine Scham sei bis hin zur Bereitschaft gegangen, «sich eine Zeitlang als Informant des Ministeriums für Staatssicherheit einspannen zu lassen». Viele seien in der deutschen Vergangenheit mitschuldig geworden «und wollten wiedergutmachen». Und wurden wieder mitschuldig in der «zweiten Diktatur», wie sie Strittmatter in seinen heimlichen Aufzeichnungen dann auch nannte. «Ob Rechts-, ob Links-Diktatur, in beiden wird der Geist vergewaltigt...Wie kann ein denkender Mensch das gutheißen?»

Über Schriftsteller-Kollegen fallen nicht immer nur freundliche Worte, Stefan Heym nennt Strittmatter «impertinent», Heiner Müller einen «Konterrevolutionär», Hans Magnus Enzensberger einen «westdeutschen Grünschnabel», Günter Grass «großschnäuzig», (der allerdings seine politischen Ansichten nicht in Tagebüchern versteckte) und bei einer Christa-Wolf-Lektüre notiert er, «bei so viel vorgegebenem Tiefsinn krieg ich Kopfschmerzen».

Interessant sind auch seine Notizen über Bertolt Brecht, dessen Schüler Strittmatter am Berliner Ensemble noch war und von dem er später immer mehr abrückte. Brecht attestierte er «mangelnden Ernst» und zuweilen eine «gewisse pennälerhafte Unreife». Man müsse zugesehen haben, «wie leicht er sich selber etwas vormachte oder vormachen ließ». Was Strittmatter allerdings für sich in Anspruch nahm, kreidete er Brecht an - Kritik nur intern zu äußern.

Strittmatters Tagebücher geben auch als «Arbeitsjournal» einen faszinierenden Einblick in die Schreibwerkstatt eines Autors mit all seinen quälenden Selbstzweifeln und dem Ringen um den besten Entwurf bis hin zur Lebenskrise und damit einhergehenden Zerwürfnissen mit der Familie. Das Zusammenleben mit seiner Ehefrau und Kollegin Eva muss so manchen Belastungsproben standhalten. In den Tagebüchern wird auch der aus Spremberg in der Lausitz stammende bodenständige und naturverliebte Schriftsteller erkennbar, der seine idyllischen Naturbeobachtungen detailliert festhält. Dann aber wieder: «Hinterm Wald das Getöse von Panzern», Manöver der Roten Armee in Brandenburg.

Auffallend sind die zahlreichen Auslassungen im Text, laut Herausgeberin meist «Wiederholungen» oder Persönlichkeitsrechten geschuldet. Über die «dunklen Stellen» der Kriegs- und NS-Zeit - Strittmatter machte seit den 30er Jahren private Aufzeichnungen - könnte die mit Spannung erwartete Strittmatter-Biografie von Annette Leo, die der Aufbau Verlag für den 21. Juli angekündigt hat.

Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben - Aus den Tagebüchern 1954-1973, herausgegeben von Almut Giesecke, Aufbau Verlag Berlin, 602 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-351-03392-7

Aufbau Verlag

news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig