Fernsehen Emmy-Präsident: Fernsehen wird sich radikal verändern

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Emmy-Präsident: Fernsehen wird sich radikal verändern Bild: dpa

Köln - Bruce Paisner ist der Präsident der International Academy of Television Arts & Sciences, die jedes Jahr die internationalen Emmys verleiht.

Der großen Gala in den USA geht ein monatelanger Auswahlprozess rund um den Globus voraus.

Zurzeit ist Paisner in Köln, wo sich deutsche TV-Kenner zu einer großen Nominierungsrunde trafen. Mit der Nachrichtenagentur dpa sprach Paisner über seine Erwartungen für eine radikal veränderte Zukunft des Fernsehens - und über die einzige deutsche Fernsehfigur, die er namentlich kennt.

Was verschlägt Sie nach Köln?

Bruce Paisner: «Das ist so eine hübsche Stadt.»

Wie bitte?

Paisner: «Ja, wirklich. Außerdem erfährt unsere Organisation viel Unterstützung vom Land Nordrhein-Westfalen. Und dann ist das hier vermutlich unsere größte Nominierung weltweit. Und ich nehme am Montag an einer Diskussionsveranstaltung beim Medienforum NRW teil. Da geht es um ein Thema, das mich besonders interessiert, nämlich: Wohin entwickelt sich das Fernsehen?»

Wohin entwickelt es sich?

Paisner: «Wissen Sie, auf dem Weg hierhin habe ich ein neues Buch gelesen über Walter Conkrite...»

...den legendären Nachrichtenmoderator, der die Nachricht vom Tod John F. Kennedys verbreitete...

Paisner: «Ja. Und das war eine faszinierende Zeit, diese Umorientierung vom Radio aufs Fernsehen. Alles veränderte sich. Und ich glaube, was wir jetzt erleben, ist der Übergang von einem kontrollierten Programm zu einer schier unbegrenzten individuellen Auswahl. Man bekommt das Fernsehprogramm, für das man bezahlt hat. Man sucht sich die vier, fünf, sechs Genres aus, für die man sich interessiert, und abonniert sie. So werden sehr viele Menschen in Zukunft fernsehen. Das wird ein ziemlich radikaler Wandel sein.»

Die Nachteile eines solchen Systems liegen auf der Hand: Ich schaue nur das, wofür ich mich sowieso schon interessiere, und kann nie mehr überrascht werden von einer Sendung, auf die ich zufällig im Programm gestoßen bin.

Paisner: «Vermutlich wird es irgendwann auch ein Genre "Überraschungen" geben.»

Von Europa aus nimmt man im amerikanischen Fernsehen eine ganze andere Entwicklung wahr: Die Nachrichten und viele andere Programme werden immer parteiischer, und oft sind es Leute von Rechts, die dort den Ton angeben.

Paisner: «Wissen Sie, im 19. Jahrhundert waren alle amerikanischen Zeitungen extrem parteiisch. Alle! Diese Vorstellung von neutralen Medien ist überhaupt erst im 20. Jahrhundert aufgekommen. Was man jetzt zum Beispiel bei Fox News sieht, ist in gewisser Weise eine Rückkehr.»

Sie würden bestreiten, dass das Bemühen um eine möglichst sachliche und ausgewogene Berichterstattung eine kulturelle Leistung darstellt?

Paisner: «Das wird nie verloren gehen, CNN versucht ja gerade das, und sie haben Erfolg damit. Vermutlich wird man am Ende eine Art Mix aus beidem bekommen. Insgesamt denke ich nicht, dass das ein Problem ist.»

Nochmal zurück zu den Emmy-Nominierungen. Dieser Auswahlprozess erscheint äußert kompliziert und zeitaufwendig.

Paisner: «Sicher, es werden natürlich immer mehr Fernsehprogramme weltweit produziert, und deshalb wird auch der Auswahlprozess immer globaler. Aber ich glaube, so kompliziert ist es gar nicht. Wir haben Juroren in der ganzen Welt, wie hier in Deutschland, die in bestimmten Kategorien die besten Programme nominieren.»

Aber ist es nicht merkwürdig, wenn deutsche Juroren südamerikanische Comedy bewerten und Chinesen russische Krimis? Kann das funktionieren?

Paisner: «Ich habe mir dieselbe Frage gestellt, als ich damit vor 10, 15 Jahren angefangen habe. Aber wissen Sie was: Es funktioniert wirklich! Fernsehen ist eine Kunstform, und eine gute Sendung ist eine gute Sendung. Es macht nichts aus, ob sie in China, Brasilien oder Deutschland gemacht worden ist. Fernsehprofis rund um die Welt haben unglaublich viel gemeinsam, sie sprechen die gleiche Sprache, das ist viel universeller, als man vielleicht denken mag.»

Keine großen Mentalitätsunterschiede zwischen uns und den Chinesen?

Paisner: «Ich reise für die Academy um die ganze Welt, und ich finde es erstaunlich, wie sehr wir uns trotz der unterschiedlichen Nationalitäten gleichen.»

Aber was doch ganz klar ein Handicap in diesen Auswahlprozess ist: Jede Region der Welt muss gleichermaßen berücksichtigt werden. Das heißt also, dass viele Sendungen allein aus Proporzgründen nominiert werden. Die Chinesen produzieren vielleicht furchtbar schlechte Comedys, aber trotzdem wird etwas davon für preiswürdig erklärt.

Paisner: «Meine Reaktion war ursprünglich genauso. Aber es ist nicht so - eher im Gegenteil: Wir werden ständig überrascht durch die wirklich guten Sendungen aus China.»

Hier in Deutschland sagen viele: "Das Fernsehen wird auch immer schlechter." Das sehen Sie vermutlich anders?

Paisner: «Ja, das sehe ich in der Tat nicht so. Es wird immer mehr Fernsehen produziert, und in jedem System, wo mehr produziert wird, wird auch die Zahl der guten Produkte steigen. Es gibt sehr viel gutes Fernsehen. Man redet viel von den 1950er Jahren als dem Goldenen Zeitalter des Fernsehens, aber das liegt daran, dass damals alles neu war.»

Deutsche Fernsehsendungen sind ja nicht gerade Verkaufsschlager im Ausland.

Paisner: «Ich hatte immer das Gefühl, dass deutsche Produktionen sehr auf Deutschland ausgerichtet sind. Wenn man in Großbritannien etwas produziert, denkt man gleich daran, ob man es auch im Ausland verkaufen kann.»

Kennen Sie eine deutsche Fernsehfigur?

Paisner: «Es gab da einen, der in der ganzen Welt Erfolg hatte... Derrick.»

Interview: Christoph Driessen, dpa

Website International Emmy Awards

Bruce Paisner beim Medienforum NRW

news.de/dpa

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