Literatur Liao Yiwu: «Ich suche die Freiheit»

Liao Yiwu: «Ich suche die Freiheit» (Foto)
Liao Yiwu: «Ich suche die Freiheit» Bild: dpa

Berlin/Peking - Die Werke des Schriftstellers Liao Yiwu sind in China verboten. Die Behörden untersagten ihm am Ende auch noch, im Ausland zu veröffentlichen oder zu reisen.

Als sich die politische Lage weiter verschlimmerte, griff Liao Yiwu zur Täuschung.

Er ging scheinbar auf die Forderung ein, um im Gegenzug eine Reiseerlaubnis in die Freiheit zu bekommen. Von Berlin aus äußerte der Autor im Juli 2011 in einem Telefoninterview mit der Nachrichtenagentur dpa seine Sorge, dass er China wohl so schnell nicht wiedersehen dürfte.

Jetzt sind Sie in Berlin. Werden Sie Ihr Buch veröffentlichen?

Liao: «Ja, es heißt "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen". Das Buch erzählt meine Geschichte, als ich ins Gefängnis musste, weil ich ein Gedicht über das Massaker 1989 geschrieben hatte. Ich war vier Jahre in Haft. Das Buch ist eine Biografie über meine Erfahrungen im Gefängnis. Es stellt das Leben der Gefangenen dar, die Folter und andere brutale Erlebnisse.»

Was hielten die chinesischen Behörden davon?

Liao: «Zweimal wurde das Manuskript beschlagnahmt. Dieses Buch jetzt ist die dritte Version. Ich habe mehr als zehn Jahre daran gearbeitet. Als ich im vergangenen Herbst aus Deutschland zurückkam, forderten mich die Behörden auf, es nicht zu veröffentlichen. Dann durfte ich China nicht verlassen. Aus Rücksicht auf meine Sicherheit wartete der Fischer-Verlag von April bis Juni. Jetzt ist alles in Ordnung, jetzt bin ich in Berlin. (...)

Sehen Sie sich jetzt im Exil?

Liao: «Ich bin nur ein Autor. Ich bin ein Handwerker der menschlichen Erinnerung. Ich suche die Freiheit, schreiben und veröffentlichen zu können. Über andere Dinge denke ich nicht so viel nach.»

Werden Sie nach China zurückkehren können?

Liao: «Erst nach einer Weile, wenn sich die Situation geändert hat. Es ist auf jeden Fall mein Wunsch. Ich denke, dass ich sicher lange Zeit im Ausland bleiben werde, aber ich will zurückgehen.» (...)

Sie wollten immer in China bleiben. Was hat Ihre Meinung geändert?

Liao: «Bis heute hat sich meine Meinung nicht geändert. Ich will definitiv in China bleiben. Aber der Stillstand in China kann nicht überwunden werden. Meine Veröffentlichungen im Ausland werden behindert. Als Schriftsteller kann ich meine Bücher nicht veröffentlichen. Deswegen musste ich hierherkommen.»

Was beabsichtigen Sie mit ihrem neuen Buch?

Liao: «Es gibt eine historische Tradition in China. Von Konfuzius über (den Historiker) Sima Qian bis heute schreiben wir Geschichte auf. Meine Freunde, darunter (der Friedensnobelpreisträger) Liu Xiaobo, nennen mein Buch eine Enzyklopädie chinesischer Gefängnisse. Obwohl ich meine persönlichen Erfahrungen aufgeschrieben habe, ist es auch eine umfassende Darstellung der Geschichte dieser Zeit. Es zeigt eine andere Welt, fremd für normale Leute. Aber es ist vor allem ein literarisches Werk.»

Fühlen Sie sich jetzt frei?

Liao: «Ich genieße zumindest körperliche und geistige Freiheit. Aber egal, wo ich bin, im Gefängnis oder in China ohne Freiheit, schreibe ich, um mein Gefühl loszuwerden, eingesperrt zu sein. Schreiben ist ein Weg, nach Freiheit zu streben. Nach 1989 kamen viele ins Exil. Obwohl sie in der freien Welt sind, fühlen sie sich vielleicht nicht frei.»

Ein Exilanten-Schicksal?

Liao: «Ich glaube nicht, dass ich ein Problem mit dem Exil haben werde. Solange ich zwei Bücher in meinem Rucksack habe, das Zhou Yi (das auch I Ging genannte klassische Buch der Wandlungen) und das Shi Ji (das Geschichtswerk von Sima Qian), werde ich nicht das Gefühl haben, im Exil zu leben. Mit diesen beiden Büchern weiß ich, dass jemand vor Tausenden Jahren in einer noch schlimmeren Lage war. Doch seine geistige Welt war riesengroß. Mein Land ist in meinem Rucksack.»

Interview: Andreas Landwehr, dpa

news.de/dpa

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