Theater Streitbar und leidenschaftlich: Claus Peymann wird 75

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Streitbar und leidenschaftlich: Claus Peymann wird 75 Bild: dpa

Berlin - Er selbst bezeichnet sich als «Prinzipal alter Ordnung» und «ein staunenswertes Monstrum, das noch immer eine bestimmte Ethik des Berufes hochhält.» Claus Peymann will mit dem derzeit angesagten Spektakel- und Performance-Theater nichts zu tun haben.

Und wenn Kritiker sein Berliner Ensemble deshalb als «Museum» bezeichnen, antwortet er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa stolz und trotzig: «Manchmal ist das Museum der lebendigste Ort einer Stadt.» Am Donnerstag (7. Juni) feiert Peymann seinen 75. Geburtstag.

Ganz bewusst setzt der Intendant des Berliner Ensembles auf klassische Interpretationen klassischer Stücke. Mit Videoclips, Dramen-Kurzfassungen oder der Vermischung von Schauspiel und Kunstperformance betreiben die Theater eine «exzessive Selbstzerstörung», wie Peymann meint. «Die großen Stoffe, die großen Geschichten werden einfach zerstückelt, marginalisiert und ironisiert. Dadurch zerstört das Theater seine ureigenste Einzigartigkeit - indem es die großen Geschichten und die großen Schauspieler abschafft.»

Die Rechnung liege ja auf dem Tisch: «Die meisten Theater werden nicht mehr gut besucht», so Peymann. «Oft sind sie zur reinen Selbstdarstellungsbühne geistig unterbemittelter Regisseure geworden. Da muss nur einer auf einem Fakirbrett liegen und sich öffentlich einen runterholen, und schon gilt das als Avantgarde», wettert der Theaterregisseur.

«Oder jemand scheißt auf die Bühne. Er nimmt zu Beginn der Aufführung eine Abführtablette ein und dann warten das Publikum und die Schauspieler auf der Bühne darauf, wann es endlich seine Wirkung tut. Das hat dann den dramatischen Reiz, wann wirkt das Abführmittel.» Mit so einem Theater habe das Berliner Ensemble nichts zu tun. «Wir dagegen wollen die Werte bewahren, die aufklärerische Tradition der deutschen Klassik bis Brecht aufnehmen.»

Über Stuttgart, Bochum und Wien kam Peymann vor 13 Jahren zum Berliner Ensemble. Autoren wie Thomas Bernhard und Thomas Brasch, Botho Strauß, Peter Turrini, Peter Handke, George Tabori und Elfriede Jelinek gehörten und gehören zu seinen Weggefährten. Für Peymann ist das Theater immer auch ein politischer Ort, an dem Missstände in der Gesellschaft angeprangert werden sollen. Theatermachen sei eine öffentliche Tätigkeit, sagt er. «Folglich ist ein Theaterdirektor jemand, der sich zu Wort melden muss.»

Und so machte Peymann in den vergangenen Jahren manchmal mehr Schlagzeilen mit seinen politischen Äußerungen und Aktionen als mit seinen Inszenierungen. Er zeigte Solidarität mit Handke, als der Autor wegen seiner Serbien-Sympathie in der Kritik stand. Peymann selbst wurde scharf kritisiert, als er dem ehemaligen RAF-Terroristen Christian Klar ein Praktikum an seinem Theater anbot. Das erinnerte an die 70er Jahre, als der Theaterleiter am Stuttgarter Staatstheater in einer aufsehenerregenden und folgenschweren Aktion Spenden für die Zahnbehandlung von RAF-Häftlingen sammelte.

Eigentlich könnte sich Peymann zurücklehnen. Er hat viel erreicht, Theater- wie Politikergemüter erregt: Von der Berliner Schaubühne - zu deren Gründungsmitgliedern er zusammen mit Peter Stein gehörte - und dem bürgerlichen, ihn nach seiner Spendenaktion für die RAF- Häftlinge nicht mehr duldenden Stuttgart über «dieses proletarisch dunkle Kohlerevier-Theater Bochum» bis in die «Ersatzmonarchie» des Wiener Burgtheaters.

Peymann schrieb Theatergeschichte: Mit seinen Heiner-Müller-Uraufführungen und Kleists «Hermannsschlacht» am Bochumer Schauspielhaus sowie seinen Uraufführungen von Bernhard (wie dem spektakulären «Heldenplatz» 1988), Handke, Tabori und Turrini. Heute sagt Peymann: «Ich bedauere, dass wir nicht Stücke bekommen, die mehr mit unserer Gegenwart zu tun haben. Außer der "Dreigroschenoper" gibt es kein Stück zum Thema Banken - dem neuen Krebs unserer Gesellschaft.»

Noch zwei Jahre läuft Peymanns Vertrag am Berliner Ensemble. Ob der am 7. Juni 1937 in Bremen als Sohn eines Studienrates geborene Theatermacher danach wirklich ans Aufhören denkt? Wer weiß, «vielleicht mache ich dann was ganz anderes: fahre mal nach Amerika. Oder ich bin in meinem Garten glücklich», sagt der Unermüdliche. Seinen 75. Geburtstag feiert Peymann bei einer «kleinen Geburtstagsjause» mit den 700 Theaterbesuchern, die an diesem Abend im Berliner Ensemble zu Gast sind. «Und ich freue mich jetzt schon, wenn ich mich dann verbeuge - und dann geht es im Hof noch ein bisschen unter die Leute.»

Berliner Ensemble

news.de/dpa

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