Film «Ai Weiwei - Never Sorry» - Über Unrecht und Freiheit

Peking - Drei Jahre begleitete die US-Regisseurin Klayman den berühmtesten chinesischen Künstler und Regimekritiker Ai Weiwei mit der Kamera.

«Ai Weiwei - Never Sorry» - Über Unrecht und Freiheit (Foto)
«Ai Weiwei - Never Sorry» - Über Unrecht und Freiheit Bild: dpa

Ihr Porträt ist zugleich eine dramatische Dokumentation des heutigen Chinas. Nächste Woche kommt der ergreifende Film in deutsche Kinos.

Es ist ein wichtiges Zeitdokument - ein Film über das «andere Gesicht Chinas» und die Rolle der Kunst. Packend dokumentiert «Ai Weiwei - Never Sorry» das Werk des berühmtesten zeitgenössischen Künstlers Chinas und seinen Kampf gegen das Unrecht im System. Die Regisseurin Alison Klayman hat Ai Weiwei über drei Jahre begleitet, seine Familie, Freunde und Kollegen interviewt. Ihre 91-minütige Dokumentation ist ein bewegendes Porträt einer der wichtigsten Persönlichkeiten des modernen Chinas.

«Wer den Film gesehen hat, wird klar verstehen, was für ein China und was für eine Gesellschaft wir uns wünschen, um etwas zur Menschheit beizutragen», sagt der 55-Jährige in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa in Peking. «Das ist der erste Schritt, um China zu verstehen.» Der Film, den Ai Weiwei «sehr authentisch» nennt, steht im krassen Gegensatz zum offiziellen Kulturjahr Chinas, das die chinesische Regierung gerade in Deutschland veranstaltet.

«Ich bin mehr so etwas wie ein Schachspieler. Mein Gegner macht einen Zug, ich mache einen Zug», sagt der Künstler und Blogger zu Beginn. Ai Weiwei baut am «Vogelnest» genannten Olympiastadion mit, distanziert sich aber später und verurteilt das «falsche Lächeln für die Ausländer», das die Propaganda 2008 mit Olympia aufzieht.

Nach dem verheerenden Erdbeben 2008 in Sichuan mit 87 000 Toten sammelt Ai Weiwei die Namen von fast 5000 getöteten Kindern, die in ihren Schulen ums Leben kamen. Durch Pfusch am Bau waren viele Schulgebäude eingestürzt, während andere Häuser standhielten. Als einer seiner Helfer, der Aktivist Tan Zuoren, vor Gericht gestellt wird, will Ai Weiwei als Zeuge aussagen. Im Hotel wird er aber von Polizisten geprügelt und festgehalten.

Die Schläge auf den Kopf lösen ein lebensgefährliches Blutgerinnsel aus. In einer Notoperation in München wird der Künstler einen Monat später gerettet. In seiner Hartnäckigkeit und seinem Mut erinnert Ai Weiwei an seinen Vater, den berühmten Dichter Ai Qing, der in der Kulturrevolution vor den Augen des Sohnes angeprangert und misshandelt wurde. Die Erinnerung kann Ai Weiwei «nicht auslöschen».

In München stellt Ai Weiwei eine gigantische Wand mit Rucksäcken aus, damit die getöteten Kinder von Sichuan nicht vergessen werden. In der Tate Modern Galerie in London verstreut der Künstler Millionen von Sonnenblumenkernen aus Porzellan - als Symbol für das Individuum und ebenso eine Anspielung an den Revolutionär Mao Tsetung, der als Sonne gesehen wurde, dem das Volk wie Sonnenblumen folgt.

«Ich bin sehr stolz auf ihn», sagt seine Mutter Gao Yin. «Er spricht für die einfachen Menschen.» Sie hat Angst um ihn, sagt aber auch: «Ein Mensch kann die Probleme eines ganzen Landes nicht lösen, aber was passiert, wenn jeder die Probleme eines Landes ignoriert?» Ai Weiwei ist mehr als ein Künstler - sein Name stehe «für freiheitliches Denken und Individualismus», sagt er über sich selber.

1983 besucht Ai Weiwei erstmals New York. Er lebt jahrelang im Big Apple. Der junge Künstler verfolgt, wie das freiheitliche System in den USA funktioniert. Er ist geschockt, als 1989 in seiner Heimat die Demokratiebewegung blutig niedergeschlagen wird. 1993 kehrt er nach China zurück. Sein Vater ist alt und krank. «Freiheit ist ein merkwürdiges Ding: Wenn man sie einmal erlebt hat, bleibt sie im Herzen - und niemand kann sie wegnehmen.»

Ai Weiwei hat einen weiteren «Schatz», seinen Sohn Ai Lao - wenngleich nicht mit seiner Frau: «Es ist nicht erstrebenswert, aber es passiert.» Sich selbst beschreibt Ai Weiwei im Film als «ewigen Optimisten» und definiert: «Optimismus ist, wenn du vom Leben begeistert bist, wenn du neugierig bist und du weiter glaubst, dass es Möglichkeiten gibt.» Mit dem Sohn auf dem Schoß erlebt Ai Weiwei sichtlich gerührt am Computer, wie der inhaftierte Bürgerrechtler Liu Xiaobo im 2010 den Friedensnobelpreis verliehen bekommt - «ein Augenblick, in dem jeder Chinese stolz sein sollte».

Es wird auch enger für ihn. Anfang 2011 wird sein Studio in Shanghai abgerissen. Im April 2012 verschwindet Ai Weiwei. Weltweit erschallt der Ruf «Wo ist Ai Weiwei?» Der internationale Druck wächst. Die Behörden basteln einen Vorwurf der Steuerhinterziehung, wollen ihn zum Schweigen bringen. Nach 81 Tagen in Einzelhaft - ständig umgeben von zwei Polizisten - kommt Ai Weiwei frei, darf das Land aber nicht verlassen und keine Interviews geben. «Tut mir leid», muss der Künstler bei der Rückkehr alle Fragen abweisen: «So sorry.»

Sein Markenzeichen ist eigentlich «Never Sorry»: Es ist ein Protest gegen die Gleichgültigkeit, die in der Ausrede «So Sorry» steckt, mit der sich die Mächtigen gerne aus der Verantwortung ziehen. Auf freiem Fuß besinnt sich Ai Weiwei erstmal auf das Privatleben, genießt das Dasein als Vater mit seinem Sohn. Nur langsam traut er sich, wieder Interviews zu geben. Doch bald spricht er wieder Klartext: «Es gibt eine Verantwortung für jeden Künstler, die Meinungsfreiheit zu schützen.»

Webseite zum Film «Ai Weiwei - Never Sorry»

news.de/dpa

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