Durchgehört Rückkehr der Legenden

Jahrescharts 2011
Die Chartstürmer in Deutschland

Von news.de-Mitarbeiter Michael Kraft
Auch noch da? Das muss man bei gleich drei aktuellen CDs denken. Reinhard Mey veröffentlicht das Live-Album Gib mir Musik! Paul McCartney legt sein altes Soloalbum Ram neu auf. Die H-Blockx kehren nach fünf Jahren mit Hblx zurück.

62 Konzerte in 62 Tagen spielte Reinhard Mey im vergangenen Jahr. Immer nur mit seiner Gitarre, immer im Stehen, immer ausverkauft. Das ist ein strammes Programm für einen 69-Jährigen. Aber hört man sich Gib mir Musik! an, die zwei CDs umfassende Dokumentation dieser Konzertreise, dann wird sofort klar: Von Stress kann hier keine Rede sein. Reinhard Mey genießt das, was er tut. Mehr noch: Er kann gar nicht anders. «Gib mir Musik» – das ist keine Forderung, die sein Publikum an ihn stellt. Es ist ein Bedürfnis, das er selbst immer wieder herausschreit.

Musik nennt er in einer der Ansagen zwischen den Liedern «meinen Stoff, meinen Treibstoff», die Menschen im Publikum begrüßt Reinhard Mey als «verwandte Seelen». Das ist kein bisschen kitschig, denn in der Tat kann man auf Gib mir Musik! eine in dieser Form in Deutschland wohl einmalige Symbiose erleben: Künstler und Fans sind sich einig, dass sie schon damals auf der richtigen Seite standen. Sie sind stolz darauf, dass sie es heute noch immer tun – und dass sie sich die ganze Zeit gegenseitig in ihrem Sichtreubleiben unterstützt haben. Das gibt es wohl auch beim politischen Kabarett, aber hier kommt die emotionale Bindung hinzu, die nur ein Liebeslied aufbauen kann, das einmal in schlechten Zeiten Trost gespendet hat.

Es gibt entsprechend viel Nostalgie, wobei die insgesamt 26 Lieder auf Gib mir Musik! beweisen, dass Reinhard Mey den Blick auch in jüngeren Jahren schon gerne nach hinten gerichtet hat. Das war ein guter Tag oder Herbstgewitter über Dächern zeigen: Die Sehnsucht nach Unschuld, nach Vergangenheit und Ursprünglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere. Dazu kommen eine sympathisch große Dosis Selbstironie (Danke, liebe gute Fee, Ich bin), ein unvergleichlicher Blick für die Poesie des Alltags (Selig sind die Verrückten, Gute Seele), eine immer wieder rührende Romantik (Wir sind eins, Drachenblut) und ein ausgeprägter Sinn für Humor (Männer im Baumarkt, Musikpolizei). 

Auch Sei wachsam erklingt. Das Lied aus dem Jahr 1996 bekam durch Castor-Transport und Stuttgart 21 wieder neue Relevanz und wurde bei den Protesten gerne gesungen, erzählt Reinhard Mey mit hörbarem Stolz. «Bravo», ruft jemand, als dieses Protestlied zu Ende ist. Dieser Moment ist vielleicht die beste Erklärung für das, was Reinhard Mey heute ausmacht: Er ist der Michael Schanze der 68er-Generation. Er singt einschmeichelnde, scheinbar unschuldige Lieder wie beim Kinderquatsch mit Michael. Und die Wutbürger sitzen auf seinem Schoß – und fühlen sich geborgen.

Interpret: Reinhard Mey
Album: Gib mir Musik!
Plattenfirma: Emi
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Seit Paul McCartney kein Beatle mehr ist, sagt man seinen Alben gerne einen Mangel an Ehrgeiz nach. Er begnüge sich allzu schnell mit hübschen Liebesliedern, Seichtigkeit, Wohlklang. Wenig bis nichts reiche noch an die Kreativität, den Forscherdrang, das Einzigartige der Beatles-Ära heran.

