Fernsehen Tops, Flops und Retro-Pop: Die ESC-Finalisten 2012

Baku - Wilde Frauen, sanfte Männer, Stadion-Pop und Polka-Klänge, absurde Frisuren und Retro-Kleider: Im Finale des Eurovision Song Contest 2012 am Samstagabend treffen Pop-Welten aufeinander.

Tops, Flops und Retro-Pop: Die ESC-Finalisten 2012 (Foto)
Tops, Flops und Retro-Pop: Die ESC-Finalisten 2012 Bild: dpa

Die 26 Teilnehmer im Kurzporträt in der Startreihenfolge (die Chancenwertung erfolgt ohne Gewähr):

1. GROSSBRITANNIEN, Engelbert Humperdinck, «Love Will Set You Free» Der Schmalzonkel der 60er und 70er Jahre zeigt es noch einmal allen Jungspunden. Hohn und Spott nach der Nominierung Engelberts sind nun Respekt und Anerkennung gewichen. Der 76-Jährige überzeugt in Baku mit Professionalität, Freundlichkeit und Coolness - und mit seiner starken Ballade. Chancen: Könnte ganz weit vorn landen.

2. UNGARN, Compact Disco, «Sound Of Our Hearts» Sie heißen zwar Compact Disco, doch was die ungarischen Musiker präsentieren, ist bester Pop-Rock. Vielleicht ist das Lied etwas zu gewöhnlich für den ESC, aber als Radio-Hit weit tauglicher als viele andere Wettbewerbstitel. Chancen: Vielleicht in den Top Ten.

3. ALBANIEN, Rona Nishliu, «Suus» Was für eine Frisur! Rona Nushliu singt nicht nur wie ein Geschöpf vom anderen Stern, sie sieht auch so aus. Mit ihrem Dreadlock-Turm auf dem Kopf könnte sie dem Science-Fiction-Film «Das fünfte Element» entstiegen sein. Ihre Stimme lässt die Kristallgläser in der Wohnzimmervitrine klirren. Chancen: Ganz vorn oder ganz hinten - Mittelmaß geht anders.

4. LITAUEN, Donny Montell, «Love Is Blind» Er ist schon 24, sieht in seinem schwarzen Anzug aber irgendwie aus wie ein Konfirmand - und so tanzt er auch. Wenn er erstmal die schwarze Augenbinde vom Kopf gerissen hat, geht er ab wie einer, der zu viel «Flashdance» und «Footloose» gesehen hat. Chancen: «Musikalisch ein Blindgänger», meint ARD-Kommentator Peter Urban.

5. BOSNIEN-Herzegowina, Maya Sar, «Korake Ti Znam» Moment mal, sitzt da Katja Ebstein am Klavier? Ach nein, ist nur Epsteins Kleid - oder das von Marlène Charell? Zumindest stammt dieser Halbfinal-Alptraum aus schwarzer Spitze irgendwo aus den 70ern - und lenkt damit von der Ballade ab. Chancen: Abgeschlagen.

6. RUSSLAND, Buranowskije Babuschki, «Party For Everybody» Die Pop-Omis in Trachten und Bastschuhen sind mit dem folkloristisch angestimmten Bum-Bum-Partysong absoluter Mega-Kult in Baku. Dabei singen sie bei ihrem Tanz um einen Steinofen teils unverständlich auf Udmurtisch. Chancen: Ganz weit vorn, viele erwarten sogar einen Zweikampf mit Loreen aus Schweden um die Krone.

7. ISLAND, Greta Salóme & Jónsi, «Never Forget» Mystischer Pop zwischen sanften Elfen-Klängen und Eissturmbrausen: Das Duo schafft es mit Violine und Gänsehautstimmen, das Urwesen seines Heimatlandes in einem Drei-Minuten-Song zu bündeln - und hat damit auch die ESC-Fans überzeugt. Chancen: Für Island dürfte eine bessere Platzierung herausspringen als der 19. Rang bei Jónsis ESC-Debüt 2004.

8. ZYPERN, Ivi Adamou, «La La Love» Billige Trash-Nummer mit einsilbigem Tralala. Dass die 18-Jährige überhaupt den Sprung ins Finale schaffte, sorgte bei manchem für Kopfschütteln. Aber immerhin taugt die Nummer für einen unbeschwerten Discotanz. Chancen: Der wohl unausweichlich letzte Platz.

