Wissenschaft Trauer um Margarete Mitscherlich

Frankfurt/Main - Trauer um Margarete Mitscherlich: Wissenschaftler und Wegbegleiter haben die große alte Dame der Psychoanalyse als herausragende Intellektuelle und Identifikationsfigur gewürdigt.

Trauer um Margarete Mitscherlich (Foto)
Trauer um Margarete Mitscherlich Bild: dpa

Die Psychoanalytikerin war am Dienstag - wenige Wochen vor ihrem 95. Geburtstag - in einem Krankenhaus in Frankfurt am Main gestorben. Sie hat viele Jahre am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt gearbeitet. Gemeinsam mit ihrem 1982 gestorbenen Mann Alexander Mitscherlich analysierte sie in «Die Unfähigkeit zu trauern» (1967) die Nachkriegsgesellschaft.

Später wandte sich Mitscherlich der Frauenbewegung zu. In ihrem bedeutendsten eigenen Buch, «Die friedfertige Frau» (1985), legte sie dar, dass Frauen nicht von Natur aus weniger aggressiv sind, sondern ihr vermeintlich ausgleichendes Wesen nur erlernt haben. Noch im Herbst 2010 hatte die Medizinerin ein Buch mit dem Titel «Die Radikalität des Alters» geschrieben. Bis zuletzt hielt sie gelegentlich noch psychoanalytische Sitzungen ab, las zwei Tageszeitungen und den «Spiegel» und schrieb E-Mails.

Das Sigmund-Freud-Institut würdigte Mitscherlich als bedeutende Persönlichkeit mit imponierender intellektueller Wachheit. «Mit ihrem Tod verliert das Sigmund Freud-Institut eine wichtige Identifikationsfigur und ein überzeugendes Vorbild, wie Menschen in Würde altern können», heißt es auf der Homepage. Mitscherlich sei eine Frau mit tief empfundenem Engagement für die Welt und einer großen Lust am Denken gewesen, sagte der stellvertretende SFI-Direktor, Prof. Rolf Haubl. «Wer eine Aufgabe hat, der hält auch lange durch.»

Als Tochter eines dänischen Arztes und einer deutschen Lehrerin kam Margarete Nielsen am 17. Juli 1917 im Graasten (Dänemark) zur Welt. Ihr Abitur machte sie während der Nazi-Diktatur in Flensburg. Nach dem Medizin-Studium in München und Heidelberg arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. 1955 heiratete das Paar und begründete eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung.

«Unser Land und unsere Gesellschaft verdankt ihr viel», sagte S. Fischer-Programmgeschäftsführer Jörg Bong am Mittwoch laut Mitteilung. «Über Jahrzehnte war sie nicht bloß eine der international herausragenden Wissenschaftlerinnen der Psychoanalyse, sondern vor allem auch eine der wichtigsten kritischen, engagierten Intellektuellen der Bundesrepublik Deutschland.»

Die Hamburger Sexualwissenschaftlerin und Analytikerin, Prof. Hertha Richter-Appelt, sagte: «Ihr Verdienst waren wichtige Beiträge zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus gemeinsam mit ihrem Mann Alexander Mitscherlich und die Auseinandersetzung mit dem Feminismus.» Erst nach dem Tod ihres Mannes habe sich Mitscherlich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft, vor allem aber auch in der Psychoanalyse, auseinandergesetzt.

Frauenrechtlerin Alice Schwarzer würdigte ihre Freundin Mitscherlich als Feministin und freie Denkerin. Sie habe «sich weder einschüchtern noch reduzieren lassen auf ein kleinkariertes Verständnis vom Feminismus», schrieb die Journalistin und «Emma»-Herausgeberin in ihrem Internet-Blog. Ihre Freundin sei zwar manchmal sehr scharf gewesen in ihrem Urteil über Menschen, aber sogar für Gegner immer voller Verständnis geblieben. Noch im Mai habe sie die 94-Jährige in ihrer Frankfurter Wohnung besucht und Spargel für sie gekocht. «Wir haben ein paar Stunden lang geschwatzt, geklatscht und gelacht.» Mitscherlich habe ohnehin gerne gelacht - aus Lebensfreude oder auch aus Menschenkenntnis.

Der Psychoanalytiker Tilmann Moser nannte Mitscherlich eine «hellwache Forscherin». Sie sei zur Pionierin der Anwendung der Psychoanalyse auf große Gruppen oder ganze Nationen geworden, zur «Grande Dame der deutschen Psychoanalyse», sagte Moser im Deutschlandradio Kultur.

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) würdigte Mitscherlich als eine der bekanntesten Psychoanalytikerinnen der Bundesrepublik und eine starke Persönlichkeit der Frauenbewegung.

news.de/dpa

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