Literatur Schriftsteller Gerhard Roth wird 70

Wien/Graz - Es sind immer gleich Hunderte von Seiten: Der österreichische Schriftsteller Gerhard Roth ist die lebende Antithese zur immer schnelleren, immer kürzeren Ausdrucksform.

Schriftsteller Gerhard Roth wird 70 (Foto)
Schriftsteller Gerhard Roth wird 70 Bild: dpa

Seine Romane, als zwei monumentale Zyklen angelegt, sind in Worte gegossene Zeit. Sie entstehen nach Monaten und Jahren der Recherche in Archiven, Bibliotheken und vor Ort und bringen das Verdrängte und Verschwiegene ans Licht. Zu Hause ist Gerhard Roth in Graz und in Wien. Seinen 70. Geburtstag am Sonntag (24. Juni) wird er privat an seinem Rückzugsort in der idyllischen Hügellandschaft der Südsteiermark feiern.

Der Romancier und Essayist hat mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk eine große Zahl von Anhängern und Bewunderern erreicht, doch sein Verhältnis zur Heimat ist stets zwiespältig geblieben. Zwar wurde er in Österreich schon mit seinem frühen Werk, dem siebenbändigen Zyklus «Die Archive des Schweigens», in den 1980er Jahren als prägende literarische Gestalt wahrgenommen. Dass der junge Autor auf fundierte, stilistisch unverwechselbare Weise die verdrängte Nazi-Vergangenheit Österreichs thematisierte, brachte ihm aber auch heftige Angriffe ein.

Bewunderer und Freunde nennen Roth einen «Archäologen des Verdrängten», der in scharfsinnigen Essays, literarischen Reportagen und poetischen Romanen sein von humanistischen Motiven geprägtes Lebenswerk kontinuierlich entwickelt.

André Heller bescheinigte ihm in einer Laudatio 2003 eine «Art von Herzensbildung, die gar nicht anders kann, als Anteil zu nehmen an der körperlichen und geistigen Not anderer». Das Ausloten der Toleranz und die Suche nach Wahrheit erscheinen als zentrale Beweggründe seines literarischen Schaffens. «Schreiben und ehrlich sein ist das Gleiche», sagt der engagierte Autor.

Entsprechend nervös wurden einzelne Neuerscheinungen in Österreich aufgenommen. Der Roman «Der See» etwa löste mit der Schilderung eines missglückten Attentats auf einen rechtsgerichteten Politiker 1995 einen Skandal aus. Die Freiheitlichen fühlten sich in der Person ihres damaligen Vorsitzenden Jörg Haider attackiert und forderten im Parlament die Aberkennung von Stipendien und Preisen.

Die schriftstellerische Karriere des Arztsohnes aus Graz begann heimlich. Offiziell und dem väterlichen Wunsch entsprechend studierte der junge Roth Medizin, tatsächlich aber entwarf er bereits die ersten Figuren und Züge seines Werkes.

Nachdem er 1967 das Studium schmiss, musste er einen Brotberuf im Grazer Computerrechenzentrum annehmen, um seine Leidenschaft zu finanzieren. Ein Vertrag mit dem S. Fischer Verlag, der dem Autor nach ersten Erfolgen mit experimentellen Romanen einen großzügigen Vorschuss gewährte, ermöglichte Roth den Sprung ins freie Schriftsteller-Dasein.

1980 erschien «Der Stille Ozean» als erste Veröffentlichung des siebenteiligen Prosazyklus' «Die Archive des Schweigens», der auch seinen bedeutendsten Roman «Landläufiger Tod» (1984) umfasst. Die Folge von Romanen entwickelte sich zu einer «Gegengeschichte Österreichs». Als zweiten Strang seiner, wie er sein Werk selbst nennt, literarischen «Doppelhelix» schloss er 2011 den siebenteiligen Zyklus «Orkus» mit dem Band «Reise zu den Toten» ab.

In seiner präzisen wie poetischen Sprache verbindet Roth seine subjektive Sicht mit Dokumentationen - Erfundenes und Recherchiertes fließen ineinander. Inhaltlich rückt er die Problematik des Individuums in einer historisch wie sozial gestörten Beziehung zur Umwelt ins Zentrum. Roth wurde unter anderen mit dem Alfred-Döblin-Preis, dem Kaschnitz-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis ausgezeichnet.

news.de/dpa

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