Durchgehört Die Lage der Nation

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Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Dreimal Landeskunde in Musikform: Maximo Park werden auf ihrem neuen Album The National Health politisch und analysieren die Lage Englands. Allo Darlin' klingen so, wie man sich Europa wünschen würde. Und The Magnetic North setzen ihrer Heimat ein Denkmal.

«Ich will Maximo Park neu erfinden», hatte Sänger Paul Smith nach dem letzten Album Quicken The Heart im Interview mit news.de angekündigt. Das hat eine ganze Weile gedauert. Drei Jahre sind seitdem vergangen, ein Soloalbum des Sängers fiel in diese Zeit. Wie sieht sie nun aus, die neue Entwicklungsstufe von Maximo Park?

Nur eine Minute lang deutet sich an, das neue Album The National Health schlage den Weg ein, den Paul Smith als Solist gegangen ist, mit besinnlichen Balladen statt Spaßrock. Auch danach gibt es ein paar ruhigere Momente. Insgesamt sind Maximo Park aber weiterhin kraftvoll und unterhaltsam, neuerdings auch ein bisschen öfter mit Synthesizer-Unterstützung. Die eigentliche Innovation steckt aber in den Texten: Maximo Park sind auf ihrem vierten Album politisch geworden. Zumindest ein bisschen. Hier können Sie das Album direkt bestellen.

«England is ill and it is not alone»England ist krank / und damit ist es nicht allein , beginnt der Titelsong. In anderen Liedern werden die digitale Kälte oder der unüberwindliche Egoismus thematisiert, auch die Eindrücke der Unruhen in London im vergangenen Jahr schimmern durch, und das Motiv auf dem Plattencover sieht aus wie eine Friedenstaube im Sturzflug. Dazu gibt es natürlich auch reichlich Liebeslieder wie das packende Write This Down, einfühlsam und schmerzhaft ehrlich, wie man das von Paul Smith gewohnt ist. Das ist alles in allem ein sehr passendes Klangkostüm für das Quintett aus Tyne and Wear im achten Jahr ihrer Karriere. Maximo Park sind auch auf The National Health noch kurzweilig, relevant und gut für eine Überraschung.

Künstler: Maximo Park
Album: The National Health
Plattenfirma: Universal
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Keine Frage: Europa ist momentan kein allzu beliebtes Konzept. Allo Darlin' aus London haben ihr zweites Album nun trotzdem Europe genannt. Und das klingt tatsächlich so, wie man sich Europa wünscht: voller Tatendrang und Zuversicht, mit Gespür für seine Tradition, einer unspießigen Bodenständigkeit und wie ein überzeugendes, in sich schlüssiges Ganzes.

Viele Refrains sind hier unerschütterlich zuversichtlich (also so etwas wie das Italien der Eurokrise), ganz oft sorgt der Bass für veritablen Druck (übernimmt also die Rolle von Wolfgang Schäuble), die Texte sind durchweg ein großes Vergnügen (für diesen Part findet sich leider keine Entsprechung in der aktuellen Politik).

Im grandiosen Tallulah singt Sängerin Elizabeth Morris (die übrigens aus Australien stammt) nur zur Ukulele, auch im charmant zurückhaltenden My Sweet Friend steckt ganz viel Seele. The Letter ist ebenso mitreißend wie elegant und souverän. Immer wieder ist es der Optimismus im Angesicht der Katastrophe, der den famosen Liedern von Allo Darlin' seinen Stempel aufgedrückt - nicht die schlechteste Strategie in diesen Tagen.

Hier können Sie Europe direkt bestellen.

Künstler: Allo Darlin'
Album: Europe
Plattenfirma: Fortuna Pop
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Konzeptalben sind eine oftmals zu Recht belächelte Idee. Aber sie können ganz wundervoll werden, wenn das Konzept stimmt. So wie bei The Magnetic North. Ihrer Symphony Of Orkney liegt eine ganze Sage zugrunde. Angeblich wurde die Band von Betty Corrigall beauftragt, diese Platte aufzunehmen. Diese junge Dame beging Selbstmord in den 1770er Jahren, nachdem sie von einem Seemann auf der Durchreise geschwängert und dann von den Leuten ihres Dorfes auf den Corkney Islands verstoßen worden war. Seitdem findet ihr Geist keine Ruhe, und nun soll diese Musik ihren Ruf rehabilitieren.

Das Trio um Erland Cooper (Erland & The Carnival), der selbst auf den Orkney Islands aufgewachsen ist, hat die perfekte klangliche Entsprechung für diese Entstehungsgeschichte gefunden: Die Platte klingt manchmal wie eine vertonte Heimatgeschichte des Archipels, mal wie ein sanfter Traum, mal wie der letzte Atemzug eines unruhigen Geistes.

Die größte Stärke der Orkney Symphony ist die Experimentierfreude und Klangvielfalt, mit der The Magnetic North hier zu Werke gehen, gepaart mit einem Gespür dafür, das Ergebnis zwar freigeistig, aber niemals unrund klingen zu lassen. Wer sich bei den Stars öfter mal spinnerte Momente wünscht oder sich Arcade Fire auch gut als nachdenkliche Seeleute vorstellen kann, der ist hier genau richtig.

Hier können Sie Symphony Of Orkney direkt bestellen.

Künstler: The Magnetic North
Album: Symphony Of Orkney
Plattenfirma: Full Time Hobby
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

kru/news.de

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