9. FRANKREICH, Anggun, «Echo (You And I)» Pfiffiger Rock-Retro-Pop eines Stars, der im Moment als meistgespielte französischsprachige Sängerin gilt. Liebe, so das Fazit des Songs, ist das, was wirklich zählt zwischen den Menschen. Chancen: Die wohl beste Platzierung seit Jahren, eben ganz weit vorn.

10. ITALIEN, Nina Zilli, «L'Amore È Femmina (Out Of Love)» Eine Mischung aus Amy Winehouse und Penélope Cruz mit einem echten Hammersong: Italien hat mit Nina Zilli alles, was das ESC-Herz begehrt - und meint es offensichtlich ernst mit seinen Grand-Prix-Ambitionen: Nach 13 Jahren Pause und Platz zwei im vergangenen Jahr gibt es nun dieses Brett. Chancen: Baku-Beobachter sehen Italien ganz weit oben und schließen einen Sieg nicht aus.

11. ESTLAND, Ott Lepland, «Kuula» Der 24-jährige Tenor Ott Lepland lässt Frauenherzen schmelzen oder höherschlagen - je nach Temperament. Seine Ballade «Kuula» ist ein Ohrwurm, in dem man sich leicht verliert. Chancen: Könnte ähnlich einschlagen wie die Charmeure Dima Bilan und Alexander Rybak, die 2008 und 2009 gewannen.

12. NORWEGEN, Tooji, «Stay» Der Norweger Tooji mit iranischen Wurzeln sieht nicht nur so aus wie der Schwede Eric Saade, der 2011 beim ESC antrat - sein Song «Stay» klingt auch verdächtig nach Saades «Popular». Vielleicht keine schlechte Wahl, schließlich landete Schweden damit in Düsseldorf auf Platz drei. Chancen: Entweder Top Ten oder - weil schon zu oft gehört - weiter hinten.

13. ASERBAIDSCHAN, Sabina Babajewa, «When The Music Dies» Soulig-rauchige Ballade einer Musicalsängerin, die für den Gastgeber am liebsten den Siegertitel des Vorjahres von Ell & Nikki («Running Scared») verteidigen würde. Aber die eigens für den Grand Prix gebaute Crystal Hall wird ihr auch nicht helfen bei dem Heimspiel. Chancen: Durchschnittlicher Mainstream mit Mittelfeld-Aussicht.

14. RUMÄNIEN, Mandinga, «Zaleilah» Sommerlauniger Latino-Pop mit Akkordeonsound von einer sexy Sängerin, die im ersten Halbfinale trotz Problemen der Technik den Sprung schaffte. Manele heißt der in dem EU-Land extrem populäre Musikstil, der bisweilen auch soliden Ost-Pop erinnert. Chancen: Kaum herausragend und eher Schlussfeld.

15. DÄNEMARK, Soluna Samay, «Should've Known Better» Die Dänin bringt auch ein Stück Deutschland mit in den Wettbewerb: Nein, nicht Dauerkomponist Ralph Siegel ist der deutsche Anteil, sondern Solunas Stuttgarter Vater, der als Straßenmusiker früher mit seiner Tochter durch deutsche Fußgängerzonen tingelte. Chancen: Das schöne Singer/Songwriter-Lied im Stile von Sheryl Crow könnte in den Top Ten landen.

16. GRIECHENLAND, Eleftheria Eleftheriou, «Aphrodisiac» Die Griechen machen es sich diesmal etwas sehr leicht: Eine hübsche Sängerin mit sexy Tänzerinnen, ein eingängiger Party-Pop-Song mit einem leicht erotisierenden Titel und einem Hauch griechischer Folklore untergemengt. Subtil geht anders. Chancen: Untere Tabellenhälfte.

17. SCHWEDEN, Loreen, «Euphoria» Loreen ist DIE Top-Favoritin - aber warum nur? Okay, ihr mystischer Dance-Popsong «Euphoria» und der düstere Auftritt haben schon was eigenes, aber richtig schöner Pop geht anders. Und vielen Fans - gerade in Osteuropa - ist das alles etwas zu dunkel und zu wenig party-fröhlich. Chancen: ESC-Favoriten gewinnen selten, stürzen aber auch selten ab.

