Literatur Liao Yiwu über das Grauen chinesischer Gefängnisse

Peking - Acht Stunden vor dem Massaker am 4. Juni 1989 in Peking schrieb Liao Yiwu in einer düsteren Vorahnung das Gedicht «Massaker». «Die Macht wird siegen, sie ist ewig», heißt es darin.

Liao Yiwu über das Grauen chinesischer Gefängnisse (Foto)
Liao Yiwu über das Grauen chinesischer Gefängnisse Bild: dpa

«Unsere Herzen sind schwarz. Schwarz und voll Glut. Wie Krematoriumsöfen. Hier brennen die Träume der Toten.»

Am Tag nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung nahm der Dichter und Schriftsteller empört seine Verse auf vier Tonbandkassetten auf, gab sie Freunden mit. Sein leidenschaftliches Gedicht verbreitete sich im Untergrund. Vier Jahre, von 1990 bis 1994, saß er dafür in Haft.

In seinem Buch «Für ein Lied und hundert Lieder» gibt Liao Yiwu eine schockierende Beschreibung seines damaligen Lebens im Gefängnis. Erst seine Flucht ins Exil im Sommer 2011 machte die Veröffentlichung möglich. Die Behörden hatten ihn unter Druck gesetzt. Um ausreisen zu dürfen, ging Liao Yiwu zum Schein auf ihre Forderung ein, das Buch nicht im Ausland zu veröffentlichen. Kurz nach seiner Ankunft in der Freiheit in Deutschland erschiensein «Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen».

Es ist keine leichte Lektüre, aber eine notwendige. Schwere Misshandlungen durch Wärter, Schläge mit Elektroknüppeln, schlimmste Brutalität unter Häftlingen - das blanke Grauen. Die Sprache von Liao Yiwu, der in Deutschland durch «Fräulein Hallo und der Bauernkaiser» bekanntwurde, ist stark, bildhaft und beeindruckend, dank der guten Übersetzung von Hans Peter Hoffmann.

«Zweimal wurde das Manuskript beschlagnahmt. Dieses Buch jetzt ist die dritte Version», berichtete Liao Yiwu damals der Nachrichtenagentur dpa. Mehr als zehn Jahre hat er daran gearbeitet. «Ich bin ein Handwerker der menschlichen Erinnerung.» Chinas Behörden wissen nur zu gut, warum sie dieses Buch unbedingt verhindern wollten. Es beschreibt ein System der Brutalität, Willkür und Misshandlung im chinesischen Gulag - durch Wärter wie Mitgefangene, die wie wilde Tiere in überfüllten Zellen hausen und wie im Rudel gewaltsam unter sich Ordnung schaffen.

Liao Yiwu dokumentiert die «Speisekarte» im Untersuchungsgefängnis Kiefernberg in Chongqing: Brutale Bestrafungsaktionen unter den Gefangenen. «Dass im Untersuchungsgefängnis jemand tot gemacht wird, das war so alltäglich wie Reis zum Essen.» Es war ein Kampf ums nackte Überleben: Ein politischer Häftling unter Räubern, Vergewaltigern, Kleinkriminellen oder auch Mördern, nicht wenige zum Tode verurteilt. «In chinesischen Gefängnissen, wo Gefangene über Gefangene herrschen, versucht die Regierung die Politischen in solchen Räuberhöhlen umzuerziehen», schreibt Liao Yiwu. Er wusste nicht, ob er das durchsteht. «Mein Leben war wertlos wie das einer Ameise, aber ich war nicht gewillt, eine Ameise abzugeben.» Er lehnte sich auf, erlitt selbst schwere Misshandlungen.

Als wieder Schläge eines Wachbeamten auf sein Gesicht prasselten, hielt Liao Yiwu still: «Ich starrte ihn nur an und zuckte wirklich mit keiner Wimper, ich wollte mit meinen Augen die Augen des Schlächters packen.» Nach zwei Jahren wurde Liao Yiwu 1992 ins reguläre Provinzgefängnis Nr. 2 von Sichuan zur «Umerziehung durch Arbeit» gebracht. «Nach über zwei Jahren hatte ich zum ersten Mal ein Bett für mich alleine.» Wie in Untersuchungshaft musste er wieder Tüten kleben - für ein Kinderberuhigungsmittel. Am Ende kam Liao Yiwu ins Gefängnis Nr. 3, wo besonders viele «Konterrevolutionäre» saßen.

Das Leben hinter Gittern zu dokumentieren, war für den Literaten eine befreiende Therapie, doch plagten ihn Selbstzweifel. «Schreiben ist ein extrem langsamer Entgiftungsprozess, aber worin liegt seine Wahrheit?», fragt er sich. «Manchmal bilde ich mir etwas darauf ein, der Verwalter der Freiheit zu sein, aber werde ich nicht von inneren Wahrheiten zum Narren gehalten?» Existiere Wahrheit überhaupt? Sei sein Leid umsonst gewesen, seine Suche nach Wahrheit nichts anderes als eine «Materialiensammlung» - eine Sammlung, «die bis heute mein Herz beben lässt»? Das Schreiben habe ihm immerhin seine Würde wiedergeben können, die ihm in Haft so oft abhandengekommen war.

Liao Yiwu, Für ein Lied und hundert Lieder, S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, 582 Seiten Hardcover, 24,95 Euro, ISBN: 978-3-10-044813-2

Buchhinweis

news.de/dpa

Bleiben Sie dran!

Wollen Sie wissen, wie das Thema weitergeht? Wir informieren Sie gerne.

Leserkommentare (0) Jetzt Artikel kommentieren
Kommentar schreiben  Netiquettelink | AGB
noch 600 Zeichen übrig