Kunst Okwui Enwezor über das Haus der Kunst

München - Das Haus der Kunst öffnet zu seinem 75-jährigen Bestehen seine Archive. Zum ersten Mal stellt das Museum zahlreiche historische Dokumente aus der Nazi-Zeit aus, als das Haus zum Zentrum der NS-Kulturpolitik und Gleichschaltung der Künste wurde.

Okwui Enwezor über das Haus der Kunst (Foto)
Okwui Enwezor über das Haus der Kunst Bild: dpa

Zu sehen sind auch Bilder aus den «Großen Deutschen Kunstausstellungen», den Propagandaschauen der Nazis. Doch nicht nur das. Das Museum will auch die Nachkriegsjahre beleuchten. «Das Haus muss seine Geschichte neu erzählen», sagt Direktor Okwui Enwezor im Interview der Nachrichtenagentur dpa. Dabei gehe es ihm nicht um die Rehabilitation seiner Institution.

Herr Enwezor, was erwarten Sie von dieser Ausstellung?

Enwezor: «Ich hoffe, dass die Ausstellung eine Offenbarung wird. Die Ausstellung will beleuchten, dass die Archive nicht nur ein Lager für eine tote Vergangenheit sind, sondern ein Lager für die aktive Beschäftigung mit der Gegenwart. Gewissermaßen schickt dieses umfangreiche Material Nachrichten aus der historischen Zeitspanne, als das Haus der Kunst zum Werkzeug des Denkens wurde, zu einer Schnittstelle zwischen Kunst, Ideologie und Politik. Die Archive enthüllen viel über die Beziehungen zwischen dem Haus der Kunst und der Moderne.»

Waren Sie von der Informationsfülle des Materials überrascht?

Enwezor: «Die Überraschung ist vielleicht, dass die Entwicklung des Hauses keine historische Einbahnstraße ist. Es ist nicht "das" Haus der Kunst, das nur ein Relikt der Ideologie der Nationalsozialisten ist. Es ist vielmehr ein Haus in Bewegung. Es sieht zwar sehr massiv und stabil aus, aber von seinen Anfängen an war es ein Haus im Wechsel, im Übergang - immer beeinflusst von den Ereignissen, die hier stattgefunden haben. Es hat seinen Ursprung als deutsches Zentrum der Kunstbetrachtung in den späten 1930er Jahren über die Dekonstruktion dieses Kunstverständnisses bis hin zur Wiederkehr der Moderne und der Künstler, die aus dem Haus der Kunst verbannt wurden. Die Ausstellung will einige Dinge klarstellen und eine möglicherweise falsche Vorstellung von diesem Haus zurechtrücken. Sogar ich dachte zum Beispiel, dass die Ausstellung "Entarte Kunst" hier stattgefunden hat. Das hat sie nicht. Das Haus muss seine Geschichte neu erzählen. Viele Werke, die hier in den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" gezeigt wurden, gingen zum Beispiel danach zur Biennale nach Venedig.»

Es ist Ihnen also wichtig, die Geschichte des Hauses und das Bild von der Institution zu korrigieren?

Enwezor: «Es ist keine Frage der Korrektur, sondern eher das Angebot eines komplexeren Verständnisses. Ich denke, die Geschichte des Hauses ist oft zu stark vereinfacht worden. Es geht nicht darum, das Haus der Kunst zu rehabilitieren. Es war, was es war, von 1937 bis 1945. Es gibt keinen Zweifel daran, dass dieses Gebäude für Zwecke genutzt wurde, mit denen die meisten von uns nicht einverstanden gewesen wären. Aber ich denke, wir können uns heute von diesem Teil der Geschichte distanzieren und den kategorischen, eindimensionalen Blick erweitern. Wir haben zum Beispiel überraschenderweise herausgefunden, dass Skulpturen von Rudolf Belling sowohl bei den "Großen Deutschen Kunstausstellungen" als auch in der Schau "Entartete Kunst" gezeigt wurden. Die Nationalsozialisten konnten diffamierte Künstler also gar nicht erkennen. Das ist eine Anekdote, die aber zeigt, wie wichtig es ist, die Komplexität dieser Institution zu darzustellen.»

Gibt es auch im Ausland Interesse an diesem Ausstellungsprojekt?

Enwezor: «Ich denke, diese Ausstellung ist keine deutsche Ausstellung. Und das Interesse scheint sogar im Ausland noch größer zu sein als hier. Soweit ich sie verstehe, ist sie keine Ausstellung über das Haus der Kunst allein. Natürlich steht das Haus der Kunst im Zentrum, aber es ist nur der Ausgangspunkt für eine tiefer- und weitergehende Betrachtung. Es gibt ein ganzes Netzwerk internationaler Beziehungen. Die US-Armee hat dieses Gebäude nach dem Krieg besetzt. Es geht also um Kulturpolitik und die Stellung dieses Hauses im komplexen Spiel der Mächte - auch nach dem Krieg. Das Gebäude ist zu einem Objekt der historischen Reflexion geworden.»

Was ist Ihr nächster Schritt in der Konfrontation mit der Geschichte Ihres Hauses?

Enwezor: «Wir wollen nicht die Konfrontation mit der Vergangenheit, wir wollen eine Phase der Normalisierung. Es ist schließlich nur ein Gebäude und ein Gebäude muss man nicht überinterpretieren. Der Punkt ist, dem Haus das Fetischistische zu nehmen. Wie gesagt: Es ist ein Gebäude und das müssen wir in der Gegenwart bewohnen - nicht nur in der Vergangenheit.»

Interview: Britta Schultejans, dpa

Infos zur Ausstellung

news.de/dpa

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