18. TÜRKEI, Can Bonomo, «Love Me Back» Can Bonomo entstammt einer jüdischen Familie und hat mit seiner Nominierung in seiner Heimat durchaus kontroverse Diskussionen ausgelöst. Doch mit seiner offenen, freundlichen Art und seinem fetzigen Pop-Jazz-Ethno-Song, der traditionelle türkische Ankläge hat, konnte er die Nation auf seine Seite ziehen. Chancen: Die Türkei ist immer für die Top Ten gut.

19. SPANIEN, Pastora Soler, «Quédate Conmigo (Stay With Me)» Eingängige Popballade einer Sängerin, die in ihrer Heimat nach neun Alben extrem beliebt ist. Die 33-Jährige will mit einem Mix aus spanischer Volksmusik und Pop nach 43 Jahren ohne Musikkrone für ihr Land den Thron wieder besteigen. Chancen: Eine gute Top-Ten-Platzierung.

20. DEUTSCHLAND, Roman Lob, «Standing Still» «Unser Star für Baku» unterstreicht seine Gänsehaut-Ballade mit einem waschechten Welpenblick, der nicht nur Teenager zum schwärmen bringt. Das radiotaugliche Epos von dem britischen Musiker Jamie Cullum hat der 21-Jährige immer wieder live in Baku gesungen. Chancen: Zwischen Rang fünf und sieben, aber sicher Top Ten.

21. MALTA, Kurt Calleja, «This Is The Night» Als Chorknabe ist Kurt Calleja bereits vor Papst Johannes Paul II. aufgetreten, nun steht er vor zig Millionen Menschen in ganz Europa. Und dafür brauchte es drei Anläufe in der nationalen Qualifikation. Sein Dance-Titel bringt Energie und Bewegung auf die Bühne. Chancen: Gutes Mittelfeld.

22. MAZEDONIEN, Kaliopi, «Crno I Belo» Die 45-Jährige Kaliopi wird in ihrer Heimat als echte Diva verehrt. Schon in Ex-Jugoslawien war sie landesweit ein Star, nun vertritt sie nach einem missglückten Anlauf 1996 endlich ihre Heimat Mazedonien beim ESC. Chancen: Die rockige Ballade überzeugt in der vorderen Tabellenhälfte.

23. IRLAND, Jedward, «Waterline» Die irischen Flummis hüpfen wieder. Die hyperaktiven Zwillinge John und Edward waren DIE Sensation des ESC in Düsseldorf. Der Überraschungseffekt ist mittlerweile aber verpufft, und viel Neues haben die beiden Zappelphilippe nicht zu bieten. Noch dazu ist ihr Song schwächer als der 2011er-Ohrwurm «Lipstick». Chancen: Für Platz acht wie im vergangenen Jahr dürfte es kaum reichen.

24. SERBIEN, Željko Joksimovic, «Nije Ljubav Stvar» Der Serbe ist ein bisschen unbemerkt ins Finale gerutscht, denn bislang hatte ihn noch niemand so recht auf dem Zettel. Dabei ist er schon so eine Art Veteran: 2004 wurde Željko Joksimovic als Sänger ESC-Zweiter, außerdem war er zweimal als Komponist in den Top Ten und moderierte 2008 den ESC in seiner Heimat. Chancen: Diesmal dürfte es mit den Top Ten schwierig werden.

25. UKRAINE, Gaitana, «Be My Guest» Nein, das ist nicht der offizielle Song zur Fußball-EM in Polen und der Ukraine - könnte es aber gut sein. Wenn die dunkelhäutige Gaitana zu «Be My Guest» über die Bühne fegt, dann könnten selbst Stadien erzittern. Chancen: Die Mitsing-Hymne könnte weit vorn landen.

26. MOLDAU, Pasha Parfeny, «Lautar» Die Moldauer schaffen es immer wieder, die ESC-Fangemeinde mitzureißen: Ob mit Polka-Oma (2005) oder funkigem Punk-Sound (2011), die kleine Nation landete oft recht weit vorn. Auch Pasha Parfeny versucht es wieder mit einer fetzigen Nummer irgendwo zwischen Balkan-Pop, Straßen-Swing und Party-Hit - eingängig und groovend. Chancen: Ein Top-Ten-Kandidat.

Offizielle Starterliste

news.de/dpa

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