Bei Ram, im Mai 1971 als zweites Soloalbum von Paul McCartney erschienen, kann davon keine Rede sein. Die Beatles waren endgültig Geschichte, und der damals gerade 28-Jährige hatte durchaus etwas zu beweisen. Erstmals seit vielen Jahren war seine musikalische Unfehlbarkeit infrage gestellt worden. Sein Solo-Debüt McCartney hatte die Kritik fast einhellig zerrissen. Auch John Lennon machte sich lustig über das Werk, das der einstige Kollege fast komplett im Alleingang eingespielt hatte.

Nun ist Ram neu veröffentlicht worden, klanglich restauriert und mit einer Bonus-CD, die B-Seiten und zusätzliches Material enthält. Die Wiederentdeckung lohnt unbedingt, denn Paul McCartney hat seine eigene Messlatte hier hörbar höher gelegt. Es gibt ein paar Seitenhiebe auf Yoko Ono (Too Many People), herrliche Opulenz im Sgt. Pepper-Stil (Uncle Albert/Admiral Halsey), elegische Balladen wie den hübschen Rausschmeißer The Back Seat Of My Car oder unterhaltsamen Dadaismus wie das irre Monkberry Moon Delight.

Freilich krankt Ram auch an der fast durchweg grassierenden lyrischen Banalität. Es gibt hier tatsächlich Lieder über stinkende Füße und die Vorzüge eines gemeinsamen Mahls, zudem eine Überdosis Linda McCartney, die ganz offiziell als Co-Autorin des Albums fungiert. Das zeigt, dass Sir Paul in dieser Phase seiner Karriere durchaus kreativ und ehrgeizig war, aber dringend ein Korrektiv gebraucht hätte, um die eine oder andere Schnapsidee wegzulassen oder zu verfeinern.

Interpret: Paul McCartney
Album: Ram
Plattenfirma: Universal
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

Ein Auftritt bei Rock am Ring brachte H-Blockx dazu, nach dem bisher letzten Werk aus dem Jahr 2007 noch einmal eine neue Platte zu machen. Auf der Festivalbühne hatten sie gemerkt, wie gut ihr Sound funktioniert, und nun wollten sie diese Energie im Studio einfangen.

Das ist auf Hblx, dem siebten Album des Quartetts aus Münster, beeindruckend gut gelungen. Das vielleicht beste Beispiel dafür ist die Single Can't Get Enough. Das Lied arbeitet eigentlich nach dem bekannten H-Blockx-Rezept: Bassist Stephan «Gudze» Hinz spielt ein Funk-Riff, dazu gibt es harte Gitarren von Tim «Tinte» Humpe, eine Kuhglocke und Rap. Aber H-Blockx schaffen es hier, auch noch ein Orchester-Sample einzuschmuggeln und in den Sprechgesang tatsächlich eine gute Portion Snoop Dogg zu packen, und diese Mixtur wird zum echten Spaßpaket.

Überhaupt wird der Gesang von Henning Wehland auf Hblx zu so etwas wie der Geheimwaffe. Er hat neben dem Kraftmeier mittlerweile noch ganz neue Facetten in sich entdeckt, und das lässt H-Blockx nicht nur spannender, sondern auch moderner klingen. Es gibt hier erstaunlich viel Frische und Inspiration. The Bitch Is Back hat als weiterer Höhepunkt beispielsweise so viel Feuer zu bieten, dass die Beatsteaks neidisch werden dürften. Hblx wird somit zu einer sehr erfreulichen Rückkehr und zum Beweis: Erfahrung und Kompetenz müssen noch lange nicht Routine bedeuten.

Interpret: H-Blockx
Album: Hlbx
Plattenfirma: Embassy Of Music
Erscheinungsdatum: bereits erschienen

jag/news.de

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